„Südtirol hat Chance auf gemeinsames Tirol selbst verpasst“

Als Ludwig Steiner (li.) im Wiener Rathaus eine Auszeichnung erhielt, würdigte ihn Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny "als eine Persönlichkeit, die sehr viel für die res publica getan hat" und seine Rolle als Widerstandskämpfer, der sich gegen Kriegse

Vor 50 Jahren erschütterte die „Bombennacht“ das Land an Etsch und Eisack. Ludwig Steiner, Doyen der österreichischen Außenpolitik, im Gespräch mit EURACTIV.de: Die echten Lösungen für Südtirol resultieren aus mühsamen Verhandlungen – und weil letztlich konstruktive Elemente auch in Italien das Sagen bekamen.

"Südtirol" – durch die Verträge von St. Germain 1919 Italien zugesprochen – "hat 1945 die Chance, Fakten für ein gemeinsames Tirol zu schaffen, verpasst." Das stellt der Doyen der österreichischen Außenpolitik, Ludwig Steiner, in einem Gespräch mit EURACTIV.de anlässlich des fünfzigsten Jahrestages der so genannten Südtiroler Bombennacht fest.

Der heute 89-jährige Steiner, damals Sekretär des österreichischen Staatsvertragskanzlers Julius Raab, Staatssekretär, Botschafter a.D., gehörte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs einer Gruppe von Widerstandskämpfern an, die noch vor dem Eintreffen der US-Truppen Innsbruck vom NS-Regime befreiten.

Steiner erinnert daran, dass damals auch die Südtiroler eingeladen waren, zusammen mit den Landsleuten aus Ost- und Nordtirol in die Landeshauptstadt einzumarschieren. Ein Plan, der allerdings beim 1943 für die "Provinz Bozen" eingesetzten Administrator Karl Tinzl, der zu diesem Zeitpunkt noch immer in Amt und Würden war, auf keine Gegenliebe stieß. "Wahrscheinlich" – so Steiner – "weil man meinte, die noch vorhandenen Reste der NS–Herrschaft (in den Gedanken mancher Südtiroler, ….ja, ja,  schon nazistisch, aber eben doch ‚teutsch‘) nicht wirklich verjagen zu können……"

Gemeinsame Aktion wäre den Versuch wert gewesen


EURACTIV.de: Bestand für Südtirol nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs tatsächlich eine Chance, wieder in ein gemeinsames Tirol zurückzukehren?

STEINER: Es wäre mehr als nur den Versuch wert gewesen, in gemeinsamen Aktionen mit Nord-, Ost- und Südtirol Fakten zu schaffen. Das bereits morsche NS-Regime hätte man auch in Südtirol mit einer revolutionären Aktion verjagen und so einfach die Macht übernehmen können. Damals – in der Zeit des Zusammenbruchs der Deutschen Südarmee – war für eine kurze Zeitspanne ein Machtvakuum entstanden, das ausgenützt hätte werden müssen.

EURACTIV.de: War die Übergabe Innsbrucks Ende April 1945 an die Westmächte eine solche vertane Chance?

STEINER: Das ist nicht nur eine theoretische Gedankenspielerei. In Innsbruck haben wir das – mit allen Risken – getan. Die Südtiroler haben wir eingeladen mitzutun, sie haben sich nicht gerührt. Dafür sind die italienischen Partisanen mit einer Zeitverzögerung von drei Tagen nach Bozen heraufgekommen und haben dieses Machtvakuum aufgefüllt. So hart, so gemein ist das politische Tagesgeschäft. Aber auch in der Politik gilt wie in der Physik der Grundsatz: "Ein Machtvakuum provoziert die potenziell starken äußeren Kräfte dazu, dieses Vakuum  auszufüllen."

Die Bombennacht: kein allgemeiner Aufschrei, sondern die Tat Einzelner

EURACTIV.de: War die Bombennacht am 11./12. Juni 1961 ein allgemeiner „Aufschrei“ der Südtiroler oder bloß die Tat einiger Aktivisten, der man zwar Beifall zollte, die aber nicht wirklich von einem breiten Volkswillen getragen war?

STEINER: Die Bombennacht hat zu keinem "Aufschrei der Südtiroler" geführt. Es war die Tat Einzelner. Was das Echo in der breiten Masse der Südtiroler Bevölkerung betrifft, so erinnert mich das eine Geschichte aus den italienischen Heldensagen: Mitten im Kampfgeschehen zieht ein Capitano seinen Säbel, springt aus der sicheren Deckung des Schützengrabens heraus, ruft "Avanti Tutti, viva il Re, viva Savoia" und stürmt dem Feind entgegen. Die Mannschaft rührt sich nicht, sondern klatscht nur und ruft "Maaa – quell bella voce!".

So verhielten sich die allermeisten Südtiroler nach der Bombennacht. Allerdings eine große Gruppe von ihnen sah voraus, dass die Reaktion der italienischen Regierung in einer massiven Verstärkung ihrer Sicherheitskräfte bestehen würde. Und so geschah es auch, mit allen Problemen, die daraus in der Folge entstanden.

EURACTIV.de: Und was gab dann den eigentlichen Ausschlag, dass es doch zu einer Lösung des Südtirol-Problems kam?

STEINER: Die echten Lösungen für Südtirol mit dem berühmten "Paket" resultieren aus mühsamen Verhandlungen und – auch das muss man einmal klar sagen – darin, dass auf italienischer Seite letztlich konstruktive Elemente wie Alcide Berloffa das Sagen bekamen. Sie zogen gemeinsam mit engagierten, verantwortungsbewussten Politikern in Südtirol und Österreich für eine echte Autonomie ins Gefecht. Berloffa hatte damit eine große Bürde auf sich genommen; er wurde für sein Vorgehen sogar noch beschimpft, bestraft, und zwar von seinen italienischen Wählern.

Ohne Gruber-DeGaspari-Abkommen keine UN-Befassung


EURACTIV.de: Ist das Südtirol-Paket aber nicht doch ein Resultat dieses Aufschreis und trotz mancher Abstriche nicht ein Beispiel, wie man zwischenstaatliche Konflikte lösen kann?

STEINER: Das Südtirol-Paket hat eine sehr lange Geschichte – sie beginnt bei dem 1946 in Paris unterzeichneten und von Radikalen immer wieder beschimpften Gruber-DeGaspari-Abkommen. Kritisiert wurde daran, dass es zu wenig substanziell gewesen sei. Man übersieht dabei nur, dass in diesen Verhandlungen letztlich eine sehr ernste Situation bestand. Es gab damals nur ein Entweder-Oder. Das hieß, entweder man nimmt, was erreicht wurde, oder man bekommt gar nichts. Es war also eine  "prendere o lassiare" Situation. Und das "Erreichte" war das erstmalige Festmachen, dass Südtirol ein internationales und kein inneritalienisches Problem allein ist.

Wäre das nicht erreicht worden, hätte es überhaupt später nie eine UN-Befassung mit dem Südtirol-Problem gegeben. Die Lösung, die schlussendlich erzielt wurde, stellt die Überlebensmöglichkeiten jeder der Volksgruppen in ihrer eigenen ethnischen Identität sicher und macht nach menschlichem Ermessen gleichzeitig die Basis für ein friedliches, gedeihliches Zusammenleben auf Dauer möglich.

Hintergrund zur "Südtiroler Bombennacht"


Vor exakt 50 Jahren, in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni 1961, erschütterte eine Serie von Bombenattentaten das Land südlich des Brenners. Mit Sprengstoffanschlägen auf mehr als 40 Strommasten wollten Aktivisten die Welt wachrütteln, dass der italienische Staat das Selbstbestimmungsrecht der Südtiroler missachtet. Der italienische Staat reagierte mit Härte auf diese Anschläge: 25.000 Soldaten und 10.000 Carabinieri machten Südtirol zur besetzten Provinz, schließlich kamen 68 Aktivisten vor ein Mailänder Gericht und wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Als bekannt wurde, wie schwer die inhaftierten Südtiroler gefoltert wurden, kam Rom unter internationalen Druck und musste an den Verhandlungstisch. Im Dezember 1964 einigten sich die Außenminister Italiens und Österreich auf die Umsetzung 
eines Autonomie-Pakets. Im November 1969 wurde schließlich ein "Operationskalender" fixiert. Es dauerte aber noch bis zum Juni 1992, dass Österreich die Erfüllung des Südtirol-Pakets durch Italien anerkennen kann. Wien und Rom legen den Streit vor der UNO bei. Heute gilt Südtirol als ein Musterbeispiel für die Verhandlungslösung eines zwischenstaatlichen Problems. Dass die Südtiroler „Bombennacht“ letztlich die Basis für das Autonomiepaket schuf, wird allerdings von vielen Politikern wie auch Historikern bestritten.

Das EURACTIV.de-Gespräch mit dem Zeitzeugen Ludwig Steiner führte Herbert Vytiska (Wien)


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