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02/12/2016

Studie: EU bringt eine „phänomenale Rendite“

Österreich

Studie: EU bringt eine „phänomenale Rendite“

Die EU bringt satte Renditen für jedes Mitglied, behauptet eine Studie aus Österreich.

artjazz/shutterstock

Seit dem Brexit stellen sich immer mehr Menschen in Europa die Frage, ob ein EU-Austritt eine gangbare Option wäre. Nun belegt eine Studie aus Österreich die „Rendite“ einer EU-Mitgliedschaft – und zeigt, dass der Austritt einem Land Hunderttausende Arbeitsplätze kosten könnte.

Die Rechtspopulisten in Europa haben die EU ins Visier genommen, ohne sich dabei bewusst zu sein, welcher Schaden damit verbunden wäre. Eine österreichische Studie zeigt nun an Hand der Faktenlage auf, welche Vorteile die EU-Mitgliedshaft in der Praxis bringt und welche Nachteil zum Beispiel ein Öxit brächte.

61 Prozent der Österreicher bekennen sich zur EU und wären, sollte diese Frage gestellt werden, gegen einen EU-Austritt. Eigenartigerweise ist, so das Sora-Institut, die Stimmung in der Jugend kritischer: Ihre Bereitschaft für einen Öxit ist mit einer Zustimmungsrate von 28 Prozent deutlich stärker ausgeprägt ist als in anderen Ländern, etwa in Deutschland, wo nur 11 Prozent der jungen Menschen zurück zum Nationalstaat wollen. Der Präsident der Wirtschaftskammer, Christoph Leitl, sieht daher Handlungsbedarf: „Diese doch beträchtliche Austrittsbereitschaft darf man nicht verdrängen. Vielmehr muss man mit Fakten jene, die sich einen Austritt vorstellen können, zum Nachdenken bringen – und zwar vorher, nicht nachher wie in Großbritannien, wo die Wirtschaft nach dem Brexit-Votum nun in ein Tal der Tränen läuft.“

Vorteile der EU-Vollmitgliedschaft

Eine von der Wirtschaftskammer beim Wirtschaftspolitischen Zentrum in Auftrag gegebene Studie belegt nun schwarz auf weiß, die Vorteile, die die EU-Mitgliedschaft Österreich bringt. Der Forscher Christian Keuschnigg spricht von einer „phänomenalen Rendite“ und listet wichtige Plus-Punkte auf:

  • Den Nettozahlungen von 0,4 Prozent des BIP steht ein langjähriger Wohlstandsgewinn von 7 Prozent, also des 19-fachen Wertes der Nettozahlungen gegenüber.
  • Den innovativen Exportunternehmen wurde der leichtere Zugang zum großen EU-Binnenmarkt ermöglicht und somit das gesamtwirtschaftliche Wachstum gestärkt.
  • Der ungehinderte Zugang zum Binnenmarkt hat Direktinvestitionen multinationaler Unternehmen begünstigt, die sich seit 1995 fast verfünffacht haben.
  • Ausländische Töchter machen in Österreich zwar nur 3,2 Prozent aller Unternehmen aus, stellen jedoch mit 566.000 Mitarbeitern ein Fünftel der Beschäftigten, erwirtschaften ein Drittel der Umsatzerlöse und mehr als ein Viertel der Wertschöpfung.
  • Generell wurden durch den Beitritt zur EU der Wettbewerb nachhaltig belebt, die Preise reduziert und damit die reale Kaufkraft gestärkt.

Ein Öxit würde 150.000 Arbeitsplätze kosten

Ohne EU-Mitgliedschaft wäre Österreich heute gemessen am BIP um 7 Prozent ärmer. Bei einem EU-Austritt würden bis zu 150.000 Arbeitsplätze verloren gehen, bringt Leitl das Szenario eines Öxit auf den Punkt. Und für ihn ist daher auch die US-Wahl vor allem ein Weckruf: „In den USA gilt nach dem Wahlsieg von Donald Trump: „America first“. Präsident Erdogan will die Türkei zu einer regionalen Hegemonialmacht ausbauen. Präsident Putin Russland wieder stark machen. Und wir wollen Europa schwächen? Was wir jetzt brauchen, ist eine Stärkung Europas, ist die Weiterentwicklung der Europäischen Union, damit wir angesichts der Herausforderungen in der Welt wieder handlungsfähig sind und die Globalisierung mitgestalten können.“

An der Weiterentwicklung der Europäischen Union führe daher realistischerweise kein Weg vorüber. Sie müsse den bestehenden Herausforderungen und unterschiedlichen Interessen der EU-Mitgliedstaaten Rechnung tragen, wobei sich Österreich für eine zukunftsorientierte Europastrategie einsetzen sollte. Das, so Keuschnigg, erfordere eine Währungsunion mit einer sehr viel tieferen Integration, weshalb die Eurozone den Kern der EU ausmachen und die Integration weiter vorantreiben müsse. Dem gegenüber sollte ein reformierter Europäischer Wirtschaftsraum für jene Mitgliedstaaten offen stehen, die nur eine wirtschaftliche Integration anstreben.

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