Web 2.0: Neue Möglichkeiten, neue Risiken [DE]

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Neue anwenderfreundliche Technologien haben das Internet interaktiver gemacht und ermöglichen es Millionen von Nutzern, selbst Inhalte zu erstellen und erhöhen die Zahl der Online verfügbaren Dienste. Die eingeführten Veränderungen haben eine Art Internet der zweiten Generation erschaffen – das so genannte Web 2.0. 

Hintergrund

Als das Internet in den 1990er Jahren Millionen von Nutzern erreichte, wurde es als alternatives Medium angesehen, auch wenn es primär noch auf herkömmlichen Medienkonzepten beruhte. 

Wie das Fernsehen und die Zeitung ermöglicht es den Nutzern, unidirektional auf Inhalte zuzugreifen – jedoch mit dem zusätzlichen Vorteil, dass eine virtuell unendliche Menge an Informationen zur Verfügung steht. E-Mails – die zwar auf einem anderen System basieren, für viele aber nur über das Internet zur Verfügung stehen – waren in den Anfangsjahren des Internets die meistgenutzten interaktiven Funktionen. Foren und Chats entwickelten sich ebenfalls, wurden jedoch nur von bestimmten Gruppen genutzt. 

Mit Web 2.0 entsteht eine neue Generation von Aktivitäten und Diensten, die im Wesentlichen bi- oder multidirektional sind. Interaktion ist das Schlüsselwort, während die Unterscheidung zwischen den Erschaffern und den Nutzern der Inhalte immer mehr verschwimmt. 

Probleme

Blogs und Wikis

Die meisten bekannten und prägenden Bestandteile des Internets der zweiten Generation sind Blogs, soziale Netzwerke und Wikis. Der Austausch von Dateien (File-sharing) und Open-Source-Software sind aus einer ähnlichen Idee heraus entstanden, waren aber bereits vor dem Aufkommen von Web 2.0 weit verbreitet.

All dies ermöglicht es den Nutzern, zu aktiven Erzeugern von Inhalten zu werden. Mit einem Blog kann jeder sein eigenes Online-Tagebuch erstellen, um private und öffentliche Themen zu diskutieren (siehe unser Links Dossier). Internetseiten für soziale Netzwerke, wie MySpace und Facebook, sind zum wichtigsten Treffpunkt im Internet geworden, da sie den Nutzern ermöglichen, sich zu unterhalten, Videos und Photos auszutauschen, Gemeinschaften bzw. Gruppen zu schaffen und Beziehungen aufzubauen. 

Wikipedia, meist genutzten Online-Enzyklopädie, die sich dank Beiträgen von Millionen von Nutzern ständig weiterentwickelt, machte Wikis berühmt. Der Begriff „Wiki“ wird für Internetseiten benutzt, durch die Nutzer an der Erstellung von Inhalten mitarbeiten können.

Neue Dienste

Dank der Verbreitung anwenderfreundlicher Technologien ist das Internet darüber hinaus zu einer Plattform für eine neue Generation von elektronischen Diensten (E-Diensten) geworden und führt damit zu einer weiteren technologischen Annäherung. Online-Telefonie wird nun, besonders vorangetrieben durch Skype, von einer Reihe unterschiedlicher Betreiber angeboten. Streaming bedeutet, dass Menschen über das Internet fernsehen, aber auch an Online-Videokonferenzen teilnehmen oder privat über Webcams kommunizieren können.

Zudem wächst der Markt für zielgruppenorientierte Werbung, indem neue und komplexere Technologien sowie größere Datenbanken zur Verfügung gestellt werden. Syndikation (RSS) ist zu einer der wichtigsten Aktivitäten von Marketingunternehmen, Medien und Blogs geworden ist.

E-Commerce hinkt noch hinterher, wächst jedoch beständig. Finanzdienste befinden sich dank Online-Banking und Aktienhandel zunehmend in Reichweite aller. E-Health (elektronisches Gesundheitswesen), E-Government (elektronische Behördendienste) und E-Learning (Lernen über das Internet) rücken das Internet in den öffentlichen Raum und ermöglichen es Behörden, ihre Dienste für die Bürger zu verbessern.

Sicherheit und Datenschutz

Die Wanderung von Diensten und Aktivitäten von der realen in die virtuelle Welt, die dank neuer Technologien möglich ist, bringt eine Reihe von Vorteilen mit sich, hat jedoch auch Kehrseiten. 

Die erhöhte Geschwindigkeit und der Umfang des Datenverkehrs im Internet werfen Fragen zur Verlässlichkeit des Netzes auf. Die Infrastruktur des Internets muss eine umfassende Verbesserung erfahren, um mit der steigenden Nachfrage mithalten zu können.

Die besorgniserregenden Aspekte von Web 2.0 hängen mit Sicherheit und Datenschutz zusammen. Die einfach zu benutzenden Instrumente, die für das neue Internet der zweiten Generation typisch sind, machen das Internet zu einer Plattform für eine steigende Anzahl finanzieller Transaktionen, vom Einkauf von Waren bis hin zu elektronischen Bankkonten.

Einige Länder zahlen die Gehälter ihrer Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes über das Internet und Posten jeder Art sind online mit einem einfachen Passwort zugänglich. Dies erhöht die Bedenken darüber, ob das Netz ausreichend vor Internetkriminalität geschützt ist.

Der Erfolg von Sozialen Netzwerken ist das beste Beispiel für die Veröffentlichung personenbezogener Daten über das Internet. Facebook-User legen Details ihres Privatlebens mit einer besorgniserregenden Leichtigkeit offen. Fälle des Missbrauchs dieser Informationen sind bereits weitverbreitet.  

Obwohl die Nutzer ihre Daten auf solchen Internetseiten freiwillig freigeben, ist sich die Mehrheit nicht der Menge an privaten Informationen bewusst, die während des Surfens im Internet gesammelt wird. 

Suchmaschinen erhalten und speichern nach jeder durchgeführten Suche Daten. Der Inhalt persönlicher E-Mails wird auf gesonderten Servern gespeichert und in einigen Fällen zu Werbe- und Sicherheitszwecken durchsucht. Zielgruppengenaue Werbeanzeigen und verbesserte Suchwerkzeuge sind die direkten Folgen einer vermehrten und detaillierteren Datenerfassung. Es bleibt abzuwarten, wie schwerwiegend der Schaden des Missbrauchs dieser Daten sein wird.

Positionen

  • Web 2.0 und das Internet der Zukunft

Die Kommissarin für die Informationsgesellschaft Viviane Reding lieferte die prägnanteste Definition von Web 2.0 während einer Konferenz in Hongkong im Jahre 2006: Man erlebe einen neuen, zerstörerischen Abschnitt der Informationsgesellschaft. Einige würden es Web 2.0 oder das Schaffen sozialer Netzwerke nennen. Die Bestandteile seien Blogs, Podcasts, Wikis, Soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Auktionsseiten, Spiele, VoIP und Peer-to-Peer-Dienste. Das neue an diesem Gebrauch des Internets sei, dass es seine Verbindungsfähigkeit nutze, um Menschen bei der Entwicklung von Netzwerken zu unterstützen und Inhalte zu schaffen.  

Ihr für Wissenschaft und Forschung zuständiger Kollege Janez Poto?nik sagt, Europa müsse bei dieser wesentlichen Technologie an der Spitze bleiben. Das Internet sei eine Anlage, in den man investieren müsse. Wenn es Europa gelinge, die Zukunft des Internets zu entwerfen, werde es künftig besser gelingen, die Zukunft der Welt mitzugestalten, fügt er hinzu.

Der slowenische Wachstumsminister Žiga Turk, dessen Land gegenwärtig die EU-Ratspräsidentschaft der ersten Jahreshälfte 2008 innehat, betonte die Vorteile von Web 2.0 und sagte, das Internet basiere heute auf einer viel umfassenderen Teilhabe. Das wichtigste sei, es mehr talentierten Menschen zu ermöglichen, sich kreativ und innovativ zu beteiligen.

Laut Tim O’Reilly, dem Internet-Guru, der als erster Web 2.0 definiert hatte, sind die essentiellen Bestandteile des Internets der zweiten Generation folgende: „Dienste, keine Paketsoftware, mit kosteneffizienter Skalierbarkeit; Kontrolle über einzigartige, schwer nachzubildende Datenquellen, deren Wert proportional zur Nutzungshäufigkeit steigt; Vertrauen in Anwender als Mitentwickler; Nutzung kollektiver Intelligenz; Erreichen des ‚Long Tail’ mittels Bildung von Communities etc.; Erstellung von Software über die Grenzen einzelner Geräte hinaus; Leichtgewichtige User Interfaces, Entwicklungs- und Geschäftsmodelle.“

Geert Lovink, ein niederländischer Professor und Wissenschaftler für die neuen Internetentwicklungen, sagt, es müsse sich ein kultureller Wandel vollziehen, um das Internet und sein Potential wirklich verstehen zu können. Man müsse das so genannte „E-Syndrom“ überwinden, das uns daran hindert, verschiedene Disziplinen auf das Internet zu übertragen. Man müsse von einer auf Erbe basierenden Kultur zu einer zukunftorientierten Kultur übergehen.

Diogo Vasconcelos von Cisco, ein Technologieunternehmen, bezeichnet das Aufkommen von Blogs als eine Alternative zu traditionellen Medien und als neue politische Kraft, und führt er das Beispiel Südkoreas an. Er sagt, die koreanische Internetseite „ohmynews“ sei ein Beispiel dafür, was in Zukunft passieren würde. Sie beschäftigt nur 60 professionelle Journalisten, hat aber 60 000 Bürger als Berichterstatter. Der koreanische Premierminister könnte ohne die Unterstützung dieser Seite nicht gewählt werden.

Hinsichtlich zukünftiger Trends träumt die Telekommunikationsbranche von einem mobilen Internet, durch das alle miteinander verbunden sind. Jan Uddenfeldt, Senior-Berater des Geschäftsführers von Ericsson betont, dass das Internet in der Zukunft erheblich wachsen und die Mehrheit der Nutzer in wenigen Jahren mobil sein werde.

  • Herausforderungen und Regulierung

Als er für Justiz und Inneres zuständig war, konzentrierte sich der EU-Kommissar Franco Frattini auf das Problem, dass die Gefahren und die Rechte der Handhabung privater Daten der Öffentlichkeit nur in geringem Maße bewusst sind: „Datenschutzgesetze sollen dafür sorgen, dass mit personenbezogenen Daten respektvoll und mit der gebührenden Sorgfalt umgegangen wird. Rechte und Schutzmaßnahmen haben jedoch nur einen Sinn, wenn jeder weiß, dass sie existieren und wie man sie geltend machen kann“, sagte er kürzlich in einer Rede.

„Wir wollen dafür sorgen, dass die bestehenden Vorschriften richtig angewandt werden und dass jeder und vor allem diejenigen, die die Daten verarbeiten, wissen, was ihre Rechte und Pflichten sind”, fügte Frattini hinzu.

Seine für die Informationsgesellschaft zuständige Kollegin Viviane Reding betonte die Wichtigkeit, die Sicherheit des Netzes zu verbessern. Die IKT-Branche sei das Nervensystem der heutigen Gesellschaft. Probleme in der Telekommunikationsbranche schädigten auch andere Sektoren, wie beispielsweise die Energieversorgung oder Finanzdienstleistungen. Die gegenseitige Abhängigkeit gehe weit über nationale Grenzen hinaus, daher müsse man sich gemeinsam zu verteidigen. Dies sagte Reding und kündigte eine neue EU-Initiative für 2009 an, um den gemeinsamen Schutz vor Angriffen im Internet zu erhöhen.   

Andy Wyckoff, der Leiter des OECD-Ausschusses für Informations-, Datenverarbeitungs- und Fernmeldepolitik (ICCP), konzentriert sich auf die Probleme der Infrastruktur. Es sei eine große technische Herausforderung, überall, auch in ländlichen Gebieten, Glasfaserkabel zu verlegen, sagte er. Er verwies auf die Notwendigkeit schnellerer Internetverbindungen und die Verbreitung von Breitbandanschlüssen. Letztere beträgt gegenwärtig in der EU durchschnittlich 20%.

Dag Johansen, Chefwissenschaftler bei Fast, dem Unternehmen, das für die Entwicklung von Suchmaschinen zuständig ist und gerade von Microsoft aufgekauft wurde, machte darauf aufmerksam, dass man im Internet viele Spuren hinterlasse. Datenschutz sei dabei die Hauptsorge. Derzeit sei es den Nutzern noch egal; eines Tages jedoch werde man sich diesem Problem annehmen müssen.

Die Mehrheit der Menschen glaube, dass Aktivitäten im Internet viel privater seien, als sie es tatsächlich seien, so ein Vertreter von BEUC, der europäischen Verbraucherorganisation. 

In einer Stellungnahme von FEDMA, dem europäischen Dachverband für Direkt- und Interaktivmarketing, heißt es, es gebe Bestimmungen zur Transparenz über die Sammlung und Weiterverwendung personenbezogener Daten. Es sei kein Neuland, einzig die Technologien seien schneller. Gleichzeitig erkennt das Dokument an, dass stets mehr getan werden könne, um sicherzustellen, dass die Verbraucher wüssten, wo sie Informationen über ihre Rechte finden und wie ihre Daten genutzt werden könnten. 

Zeitstrahl

  • Vor 1992: Das Internet entwickelt sich als akademisches Netzwerk. 

  •  

    Bis 2001: Das Internet hat eine Million Nutzer in der ganzen Welt und zieht beträchtliche Investitionen an und schafft die so genannte Dotcom-Manie. 

  • Bis 2005: Die „Dotcom-Blase“, die durch übermäßig hohe Gewinnerwartungen aus dem Internet entstanden ist, platzt und führt zum „Dotcom-Crash“. 

  • Oktober 2004: Erste O’Reilly-Konferenz, die als erste öffentliche Veranstaltung gesehen wird, um Web 2.0 zu definieren. 

  • 6. und 7. Oktober 2008: Die französische EU-Ratspräsidentschaft wird in Nizza eine Konferenz über die Zukunft des Internets mit dem Schwerpunkt auf Radiofunkfrequenz-Identifikation („Internet der Dinge“) abhalten. 

  • 5. bis 7. November 2008: Der nächste Web 2.0-Gipfel, eine Weiterentwicklung der ersten O’Reilly-Konferenz, wird in San Francisco, Kalifornien, stattfinden. 

  • 3. bis 6. Dezember 2008: Das nächste Internet Governance Forum, die wichtigste Veranstaltung für Entscheidungsprozesse im Zusammenhang mit dem Internet, wird in Hyderabad, Indien, stattfinden. 

  • 10. bis 12. Dezember 2008: In Madrid findet die von der EU gesponserte Future Internet Conference statt.

Weitere Informationen

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