Eine von Harris Interactive durchgeführte Umfrage hat ergeben, dass die meisten europäischen Bürger die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel als einflussreichste Regierungschefin Europas erachten. Tony Blair ist der bevorzugte Kandidat für den Posten des EU-Präsidenten – ein großer Teil der Befragten sagte allerdings, er würde es vorziehen, wenn dieser Posten überhaupt nicht geschaffen würde.
Die Mehrheit der Franzosen (68%), Spanier (57%) und Deutschen (57%) sieht Deutschland heute als das führende Land in Europa, so die Umfrage, die am 4. April 2008 veröffentlicht wurde. Die Umfrage untersuchte eine Reihe von Fragen, darunter auch, wer das Potential habe, der nächste Präsident Europas zu werden. Sie wurde in Internet durchgeführt und es wurden in Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Spanien, Italien und den Vereinigten Staaten 6 478 Erwachsene (im Alter von 16 bis 64) befragt.
Über Staatschefs befragt, favorisierten die Europäer stark Angela Merkel, welche die Rangliste in den europäischen Ländern anführt. Sie wird von 38% der Franzosen, 29% der Deutschen, 30% der Spanier, 27% der Italiener und 18% der Briten als die einflussreichste Staatschefin in Europa erachtet. Für Nicolas Sarkozy stimmten 18% seiner Landsmänner, 10% der Deutschen, 16% der Spanier, 13% der Italiener, und 9% der Briten. Der britische Premierminister Gordon Brown erhielt mit 1% aus Frankreich, 3% aus Deutschland, 7% aus Spanien und 11% aus Italien eine bescheidene Anzahl von Stimmen. Ein großer Unterschied hierzu wird deutlich, was die Wahrnehmung der Amerikaner betrifft: Sie sehen Brown als einflussreichsten Staatschef in Europa (23%), verglichen mit 8% für Merkel und 9% für Sarkozy.
Der Präsident der Europäischen Kommission José Manuel Barroso wird von 8% der Franzosen, 11% der Deutschen, 6% der Spanier und 11% der Italiener als der einflussreichste europäische Politiker angesehen. 6% der Amerikaner sehen ihn als den einflussreichsten Politiker in Europa.
Jean Claude Juncker aus Luxemburg ist der Rangliste zufolge der einzige Regierungschef, der als möglicher Mitbewerber um den Posten des Präsidenten in Frage käme. Dennoch erhielt er nut 1% der Stimmen aus Frankreich, 2% aus Deutschland, 1% aus Italien und weniger als 1% aus Spanien und Großbritannien.
Auf die Frage „Wenn morgen europäische Präsidentschaftswahlen wären, wen würden Sie wählen?“ antworteten die meisten Europäer „den ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair“. Blair wird von 8% der Franzosen und Spanier, 4% der Deutschen, 13% der Briten und Italiener und 15% der Amerikaner als der passende Kandidat für den Posten angesehen. Der ehemalige spanische Premierminister Felipe Gonzalez punktete in seinem Land hoch (24%), findet aber in anderen Ländern beinahe gar keine Beachtung. Die Namen zweier Osteuropäer treten in Erscheinung –Vaclav Havel, der ehemalige Präsident der Tschechischen Republik, und Bronislaw Geremek, ein polnischer Politiker; sie erzielen aber nur eine bescheidene Anzahl von Stimmen.
Der französische Präsident Nicolas Sarkozy unterstützte den Gedanken des „Präsidenten Blair“ Ende vergangenen Jahres stark. Mehrere Meinungsmacher jedoch lehnen die Vorstellung ab, dass Blair der erste Ratspräsident sein könnte. Einige behaupten, dass Blair das Recht, ein wahrer Europäer zu sein, eingebüßt habe, als er den USA in den Irakkrieg gefolgt war – eine Tatsache, die zu Meinungsverschiedenheiten entlang der Spannungslinie „altes Europa – neues Europa“ geführt hatte.
Darüber hinaus hatte der belgische Außenminister Karel De Gucht Blairs Gesuch, der erste Vollzeit-Präsident der Europäischen Union zu werden, eine kalte Dusche verpasst. De Gucht sagte, Belgien würde keinen Kandidaten eines Landes akzeptieren, das sich nicht vollständig an allen politischen Bereichen der EU beteilige – dies umfasse auch den Euro als Währung sowie die passfreie Zone der Union. Großbritannien nimmt an beiden nicht teil und behält zudem seine so genannten „roten Linien“ hinsichtlich Polizeiwesen, Justiz und innere Angelegenheiten bei.
Ein Großteil der Europäer glaubt, dass „es keinen Präsidenten von Europa geben“ solle: Dieser Meinung sind 21% der Franzosen, 32% der Deutschen, 46% der Briten, 14% der Italiener und 16% der Spanier.
Gemäß des Vertrags von Lissabon, auf den man sich im Dezember 2007 nach dem Scheitern einer vorgeschlagenen EU-Konstitution einigte, müssen die EU-Staats- und Regierungschefs für eine Dauer von zweieinhalb Jahren einen Präsidenten für den Europäischen Rat wählen. Der Präsident darf ein Mal wieder gewählt werden. Der Lissabon-Vertrag, der am 1. Januar 2009 ratifiziert werden soll, sieht auch vor, die Präsidentschaft der Europäischen Kommission beizubehalten.

