WebTV-Sender soll Bürgern Parlament näher bringen [DE]

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Das Europäische Parlament hat gestern (17. September 2008) den Startschuss für EuroparlTV, den WebTV-Sender des EP, gegeben. Das Projekt soll vor den Europawahlen wieder mehr Interesse für Politik bei den Bürgern wecken.

Ziel des Senders ist es, den europäischen Bürgern das Parlament auf moderne und kreative Weise näher zu bringen. Seine Befürworter hoffen, mit dem neuen Onlinesender die Wahlbeteiligung bei den Europawahlen im nächsten Juni besonders bei den jüngeren, technikversierten Wählern deutlich erhöhen zu können.

Bei der Inbetriebnahme des Senders sagte EP-Präsident Hans-Gert Pöttering mit Blick auf die anstehende Europawahl im Juni 2009 stelle EuroparlTV „ein hervorragendes Internet-Tool für die Bürger, insbesondere für junge Menschen, dar.

Alejo Vidal-Quadras, der für Information und Kommunikation zuständige Vize-Präsident des EP, erzählte EURACTIV, dass EuroparlTV dem „politischen Desinteresse“ entgegenwirken könne, dem man „überall, nicht nur bei den jungen Leuten oder bei europapolitischen Themen“ begegne.

“Die Europäischen Institutionen sind für die EU-Bürgern nicht greifbar genug. Die Leute machen sich ihre Präsenz nicht bewusst“, meint Vidal-Quadras in der Hoffnung, dass die live übertragenen Programme und Debatten daran etwas ändern können. „Wir hoffen darauf, die Menschen zu Hause erreichen zu können – live.“

Kosten und Kritik

Alle Programme werden in mehr als 20 Sprachen übersetzt, wodurch EuroparlTV Vertretern des Parlaments zufolge „einmalig in der Welt“ ist. Einige Programme werden im Off-Ton-Modus übertragen, andere mit Untertiteln versehen, erklärten sie. Damit sollen so viele Bürger wie möglich erreicht werden.

Eine Ausstrahlung über das Internet sei kosteneffizienter, meint Marie-Hélène Descamps, eine französische Europaabgeordnete der Mitte-Rechts-Fraktion EVP-ED. Sie machte aber auch auf die Probleme, ein Interesse an EU-Themen bei einer weitgehend gleichgültigen Öffentlichkeit zu wecken, aufmerksam. „Man bringt einen Esel, der nicht durstig ist, nicht zum Trinken“, meinte sie zu EURACTIV France.

Das Projekt ist mit einem Jahresbudget von 9 Millionen Euro ausgestattet, von denen der größte Teil in die Produktion der Programme und die Übersetzung fließen wird. Allein auf die Übersetzungen wird mehr als die Hälfte des gesamten Budgets aufgewendet werden. Von diesen Ausgaben werden hauptsächlich die 44 Vollzeit-Übersetzer bezahlt, die EuroparlTV in 22 Sprachen zum Leben erwecken sollen. Euronews zum Vergleich wird in acht Sprachen ausgestrahlt.

Skeptiker kritisierten das Projekt schnell als überteuerte Zeitverschwendung. Tom Wise, ein Europaabgeordneter der britischen Unabhängigkeitspartei UKIP, die einen Ausstieg Großbritanniens aus der EU erreichen will, verspottet EuroparlTV als „extravagantes Projekt“, das der Öffentlichkeit so „entsetzlich langweilige“ Programme wie die Live-Übertragung der Sitzungen des parlamentarischen Fischereiausschusses bringe. Wise zufolge sei die Initiative nichts als aufdringliche Propaganda.

Francesca Ratti, Generaldirektorin für Kommunikation beim Europäischen Parlament meinte zu EURACTIV, dass EuroparlTV Teil einer „Familie“ von interaktiven und audiovisuellen Tools sei, dass sich zum Ziel gesetzt habe, eine Verbindung zwischen den Europäischen Institutionen und den EU-Bürgern herzustellen. „Auch wenn es wichtig ist, dass diese Internetseiten die individuellen Elemente der einzelnen Institutionen hervorheben, ist am wichtigsten, dass die EU eine zusammenhängende und gemeinsame Botschaft aussendet.“ Sie fügte hinzu, dass EuroparlTV „sowohl Journalisten als auch Bürgern direkten Zugang zum Europäischen Parlament“ gewähre.

Tena Prelec, Personalmanagerin und Verantwortliche für das Network beim European Students’ Forum, einem der größten fachübergreifenden Studentenverbände Europas, war von dem Projekt begeistert. Sie halte es für eine gute Idee. Ihrer Erfahrung nach, könne man mit Printmedien immer weniger erreichen. Der Weg der Zukunft liege im Internet.

Die griechische Europaabgeordnete Katerina Batzeli, Vorsitzende des Kulturausschusses im Parlament, erklärte, EuroparlTV sei eine moderne Technologie, die jedem Bürger, insbesondere der jungen Generation, "die demokratische Teilnahme an aktuellen europäischen und nationalen Themen" ermögliche. EuroparlTV sei zudem ein hervorragendes Beispiel dafür, wie neue Technologien und neue Medien dabei helfen können, die Bürger über die wichtigen Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen, zu informieren.

EuroparlTV  besteht aus vier verschiedenen Sendern, die sich an unterschiedliche Zielgruppen wenden:

  • Ihr Parlament wendet sich an Zuschauer mit einem speziellen Interesse an Politik auf EU-Ebene, z. b. sachkundige Bürger, Verbände, Sozialpartner, Lobbyisten, Akademiker sowie Mitarbeiter der EU-Institutionen.  
  • Ihre Stimme ist auf die Bedürfnisse der allgemeinen Öffentlichkeit zugeschnitten und bietet die Möglichkeit der Veröffentlichung von Zuschauerbeiträgen.   
  • Junges Europa richtet sich vorrangig an Kinder im schulpflichtigen Alter, sprich an Vielnutzer des Internets und die europäischen Wähler der Zukunft.  
  • Parlament LIVE bietet durchgehende Berichterstattung über Live-Veranstaltungen des Parlaments, insbesondere Plenartagungen, mit einem Link zu den audiovisuellen Archiven vorangegangener Tagungen sowie der Arbeit der Ausschüsse in den kommenden Monaten.  

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