Der in Österreich für Integrationsfragen zuständige Staatssekretär Sebastian Kurz schlägt bei Problemschülern eine Verlängerungsmöglichkeit der „Bildungspflicht“ bis zum 18. Lebensjahr vor.
Viele Unternehmen beklagen schon seit längerem, dass das Bildungsniveau der Lehrlinge in den letzten Jahren nachhaltig gesunken ist. Viele der Berufsanfänger können oft nicht ausreichend rechnen, schreiben und Sinn erfassend lesen. Nicht nur aber besonders ausgeprägt ist die Lese-, Schreiben- und Rechenschwäche bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Um hier Abhilfe zu schaffen, was sich insbesondere auch bei der Lehr-Ausbildung positiv niederschlagen und insgesamt zu besser ausgebildeten Fachkräften führen sollte, schlägt nun der in Österreich für Integrationsfragen zuständige Staatssekretär Sebastian Kurz, bei Problemschülern eine Verlängerungsmöglichkeit der "Bildungspflicht" bis zum 18. Lebensjahr vor. In Österreich gilt eine Schulpflicht (sie umfasst Volks- und Hauptschule) beginnend mit dem 6. Lebensjahr von insgesamt neun Jahren.
Auslösendes Moment für die gerade laufende Bildungsdiskussion waren nicht die schon seit Monaten laufenden zähen Verhandlungen zwischen Regierung und Gewerkschaft über ein neues Lehrerdienstrecht sondern die Vorlage eines Integrationsberichts. Laut Statistik Austria leben derzeit in Österreich 1,58 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, was einem Bevölkerungsanteil von 19 Prozent entspricht. 14 Prozent sind im Ausland geboren, 4,9 Prozent schon in Österreich. Die größte Gruppe bilden EU-Bürger gefolgt von Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei. Unter den Zuwanderern waren übrigens Deutsche mit 18.000 die stärkste Gruppe – vor Rumänen und Ungarn.
Der eigentliche Knackpunkt stellt die Tatsache dar, dass nicht-deutschsprachige Ausländer vor allem im niedrigen Bildungssegment öfter von Arbeitslosigkeit betroffen sind als Inländer. Und Jugendliche sich wesentlicher schwerer tun, einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden. Hier spielt nicht unwesentlich mit, dass viele der Kinder der Zuwandererfamilien oftmals sprachliche Barrieren überwinden müssen, was langsamere Lernprozesse im Schulunterricht zur Folge hat und mitunter im Elternhaus die Schulpflicht der Kinder als eine lästige Verpflichtung wahrgenommen werden. Nicht zuletzt haben die Migrationseltern mangels entsprechenden Bildungsniveaus oft kaum eine Möglichkeit ihre Kinder parallel zum Schulunterricht zu begleiten.
Integration wird als relativ gut empfunden
Relativ gut ist die Stimmung im Land, was die Integrationsfortschritte anlangt. Waren noch vor drei Jahren 18 Prozent der Österreicher der Meinung, dass Integration sehr schlecht funktioniert, so waren dies heuer bloß neun Prozent. Ebenso glauben nur 28 gegenüber von 44 Prozent im Jahre 2010, dass sich das Zusammenleben verschlechtere. Allerdings fühlt sich nur etwa die Hälfte der Migranten schon wirklich heimisch in Österreich. Was allerdings zum Teil, wie bei Familien aus islamischen Ländern, auch damit zusammenhängt, dass der Wille zur Integration oft nicht ausreichend vorhanden ist und man versucht, so lange wie möglich, auch hier in einer Umgebung zu leben, die jenem Umfeld entspricht, das man einst verlassen hat, um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen im Ausland zu finden – und jetzt nicht aufgeben oder zumindest der neuen Heimat anpassen will.
Im Empfehlungsteil des österreichischen Integrations-Berichts sprechen sich die Experten, so von der Universität Wien, nun dafür aus, die neunjährige Schulpflicht durch eine Bildungspflicht zu ersetzen, das heißt, dass man die Schule erst verlassen kann, wenn man über gewisse Grundfertigkeiten etwa in Mathematik oder Rechtschreibung verfügt. Verlässt derzeit ein Jugendlicher mit 15 die Pflichtschule, so könnte diese Schulzeit im Falle von gravierenden Mangelerscheinungen bis zum 18. Lebensjahr ausgedehnt werden.
82 Prozent für Verlängerung der Bildungspflicht
Die Diskussion ist auf ein sehr positives Echo gefallen, wenngleich es – wahlkampfbedingt – auch einige kritische Bemerkungen gibt. Trotzdem. 82 Prozent der Österreicher befürworten, wenn es nach einer Umfrage des Gallup-Institutes geht, dass die Zeit an der Schulbank zu verlängern ist, wenn mangelnde Grundkenntnisse vorliegen. In diesem Zusammenhang wird einmal mehr auch die Forderung erhoben, dass gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund intensivere, vor allem, sprachliche Ausbildungen bereits im Vorschulalter einsetzen sollten, damit die Kinder auch beim Eintritt in die Volksschule dem Unterricht folgen können. Gerade bei Familien aus islamischen Ländern besteht das Problem, dass die Kinder sehr lange nur in der Obhut der Familien bleiben, umso mehr als viele dieser Frauen nicht berufstätig sind und in einer Umgebung leben, die wenig Kontakt mit ansässigen Bürgerinnen und Bürgern hat. Daher soll auch, so fordern die Integrationsexperten, die Erwerbsbeteiligung von Personen mit Migrationshintergrund, vor allem von Frauen erhöht werden. Dafür braucht es freilich mehr Kinderbetreuungseinrichtungen.
Neue Gewichtungen im Volksschulunterricht
Nicht zuletzt wird auch damit argumentiert, dass man in der Volksschule selbst neue Schwerpunkte im Unterricht setzen sollte. Das heißt, dass der Unterricht in Rechnen, Schreiben, Lesen zu Lasten anderer Fächer einen größeren Schwerpunkte erhalten sollte. Hier stellt sich aber auch das Problem, dass einerseits gemischte Klassen (mit Kindern mit und ohne Migrationshintergrund) zwingend notwendig sind, andererseits aber Kinder mit Migrationshintergrund oft zu einem Hemmschuh beim Lernfortschritt der übrigen Klassenmitglieder werden. Wie auch immer, ein Mix aus allen Analysen und Vorschlägen wird wohl das zielführendste Modell sein. Die Verlängerung der Bildungspflicht ist dabei ein ganz wichtiger, neuer Ansatzpunkt.
Herbert Vytiska (Wien)

