Ähnlich wie in vielen europäischen Staaten so wird auch in Österreich engagiert über die „Zukunft der Zeitungen“ diskutiert. Doch anders als in manchen EU-Staaten geht es hier auch um die Rolle der Boulevardpresse, die mit dem Vorwurf der Käuflichkeit der Berichterstattung konfrontiert ist.
Das ¨Forum für Zukunftsfragen¨, eine 2012 gegründete Diskussionsplattform (www.alois-mock-institut.at), suchte zusammen mit führenden Medienexperten nach Ursachen und Perspektiven der Zeitungskrise. 2011 betrug der weltweite Medienumsatz 1,6 Billionen US Dollar, bis 2016 wird er auf 2,1 Billionen US Dollar anwachsen. Die Medienwelt hat Zukunft, der Geruch des frisch bedruckten Zeitungspapiers sollte erhalten bleiben, wesentliche Umstrukturierungen stehen bereits auf der Tagesordnung.
Frage nach Existenzberechtigung
In den vergangenenen Wochen wurden von den Verlagsverantwortlichen mehrerer großer österreichischer Zeitungsverlage Rationalisierungs- und Sparmaßnahmen nicht nur angekündigt, sondern auch schon in Angriff genommen. Das Resultat sind unter anderem Entlassungen von Redakteuren, über einzelne Medien hinausgehende Kooperationen. Von Zeitungseinstellungen ist – im Gegensatz zu Deutschland – noch nicht die Rede.
Grundsätzlich zeigt man sich optimistisch, wenngleich zugestanden wird, dass es zwangsläufig zu einer Neu- und Weiterentwicklung der Medienlandschaft kommen wird. Das heißt konkret, die auf Papier gedruckte Zeitung wird nicht vom Markt verschwinden und der Elektronik Platz machen. Bei aller Kritik an der so genannten "Ökonomisierung der Medien", letztlich müssen auch Zeitungsverlage wirtschaftlich geführt werden.
Die Zukunft wird plakativ in zwei Sätze gefasst: „Wer keine Existenzberechtigung hat, wird nicht überleben. Überleben werden Qualitäts- und Lokalzeitungen sowie Unterhaltung.“
Macht der Medien – trifft Journalisten wie Politiker
Eine besondere Rolle spielt in Österreich die Boulevard- und Gratispresse. Ins Gerade geraten sind diese Blätter dadurch, dass sich einige politische Parteien und deren Spitzenrepräsentanten in der Vergangenheit das Wohlwollen in der Berichterstattung durch ein Übermaß an Inseratenschaltungen staatlicher und städtischer Unternehmen erkauft haben.
Aufgeflogen ist dieses System durch die "Affäre Faymann". Mittlerweile hat es zu einem vom Parlament beschlossenen Transparenzgesetz geführt, wonach alle diese Zuwendungen offengelegt werden müssen. Einerseits – so der Tenor der Debatte – "sind sich viele Journalisten nicht bewusst, welche Macht sie haben", was nach einer qualifizierten Ausbildung ruft. Andererseits dürfen aber "Politiker nicht diktieren, sondern müssen sich Kritik gefallen lassen".
Zeitungen sind keine Schraubenfabriken
Während Lokalzeitungen sich oftmals aufgrund des klar umrissenen Zielgebietes und vieler freier Mitarbeiter leichter tun, wirtschaftlich geführt zu werden, ist bei Qualitätszeitungen der Kostenfaktor weit höher. Das bedingt schon allein der Blattumfang, die Notwendigkeit, Auslandskorrespondenten zu beschäftigen, namhafte Autoren zu honorieren, umfassende, zeitaufwändige Recherchen zu betreiben.
Um auf lange Sicht das Bestehen von Qualitätszeitungen zu garantieren, vollzieht sich ein Trend hin zur Schaffung so genannter "Medienhäuser". Es sind vor allem Diversifikationsprodukte, mit denen jenes Geld verdient werden kann, das dann in das Imageprodukt des Hauses fließt. Mit Interesse verfolgt Europa die Entwicklung in den USA, wo zunehmend Stiftungen die Rolle der Zeitungsverleger übernehmen. Das sei mehr als nur eine Überlegung wert, denn "Zeitungen sind keine Schraubenfabriken, sondern das Salz einer lebendigen Demokratie".
Schluss mit dem Gratis-Knopfdruck-System
Bei der Diskussion wurde eingeräumt, dass in Österreich gewisse technische Entwicklungen verschlafen wurden. Das betrifft vor allem das Internet, gilt aber generell für den Medienkonsum. Es ist längst nicht nur die Jugend, die sich die schnelle Information übers Internet und Handy holt.
Für die Fachleute ist klar: "Zeitungen sind schon längst nicht mehr der aktuelle Newsbringer, auch das Fernsehen kommt zu spät." Die Zeiten, da man die Neuigkeiten der Morgenzeitung entnahm oder in der abendlichen Nachrichtensendung live beim Raketenstart dabei war, sind Geschichte.
Genau hier zeigt sich aber, was die Zeitungen der Zukunft ausmachen wird: "Sie müssen einen Schritt zurück machen, andere Perspektiven, Meinungen und Hintergründe zum Geschehen liefern." Gleichzeitig muss aber auch das Printmedium gewissermaßen am Puls der Zeit bleiben und sich daher auch als ein eigenes (Komplementär)Produkt im Internet präsentieren.
Genau hier stößt man wieder auf einen Kostenfaktor. Internet kostet Geld, oftmals auch Print-Auflage, was sich wiederum in sinkenden Inseratenerlösen niederschlägt. Daher wird man stärker vermitteln müssen, dass "auch Information Geld kostet. Die Jugend wächst im Glauben auf, mit Knopfdruck alles gratis herunterladen zu können. Diesem Denken wird man auf Dauer nicht eine freie Laufbahn lassen können“, war eine der Schlussfolgerungen.
Herbert Vytiska (Wien)

