Ostseeländer als verkannte Musterschüler

Die Ostsee hat mehr Potenzial, als dieser Strandkorb vermuten lässt. Es muss bloß entdeckt werden (Foto: dpa)

Im Juni übernimmt Deutschland die Ostseeratspräsidentschaft. Nicht nur für Innovation, sondern auch für Integration sei der Ostseeraum der eigentliche Vorreiter, der im Vergleich zur Mittelmeerunion verkannt werde. Noch werde er von Berlin und Brüssel sträflich vernachlässigt. Das meinen die Botschafter, Politiker, Wissenschaftler und Lobbyisten, die sich jüngst in der finnischen Botschaft in Berlin getroffen haben, um über die „Ostsee als Innovationsraum“ zu diskutieren.

Die Ostsee solle nicht als Umweltproblem gesehen, sondern als Region großen wirtschaftlichen Potenzials wahrgenommen werden. Zu dieser Betrachtungsweise rief Harry Helenius, der finnische Botschafter in Deutschland, gleich zu Beginn der Präsentation der Studie „Ostseeraum: Potenziale und Herausforderungen“ des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts HWWI auf. Der Ostseeraum verfüge über großes Innovationspotenzial und gut ausgebildete Fachkräfte, die man brauche. Darin waren sich alle Referenten bei der Präsentation einig.

Rainder Steenblock, Präsidiumsmitglied der Europäischen Bewegung Deutschlands (EBD), betonte die Bedeutung des Ostseeraums als „zentrales Feld der Ökonomie“. Während Risto Penttilä, Hauptgeschäftsführer der Zentralen Handelskammer Finnlands, kräftig die Werbetrommel für finnische Ingenieure rührte und prophezeite, dass „der Norden die Führungsrolle übernehmen werde.“ Schützenhilfe gab es von der Wissenschaft.

Überflieger und Nachzügler

„Der Strukturwandel hin zu einer Wissensgesellschaft ist ein Trend, dem man nicht entkommen kann“, meint Silvia Stiller, Forschungsdirektorin des HWWI und Co-Autorin der Studie. Deshalb müsse sich die Region hier zukünftig auf dem Weltmarkt behaupten.

Derzeit gibt der Ostseeraum noch ein sehr heterogenes Bild ab. Überflieger wie Nachzügler prägen die Makroregion.

Im European Innovation Scoreboard gehören vier Ostseeanrainer zu den TOP Ten: Schweden, Finnland, Dänemark und Deutschland. Diese Spitzenplätze verdanken sie ihrer Spezialisierung auf wissensintensive Dienstleistungen. „Eine klaffende Lücke gibt es dagegen zu den neuen EU-Ländern“, sagt Stiller. Mit Ausnahme Estlands bestehe bei diesen „dringender Aufholbedarf“.

Laut Stiller gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Investitionen in Forschung und Entwicklung und Innovationsfähigkeit. Das beste Beispiel hierfür sei die Zahl der Patente pro tausend Einwohner, bei denen die jungen EU- Mitglieder kaum „Innovationserfahrung“ zeigten.

Des Weiteren seien Cluster, die Vernetzung über Grenzen hinweg, essenziell für die Erzeugung einer „kritischen Masse für Innovationsprozesse“ gerade in der Gesundheits-, Kreativ- und Energiewirtschaft. Mit dem Medicon Valley und der Blaiken Wind Farm lieferten Dänemark, Finnland und Schweden den Beweis. Potenziellen Nacheiferern rät sie „keine Cluster auf grünen Wiesen zu bauen, sondern sich an bestehende Strukturen zu halten.“

Vorbild für Integration

Im Hinblick auf die Mittelmeerunion und die Schwarzmeerkooperation sei der Ostseeraum „ein wichtiger politischer Erfahrungsraum“, so Steenblock. In der Linie der Hanse sehe er den Ostseeraum als „demokratische Kernzelle“ und „Modellraum der Integration, nachbarschaftlichen Zusammenarbeit und Kommunikation.“

 Von Brüssel und Berlin wünsche er sich deshalb mehr außenpolitische Aufmerksamkeit für die Region. Die Anerkennung als Makroregion sei zwar ein erster Schritt gewesen, doch die Fördergelder sprächen eine andere Sprache. Die Mittelmeerunion sei da „lobbymäßig“ besser aufgestellt. Einer Nord-Süd-Spaltung wolle er aber nicht Vorschub leisten.

Als „bloßes Lippenbekenntnis“ bezeichnet Stiller die Ostseepolitik der EU. Gleichzeitig warnt sie jedoch vor einer „Abschottung durch zu viele Makroregionen". „Die Arbeitsteilung sollte nicht danach gestaltet werden, wer der Nachbar ist, sondern wer der Beste ist.“

Im Juni dieses Jahres wird Deutschland die Ostseeratspräsidentschaft übernehmen.

Hintergrund Ostseeraum

Der Ostseeraum umfasst heute Russland sowie die EU-Mitgliedsländer Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Lettland, Litauen, Polen und Schweden. Im Zuge der EU-Ost-Erweiterung 2004 ist die Ostsee zu einem EU-Binnenmeer geworden. Mit 147 Millionen Menschen leben 29 Prozent der EU-Bevölkerung in den acht Ostseeanrainerstaaten, die zur EU gehören. Sie erwirtschaften 29 Prozent des Bruttoinlandprodukts der EU-Länder.

Darüber hinaus sind die Staaten ein wichtiger Handelspartner: 2009 waren sie für 33 Prozente der Exporte innerhalb der EU und 30 Prozent aller EU-Importe verantwortlich.

Die bedeutendste politische Organisation des Raums ist der Ostseerat. Er wurde 1992 von Deutschland und Dänemark mit dem Ziel initiiert, nach der deutschen Wiedervereinigung eine Brücke zwischen Ost und West zu schlagen. Der Ostseerat besteht aus den 11 Mitgliedsländern Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Island, Lettland, Litauen, Norwegen, Polen, Russland, Schweden und einem Vertreter der EU-Kommission. Deutschland wird im Juli dieses Jahres den jährlich rotierenden Vorsitz des Ostseerates übernehmen.

Schwerpunkte der deutschen Präsidentschaft werden eine stärkere Einbindung Russlands allgemein und des Ostseerates in die EU-Ostseestrategie sein. (EURACTIV.de vom 10. Juni 2009)

2009 hatte die EU den Ostseeraum zur Markroregion erklärt.

Sabrina Schadwinkel


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Die Studie Zukunft Ostseeraum: Potenziale und Herausforderungen des HWWI ist im Auftrag der Handelskammer Hamburg und der Europäischen Bewegung Deutschland (EBD) und mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes erfolgt.

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