Stimmung in östlichen Grenzregionen deutlich besser

Die Arbeitsmarktliberalisierung hat zu keinen "Völkerwanderungen" von Arbeitskräften geführt. Foto: spk

Die Stimmung in den österreichischen Grenzregionen zu Ungarn, Tschechien und der Slowakei hat sich deutlich verbessert. Die Bevölkerung sieht das Zusammenwachsen der Regionen positiv. Die Angst vor den Arbeitskräften aus dem Osten scheint obsolet, die Angst vor Kriminalität bleibt. EURACTIV.de dokumentiert die Studie der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE).

Eine klare Mehrheit der Menschen in den Grenzregionen Niederösterreichs, Oberösterreichs, des Burgenlandes sowie der Nachbarregionen in der Tschechischen Republik, der Slowakei und Ungarn spricht sich für eine verstärkte grenzüberschreitende Zusammenarbeit aus. Dies ist das Ergebnis einer Umfrageserie, die im Auftrag der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) im Sommer 2011 in grenznahen Gemeinden der sieben Regionen durchgeführt und heute veröffentlicht wurde.

ÖGfE-Leiter Paul Schmidt: "Während im Burgenland schon traditionell ein positives Meinungsbild zu den Nachbarn herrscht, haben die oberösterreichischen und niederösterreichischen Grenzregionen seit 2000/01 merklich ‚aufgeholt‘. Die steigende Zahl der Kontakte und der Aufenthalte, der EU-Beitritt der Nachbarländer und der Abbau der Grenzkontrollen haben zu einem Näherrücken der Regionen beigetragen."

Win-Win-Situation für die Regionen

"Noch 2005 wurden etwa die Auswirkungen für den Bereich der Arbeitsplätze in den österreichischen Grenzregionen durchaus kritisch gesehen. Nur 8 bis 16 Prozent der Befragten hatten sich positive Entwicklungen erwartet. Heute ziehen 34 bis 48 Prozent eine positive Bilanz. 12 bis 20 Prozent äußern sich explizit negativ", analysiert Schmidt.

Die Befragten in den vier österreichischen Grenzregionen meinen mehrheitlich, dass sich auch das nachbarschaftliche Verhältnis der Gemeinden (50 – 66 Prozent), der Tourismus (59 – 75 Prozent) und der kulturelle Austausch (67 – 74 Prozent) seit dem EU-Beitritt der Nachbarn positiv entwickelt haben. Jenseits der Grenze ziehen die Befragten eine ähnlich positive Bilanz.

In allen vier österreichischen Befragungsregionen spricht sich die große Mehrzahl der Befragten für eine verstärkte grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Gemeinden in den Bereichen Umweltschutz (88 – 91 Prozent), Wirtschaft (76 – 83 Prozent), Tourismus (78 – 83 Prozent) und Kultur (74 – 79 Prozent) aus. Jenseits der Grenze liegen die Zustimmungswerte teilweise noch höher.

Probleme: Verkehr, Kriminalität, Pendler

Die Entwicklung im Verkehrsbereich wird mehrheitlich negativ gesehen (53 – 61 Prozent). Jenseits der Grenze liegen die Werte niedriger (28 – 33 Prozent).

Als weitere Herausforderung werden die Bereiche Kriminalität und Pendleraufkommen ausgemacht. Schmidt: "In den österreichischen Befragungsregionen nehmen 45 bis 59 Prozent der Befragten an, dass die Kriminalität in den Grenzregionen seit dem EU-Beitritt der Nachbarländer angestiegen ist. Die Zahlen der Sicherheitspolizeidirektionen zeigen einen Anstieg der Gesamtkriminalität jedoch nicht an. Trotzdem: Hier gilt es die Sorgen der Menschen ernst zu nehmen. Dies gilt auch für die Folgen der Arbeitsmarktliberalisierung, die unauffälliger gewesen sind als angenommen."

Rund ein Drittel der Befragten auf österreichischer Seite glaubt, dass aufgrund der Arbeitsmarktöffnung (1. Mai 2011) "viele" Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus dem jeweiligen Nachbarland nach Österreich pendeln werden. Tatsächlich ist – infolge der Arbeitsmarktliberalisierung – mit Ende Dezember 2011 für das Burgenland ein Plus von 1.644 Arbeitnehmern aus Ungarn, für Niederösterreich ein Plus von 1.018 slowakischen und 570 tschechischen sowie für Oberösterreich ein Plus von 304 tschechischen Arbeitnehmern zu vermerken.

Insgesamt betrug der Anteil von Slowaken an der Gesamtbeschäftigung in Niederösterreich zu diesem Zeitpunkt 0,7 Prozent, jener von Tschechen in Niederösterreich 0,6 Prozent und jener von Tschechen in Oberösterreich 0,4 Prozent.

Im Burgenland ist der Anteil von Beschäftigten aus dem Nachbarland mit 9,8 Prozent deutlich höher. (Quellen: BMASK, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger). 

Hauptergebnisse auf einen Blick


Im Folgenden werden die wichtigsten Ergebnisse der Umfragen im Regionenvergleich dargestellt:

• Der Fall des „Eisernen Vorhangs“ vor gut 20 Jahren wird in allen sieben Befragungsregionen mehrheitlich positiv betrachtet. Gegenüber Vergleichsumfragen in den österreichischen Grenzregionen aus den Jahren 2000/2001 ist das Stimmungsbild deutlich positiver geworden.

• In allen sieben Befragungsregionen meint eine Mehrheit, dass sich der EU?Beitritt Ungarns, der Tschechischen Republik und der Slowakei sehr positiv auf die Regionen ausgewirkt hat. Dies betrifft vor allem die Bereiche "nachbarschaftliches Verhältnis der Gemeinden", den Tourismus und den kulturellen Austausch.

• Als Herausforderungen werden hingegen die Bereiche Verkehrsbelastung, Kriminalität und das Pendleraufkommen bewertet.

• Die Frequenz der Kontakte von Österreichern zu Menschen aus dem Nachbarland und der Aufenthalte jenseits der Grenze hat seit 2000/2001 zugenommen. Ausflüge und Einkaufen sind für die Befragten in allen sieben Befragungsregionen das Hauptmotiv für den Aufenthalt im Nachbarland.

• In allen sieben Befragungsregionen ist eine große Mehrheit für die Verstärkung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit der Gemeinden in den Bereichen Umweltschutz, Wirtschaft, Tourismus, Kultur, Vereine und Sport.

• Das Ende der Grenzkontrollen im Zuge des Schengen?Beitritts der Nachbarländer (2007) wird in allen Befragungsregionen mehrheitlich als positiv erachtet.

Befragte in Ungarn, Tschechien und der Slowakei stehen dem Ende der Grenzkontrollen noch positiver gegenüber als die Befragten auf österreichischer Seite.

• Drei Viertel der Slowaken meinen, dass die Einführung des Euro zum Zusammenwachsen der Regionen beigetragen hat. Auf niederösterreichischer Seite sind es knapp 50 Prozent. Was eine künftige Einführung des Euro betrifft, so meinen Ungarn deutlich häufiger als Tschechen, dass dies zu einem stärkeren Zusammenwachsen der Regionen führen wird.

• Die Kenntnisse der Nachbarsprache sind auf österreichischer Seite deutlich geringer als in den Grenzregionen Tschechiens, der Slowakei und Ungarns.

• Der Bekanntheitsgrad von EU?geförderten Projekten in der Region ist in den österreichischen Grenzregionen geringer als jenseits der Grenze.

Resümee


Die Grenzregionen besitzen ein hohes wirtschaftliches und touristisches Potenzial, das ausbaufähig ist: Die Menschen passieren die – nicht mehr vorhandene – Grenze in beiden Richtungen, um einzukaufen und Ausflüge ins Nachbarland zu machen. Dazu kommt der Wunsch einer großen Mehrzahl der Menschen, dass die Gemeinden grenzüberschreitend stärker zusammenarbeiten. Sorgen sind vor allem hinsichtlich der Entwicklung im Verkehrsbereich, der Kriminalität und des Pendleraufkommens auszumachen. Bei den beiden letztgenannten Punkten zeigt sich jedoch eine gewisse Diskrepanz zwischen gefühlter Wahrnehmung der Befragten und den offiziellen Zahlen.

Ein Defizit auf österreichischer Seite ist das geringe Niveau der Kenntnis der Nachbarsprachen.

Hintergrund zum Projekt


Die Umfrageserie "Gelebte Nachbarschaft in der Grenzregion" wird im Rahmen des Zukunftsfonds der Republik Österreich durchgeführt. Das Projekt wird von den Ländern Niederösterreich, Oberösterreich und dem Burgenland unterstützt. Die Umfragen 
wurden auf österreichischer Seite von der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft (SWS), in Ungarn, Tschechien und der Slowakei vom Market Institut durchgeführt.

(Befragt wurden im Zeitraum Juli bis August 2011 je rund 500 Personen per Telefon.)

red

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