Sarkozys EU-Einwanderungsagenda ‚eine klare Sache‘ [DE]

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Das europäische Einwanderungsabkommen, das Präsident Nicolas Sarkozy abschließen will, habe nach Meinung von Diplomaten gute Chancen, ein wesentlicher Erfolg der französischen EU-Ratspräsidentschaft zu werden.

Frankreich erhält die breite Unterstützung der EU-Länder, nachdem die ablehnende Haltung des Parlaments überwunden werden konnte, und profitiert von der kürzlich durchgeführten Ernennung eines französischen Kommissars für Justiz und Inneres. Daher treibt das Land weiter entschlossen seine Agenda voran, mit der es die Einwanderung in Europa unter Kontrolle bringen will.

Ein Diplomat sagte, nach der Rückkehr von Silvio Berlusconi in Italien werde Sarkozy nicht länger als ein Extremist gesehen werden, der versuche, Einwanderer fernzuhalten.

Der französische Minister für Einwanderung und nationale Identität, Brice Hortefeux, hat sich mehr denn je bemüht und jeder europäischen Hauptstadt einen Besuch abgestattet, um die französische Idee eines europäischen Einwanderungsabkommens anzupreisen. Mit seinen Worten sei die Initiative mit „außerordentlicher Zustimmung“ aufgenommen worden, da alle Länder die gleichen Sorgen über Migration teilten. 

Das Europäische Parlament wohlwollender denn je

Der Richtlinienentwurf für die Rückführung von Immigranten wird als das Rückgrat des Abkommens erachtet. Er hat eine gute Chance, angenommen zu werden, da gestern (4. Juni 2008) deutlich wurde, dass die Mehrheit der Europaabgeordneten den Kompromiss befürwortet. Die interinstitutionelle Vereinbarung beinhaltet, dass der Rat die Richtlinie annehmen wird, wenn das Parlament keine neuen Änderungsanträge annimmt.

Die Fraktion der Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE) spielte eine entscheidende Rolle im Hinblick auf frühere Anspannungen zwischen der führenden Mitte-Rechts-Fraktion EVP-ED und den europäischen Sozialdemokraten (SPE) in dieser Angelegenheit. Die Schattenberichterstatterin der ALDE-Fraktion, Jeanine Hennis-Plasschaert (VVD, Niederlande), sagte, ALDE werde das Kompromisspaket unterstützen, auch wenn es nicht perfekt sei. Sie deutete an, dass die einzige böse Überraschung von den Sozialdemokraten kommen könne, da sich diese nicht einig seien.

Obwohl deren Vorsitzender Martin Schultz eine Erklärung vorbrachte, die im Grunde die Ambitionen der französischen Ratspräsidentschaft begrüßt, legten sozialdemokratische Europaabgeordnete 18 neue Änderungsanträge für den Kompromiss vor. Experten sagen jedoch, die Chancen, dass diese angenommen würden, seien gering.

Strenge Maßnahmen

Die Verfahren müssen vom Rat noch offiziell angenommen werden (EURACTIV vom 25. April 2008). Sie sehen eine Frist für eine „freiwillige Ausreise“ illegaler Einwanderer von bis zu vier Wochen vor. Wenn der illegale Einwanderer während dieses Zeitraums nicht freiwillig in sein Heimatland zurückkehrt, können die nationalen Behörden eine „Abschiebungsanordnung“ ausstellen.

Derartige Abschiebungsanordnungen enthalten ein Wiedereinreiseverbot von maximal fünf Jahren. Danach können die Länder Zwangsmaßnahmen anwenden, um die Rückübernahme von illegalen Einwanderern, normalerweise auf dem Luftweg, durchzuführen, die sich weigern, zurückzukehren.

Für denn Fall, dass es ernste Gründe für die Annahme gibt, dass illegale Einwanderer sich versteckt halten, haben sich die EU-Länder auf ein Verfahren geeinigt, nach dem sie die Einwanderer unter „vorläufiger Gewahrsamnahme“ halten. Eine solche Inhaftierung sollte normalerweise mindestens sechs Monate dauern und eine maximale Dauer von 18 Monaten nicht überschreiten, so der Richtlinienentwurf.

Wenn ein illegaler Einwanderer, dem eine Abschiebungsanordnung ausgestellt wurde, in einem anderen Mitgliedstaat entdeckt wird, kann er an die Behörde des Landes zurückverwiesen werden, in dem die Anordnung ursprünglich ausgestellt worden war. Dieses Land müsste die Kosten übernehmen.

Es wurden Bestimmungen vereinbart, um die Vereinbarkeit mit den Menschenrechtsstandards sicherzustellen und um die Würde des Einzelnen zu wahren.

Kommission steht Frankreich hilfreich zur Seite

Sich auf die Bedenken über das europäische Einwanderungsabkommen beziehend, sagte Kommissionsvizepräsident Jacques Barrot, er werde einen Vorschlag vorlegen, der gemeinsame Grundprinzipien beinhalten werde, die sicherstellen würden, dass die Maßnahmen die Rechte, Freiheiten und Grundsätze vollständige wahrten, die in der Grundrechtecharta der EU verankert seien.

Die Vorstellung eines Vorschlages und eine Pressekonferenz werden am 17. Juni 2008 im Europaparlament in Straßburg stattfinden.

Amnesty International und der Europäische Rat für Flüchtlinge und im Exil lebende Personen (ECRE) waren unter den wenigen, die die „Rückführungsrichtlinie“ kritisiert haben. Indem das Europäische Parlament diesen Kompromisstext angenommen habe, werde es seine eigenen Grundsätze untergraben, die Menschenrechte zu schützen, und es zulassen, dass die EU-Gesetzgebung die bestehenden internationalen Menschenrechtsstandards schwächt. Dies erklärte Nicholas Berger, der Leiter des EU-Büros von Amnesty International.

Man brauche zwar eine Richtlinie zur Rückführung – aber nicht um jeden Preis. Man sei insbesondere besorgt über die überhöhten Inhaftierungszeiträume der Richtlinie und das Fehlen wirklicher Chancen für Migranten, das Land eigenständig zu verlassen, bevor sie mit Gewalt entfernt würden, fügte Bjarte Vandvik, der Generalsekretär des ECRE hinzu.

Martin Schultz, der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Fraktion (SPE) im Europäischen Parlament, erklärte, dass die Sozialdemokraten eine gemeinsame europäische Einwanderungs- und Asylpolitik unterstützten – wenn dabei die Mitgliedstaaten die Verantwortung teilten und die Menschenrechte respektiert würden. Er fügte hinzu, dass die Wichtigkeit legaler Einwanderung nicht unterschätzt werden sollte. Die Sozialdemokraten haben auch empfohlen, dass die Maßnahmen zur Eindämmung illegaler Einwanderung von Entwicklungsprojekten in den Einwanderungsländern begleitet werden sollten.

Die Europaabgeordnete Jeanine Hennis-Plasschaert (ALDE, Niederlande) sagte, die französischen Pläne für ein „europäisches Einwanderungsabkommen“ seien – mit ihren Worten – insgesamt höchst reizvoll, empfahl aber der Präsidentschaft, auch andere Komponenten als die Rückführungsrichtlinie zu verfolgen, wie die „Blue Card“-Initiative oder Asylpolitik. Zudem sollte sie sicherstellen, dass die Initiativen angenommen werden.

Ein Sprecher der Grünen, Helmut Weixler, sagte EURACTIV gegenüber, seine Fraktion sei gegen den Kompromiss, doch man sei sich auch darüber im Klaren, dass man nichts dagegen tun könne, dass diese Entscheidung angenommen werde. Der Hauptkritikpunkt der Grünen betreffe die bis zu 18monatige Gewahrsamnahme, das Entfernen von Kindern vom EU-Gebiet und die Rückführung ins Durchgangsland.

Frankreich möchte während seiner Ratspräsidentschaft eine gemeinsame europäische Einwanderungspolitik vorantreiben. Dabei befindet sich das schwierige Thema der illegalen Einwanderung ganz oben auf der Agenda (EURACTIV vom 11. April 2008). Laut des französischen Einwanderungsministers Brice Hortefeux würde das geplante Einwanderungsabkommen auf drei Säulen stehen:

  • die Ablehnung von ‚Massenregelungen’;
  • die Harmonisierung der Asylpolitik, und;
  • Regelungen für die Rückführung von illegalen Einwanderern.

Um eine gemeinsame Lösung zu finden, wird es entscheidend sein, eine Partnerschaft mit den südlichen Ländern zu gründen. Frankreich will daher eine Annäherung zwischen der EU und ihren Nachbarn im Mittelmeerraum erreichen – durch die Schaffung einer „Union für das Mittelmeer“, die am 13. Juli 2008 ins Leben gerufen werden soll.

  • 5. Juni 2008: Rat Justiz und Inneres in Luxemburg.

  • 16. Juni 2008: Abstimmung im Parlament, Straßburg. Vizepräsident der Kommission Barrot wird EU-Grundprinzipien vorlegen, um im Bereich Einwanderungspolitik besser zusammenarbeiten zu können.

  • 15. und 16. Oktober 2008:  Europäischer Rat in Brüssel.

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