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19/01/2017

Transport: Österreich ist eine Nation der Bahnfahrer

Österreich

Transport: Österreich ist eine Nation der Bahnfahrer

Der Zug ist in Österreich so beliebt wie in keinem anderen EU-Land.

[kuknauf/Flickr]

Günstig sowie immer schneller und verlässlicher: Die Bahn ist in Österreich zu einem beliebten Verkehrsmittel avanciert – in keinem anderen EU-Land legen die Menschen so viele Zugkilometer zurück. Das geht aus einem Bericht der europäischen Schienenregulierungsbehörden hervor.

Jeder Österreicher fährt im Jahr 1.425 Kilometer mit der Bahn. Nur noch in der Schweiz wird mehr gefahren, dort sind es 2.430 Kilometer. Innerhalb der EU folgen auf den weiteren Rängen Frankreich mit 1.367. Dänemark mit 1.257 Kilometern, Deutschland mit 1.124 Kilometer mit dem Zug und Schweden mit 1.235 Kilometern. Dass sich in Österreich Bahnfahren steigender Beliebtheit erfreut, hat gleich mehrere Gründe.

Erstens hat sich die Qualität der Züge, das Service und vor allem die Pünktlichkeit in den letzten Jahren stark gesteigert. Zweitens kommt hinzu, dass Bahnfahren auch preisgünstig ist. Im letzten Berichtsjahr 2013 lagen die durchschnittlichen Reisekosten in Österreich bei 5,9 Cent pro Kilometer. Der europäische Durchschnitt liegt hingegen bei 10 Cent. Drittens schließlich hat sich das Angebot durch so genannte Verkehrsverbünde in den Ballungszentren massiv gesteigert, sodass der öffentliche Verkehr auch entsprechend attraktiv wurde. Viertens kommt hinzu, dass der Ausbau der West-Ost-Achse – mit Spitzengeschwindigkeiten bis zu 230 Stundenkilometern – von Budapest über Wien bis Salzburg und Innsbruck mit den Anschlüssen Richtung München, Frankfurt und Zürich der Bahn Kunden beschert hat, die früher das Auto oder das Flugzeug präferierten.

Auch Bahn-Konkurrenz belebt den Wettbewerb

Der positive Bahntrend ist sicher mit ein Verdienst des Managements unter der Führung von Generaldirektor Christian Kern, der übrigens auch immer wieder als Nachfolger des eher farblosen Bundeskanzlers Werner Faymann genannt wird – aber immer wieder abwinkt. Nicht unwesentlich auf Vordermann gebracht hat die ÖBB der private Wettbewerb. So macht auf der Hauptstrecke von Wien nach Salzburg die private Westbahn-Management GmbH dem staatlichen Schienenriesen ordentlich Konkurrenz. Die allerdings dazu geführt hat, dass die Kunden eine dichte Zugfolge bei einem halbstündigen Taktfahrplan haben und dieses Angebot auch zu beider Frequenzvorteil nützen.

Verbesserungsbedarf in Richtung Süden

So dicht die Verbindungen eben von Ungarn über Österreich bis hin nach Deutschland und in die Schweiz, zum Teil auch noch nach Tschechien sind, so gibt gerade in den Süden auffällige Mangelerscheinungen. Das betrifft vor allem die Zugsverbindungen nach Slowenien, Kroatien und Italien. Der Grund liegt bei den italienischen Staatsbahnen, die vor einiger Zeit den grenzüberschreitenden Zugsverkehr arg beschnitten haben. So gibt es etwa von Wien nach Venedig nur eine Tages- und eine Nachtverbindung sowie einen Zug nachts bis nach Rom. Dass man von München die Alpen in Richtung Südtirol und Verona auf Schienen überqueren kann, wurde nur durch eine Kooperation der Deutschen und Österreichischen Bahn ermöglicht, die aber von FS Italia eher boykottiert als unterstützt wird. Dass hier die EU-Verkehrskommission nicht schon längst Rom zur Ordnung gerufen hat, verärgert nicht nur die Fahrgäste.

In Österreich selbst gibt es bei aller Freude über den hohen Bahnzuspruch noch Verbesserungsbedarf. Das betrifft etwa die Verbindungen aus Wien auf der ehemaligen Kaiser-Franz-Josefs-Bahn über das Waldviertel nach Prag beziehungsweise von Linz nach Budweis. Hier erinnern manche Fahrzeiten noch an die legendäre erste Pferdeeisenbahn, die von 1827 bis 1836 Fahrgäste beförderte. Zu wünschen übrig lassen auch innerösterreichische Verkehrsverbindungen, so etwa zwischen den Landeshauptstädten Linz, Salzburg, St. Pölten auf der einen sowie Graz und Klagenfurt auf der anderen Seite.

Bis etwa 2025 wird man auf dem Weg von der Bundeshauptstadt in den Süden noch Geduld aufbringen und sich über die historisch interessante, aber langsame Semmeringstrecke (gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe) mühen müssen. Dann nämlich erst werden der durch viele Einsprüche hinausgezögerte Semmering- und Koralmtunnel die Fahrzeit von derzeit fast viereinhalb auf bloß drei Stunden verkürzen.

„Neue Seidenstraße“ bis nach Wien

Etwa fünf Jahre später könnte übrigens auch die so genannte Transsibrische Eisenbahn bis vor die Tore Wiens führen. Schon seit geraumer Zeit wird an den Überlegungen einer neuen „Seidenstraße“ gearbeitet. Der Transport von Hightech-Gütern wie Computer- und Autoteilen dauert derzeit von Asien nach Europa auf dem Seeweg 30 bis 45 Tage. Durch die Verlängerung der „Transsib“ Richtung Westen ließe sich die Transportzeit aufgrund von Studien auf etwa 12 bis 15 Tage verringern. Sowohl in Peking als auch in Moskau werden bereits fleißig Pläne gewälzt und Finanzierungsmodelle ausgearbeitet.

Den eigentlichen Knackpunkt bildet die Strecke von Cierna nad Tisuo, wo derzeit die Breitspur endet und Waggons auf die europäische Spurweite mühsam umgebaut werden müssen, über Kosice nach Bratislava und schließlich zum Anschluss ans österreichische Schienennetz. Seitens der Slowakischen und Österreichischen Bahn gibt es an diesen Plänen ernsthaftes Interesse. In Österreich sucht man schon nach möglichen Standorten für den Endbahnhof. Der Platzbedarf ist beachtlich, sollen doch die Züge eine Länge von bis zu einem Kilometer haben. Und wenn möglich sollte auch noch eine Anbindung an die Donau, die europäische Wasserader bestehen, die immerhin vom Schwarzen Meer bis hinauf zum Rhein reicht.