Europas Prestigeprojekt des Südlichen Korridors

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso (L) reiste 2011 mit EU-Energiekommissar Günther Oettinger (R) nach Aserbaidschan und Turkmenistan, um die Gasversorgung über den "Südlichen Korridor" voranzutreiben. Foto: EC

Die Nabucco-Pipeline war lange Hauptprojekt für den Südlichen Korridor und wurde zum Symbol einer erfolgreichen Energie-Außenpolitik der EU stilisiert. SWP-Expertin Kirsten Westphal erläutert, warum die Umsetzung dieses Projektes sehr schleppend verläuft.

Die Nabucco-Pipeline war lange Hauptprojekt für den Südlichen Korridor und wurde zum Symbol einer erfolgreichen Energie-Außenpolitik der EU stilisiert. Diese Exportmagistrale für den Südlichen Korridor soll durch die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich Gas aus Aserbaidschan, Zentralasien, dem Iran und dem Mittleren Osten über mehrere Zulieferstränge nach Europa transportieren. Diese Pipeline ist auch in EU-Dokumenten als wichtiges Infrastrukturprojekt und Teil der Transeuropäischen Netze ausgewiesen. Die EU-Kommission hat im Herbst 2011 auch das Mandat bekommen, mit den zentralasiatischen Staaten zu verhandeln.

Allerdings verlief die Umsetzung dieses Projektes sehr schleppend. Das Nabucco-Konsortium wird von der österreichischen OMV geführt, und ihm gehören weiterhin die ungarische MOL, die rumänische Transgaz, die bulgarische Bulgargaz, die türkische Botas und die deutsche RWE an.

Ein Strang, der die Nabucco speisen könnte, ist die Baku-Erzrurum-Pipeline, durch die erstmals im Mai 2007 Gas aus dem aserbaidschanischen Shah-Deniz-Feld in die Türkei geliefert wurde.

Kleinere Projekte ins Spiel gebracht

Zur ersten Schicksalsfrage für die Nabucco wird die Entscheidung des Shah-Deniz-Förderkonsortiums, das von der BP geführt wird, darüber, wer den Zuschlag für die Gasmengen aus dem Shah-Deniz-Feld in der Phase II bekommt. Die Entscheidung wurde immer wieder vertagt. Sollte Nabucco nun nicht den Zuschlag von 10 Milliarden Kubikmetern erhalten, wäre das Projekt praktisch tot. Angesichts der Unklarheit bei EU-Binnennachfrage und zur Verfügung stehender Gasexportmengen haben sich mittlerweile kleinere Projekte, die aber die Möglichkeit eines Upgrade erlauben, ins Spiel gebracht: die Transadria-Pipeline (TAP), der Interconnector Türkei-Griechenland-Italien (ITGI), der freilich seit Februar wieder aus dem Rennen ist, seit Herbst 2011 die Südost-Europa Pipeline (SEEP) und schließlich Nabucco West.

Exportrouten für aserbaidschanisches Öl und Gas sind jeweils wichtige Elemente, um nicht zu sagen eine Grundvoraussetzung für den Export zentralasiatischen Gases nach Europa. Erst 2007 wurde Aserbaidschan ein Netto-Exporteur für Gas via die Baku-Erzrurum Pipeline.

Zahlreiche sowohl strategische als auch kommerzielle Hürden stehen der Realisierung entgegen. Vor allem steht die Frage im Raum, woher die zusätzlichen Gasmengen für die Transportkapazität der Nabucco-Pipeline von jährlich 31 Mrd. Kubikmeter kommen sollen. Nordirak und perspektivisch der Iran waren immer wieder im Gespräch. Naheliegend wäre die Einspeisung von zentralasiatischem Gas, doch auch das steht in den Sternen, weil die Zukunft einer transkaspischen Pipeline durch das Kaspische Meer ungewiss ist.

Angesichts der unsicheren Nachfrageentwicklung in Europa und der knappen Finanzmittel ist die Attraktivität des Nabucco-Projekts zuletzt gesunken, und Zweifel an seiner Realisierung haben den kleiner dimensionierten Projekten Vorschub geleistet.

Eigene Pläne verfolgt

Die Überlegung, den Südlichen Korridor auch mittels kleinerer Pipelines zu etablieren, die die Möglichkeit eröffnen, sukzessive Kapazitäten zu erhöhen, gewinnt an Überzeugungskraft.

Allerdings zeigt die Tatsache, dass Aserbaidschan und die Türkei eine Vereinbarung über den Bau einer Transanatolischen Pipeline beschlossen haben, dass beide Länder eigene Pläne verfolgen. Aserbaidschan möchte sich auf dem europäischen Gasmarkt als strategischer Lieferant etablieren, die Türkei setzt auf ihre Position nicht nur als Energiebrücke, sondern auch als Umschlagplatz für kaspisches Gas.

Für die EU wäre das eine suboptimale Lösung, da sich dann ein strategisch wichtiger Pipelinestrang außerhalb ihres regulativen Zugriffs befände.

Turkmenistan hat wiederum mit dem Projekt der Ost-West-Pipeline vom Osten des Landes an die Küste des Kaspischen Meeres deutlich gemacht, dass es Gas nach Europa exportieren möchte. Denn Europa würde wohl die besten Preise zahlen. Das Land hat allerdings wenig unternommen, um international Transportwege für turkmenisches Gas nach Westen voranzubringen.

Dem Bau einer Transkaspischen Pipeline steht immer noch der schwelende Streit um den Rechtsstatus des Kaspischen Meeres entgegen.

Mit dem Iran sind die Fragen über die künftige Aufteilung der Ressourcen und Wirtschaftszonen kaum geklärt, und auch mit Aserbaidschan schwelt ein Streit um die Grenzen und die Nutzung von Feldern. Zudem hat Russland ökologische Bedenken gegen eine transkaspische Pipeline ins Feld geführt mit Verweis auf die Fischerei und Kaviarproduktion.

Wie Russland konterkariert

Außerdem kommt Russland den strategischen Überlegungen der EU sowohl in Bezug auf die Exportrouten als auch die Gasmengen in die europäischen Märkte zuvor. Da jede existierende Pipeline neue parallele Projekte unwahrscheinlicher werden lässt, weil die Rentabilität und damit die ökonomische Rationalität sinken, gelingt es Russland, die Diversifizierungsbemühungen der EU zu konterkarieren.

Russland hat außerdem konsequent die Strategie verfolgt, die Gasnachfrage des europäischen Marktes mit Gas aus Russland zu saturieren – auch wenn es nicht notwendigerweise aus russischer Produktion stammt. Dieser Logik folgte der Bau der Ostseepipeline (Nord Stream) mit den Partnern BASF-Wintershall, E.On Ruhrgas, Gasunie und Gaz de France/Suez. Der Bau eines dritten und vierten Stranges ist im Gespräch.

Neben der Diskussion um einen möglichen Ausbau der Pipeline Blue Stream durch das Schwarze Meer in die Türkei hat Gazprom mit dem italienischen Konzern Eni, der BASF Wintershall und EDF ein Konsortium zusammengeschmiedet, das den Bau der South Stream vorantreibt, die von Ost nach West durch das Schwarze Meer verlaufen.

Pipeline durch türkische Gewässer

Die South Stream zielt auf die südost- und osteuropäischen Gasmärkte, die vom russisch-ukrainischen Gasstreit hart getroffen wurden und in denen die russische Gazprom eine unangefochtene Stellung hat.

Der Bau der South Stream soll Ende 2012 beginnen, und die nötigen Abkommen hat das internationale Konsortium rund um Gazprom und die italienische Eni bereits. Als letzten Baustein bekam das Konsortium die türkische Genehmigung, die Pipeline durch die türkischen Gewässer im Schwarzen Meer zu verlegen. Das Projekt folgt damit der Logik, Nabucco zu unterminieren, das Monopol für Gaslieferungen aus dem Osten in die EU weitgehend zu erhalten und die eigenen Marktanteile zu behaupten, vor allem aber sollen die Transportmengen durch die Ukraine reduziert werden. Dem Interesse der südeuropäischen Staaten an Diversifizierung seiner Bezüge steht dies allerdings entgegen.

Zur Autorin:

Dr. Kirsten Westphal ist Wissenschaftlerin in der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin und forscht zu globaler Energiesicherheit. Der Artikel ist ein Auszug aus ihrem Beitrag "Internationale Konkurrenz um Energierohstoffe. Zentralasien im Visier der großen Mächte" im Band 22 der Reihe "Globale Solidarität – Schritte zu einer neuen Weltkultur". Das Buch erscheint im Juni 2012 bei Kohlhammer (ISBN 978-3-17-022440-7). Der Text wurde EURACTIV.de vorab zur Verfügung gestellt.


Im Vorfeld eines BP-Forums zum Thema "Erdgas aus Aserbeidschan – Chancen für die Energieversorgung Euopas", das am 24. Mai in Berlin stattfindet, bringt EURACTIV.de eine Serie von Artikeln und Standpunkten. Die Serie wird am Freitag fortgesetzt.


Links:


Bisher erschienen:

EURACTIV.de: Hochspannung vor dem Finale  (15. Mai 2012)

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