Heute beträgt die Lebenserwartung in Österreich im Durchschnitt 78,0 Jahre bei den Männern, 83,3 Jahre bei den Frauen. Und jedes Jahr werden die Österreicher laut statistischen Prognosen um drei Monate älter. Pensionsaufwendungen drücken auf das Staatsbudget. Der Vizepräsident der EU-Seniorenunion und österreichische EU-Parlamentarier Heinz K. Becker schlägt ein „Bonussystem“ vor.
Als in den 1950-er Jahren das heutige Sozialversicherungssystem geschaffen wurde, betrug der Abstand zwischen dem Pensionsantritt und der durchschnittlichen Lebenserwartung gerade mal sieben Jahre. Heute ist er auf das rund Dreifache angestiegen. Dementsprechend ist auch der Anteil am Staatsbudget in die Höhe geschnellt. Allein für Pensionsleistungen wurden 2012 insgesamt 49,9 Milliarden Euro aufgewendet, dies entspricht 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). 1980 belief sich dieser Anteil auf "nur" 12,4 Prozent, was deutlich zeigt, wie die Pensionsaufwendungen mittlerweile auf das Budget drücken. Die Forderung nach einer Pensionsausgabenbremse liegt daher auf der Hand, ist aber unpopulär. Aufhorchen lässt nun der Vizepräsident der EU-Seniorenunion und österreichische EU-Parlamentarier Heinz K. Becker mit einem "Bonussystem". Ein Umstieg auf marktwirtschaftliches Denken als Ansatz zur Lösung der aktuellen Pensionsproblematik.
OECD verlangt Anhebung des Pensionsalters
Wenn es stimmt, was man von den Regierungsverhandlungen hört, dann spießt es sich derzeit unter anderem an der Frage, wie man in der kommenden Legislaturperiode das bis zu neun Milliarden Euro große Budgetloch beim Kapitel Pensionen schließen könnte. Während die SPÖ (noch) auf der Bremse steht, sieht die ÖVP Handlungsbedarf und erhält auch Schützenhilfe durch die OECD. Sie fordert schlicht von Österreich die Anhebung des Pensionsantrittsalters. Dieses beträgt laut Sozialministerium derzeit für Männer 59,8 und für Frauen 57,7 Jahre. Damit liegt man im OECD-Vergleich auf dem achtletzten Platz. Daher muss nach OECD-Ansicht etwas geschehen. Heute beträgt die Lebenserwartung im Durchschnitt 78,0 Jahre bei den Männern, 83,3 Jahre bei den Frauen. Und jedes Jahr werden die Österreicher/innen laut statistischen Prognosen um drei Monate älter, das sind dreieinhalb Jahre bis 2023. Ohne Zweifel ein Budgetberg, der sich da aufbaut.
Geringste "Lebensarbeitszeit" dank "Kultur der Frühpension"
Becker, selbst auch noch Generalsekretär des Österreichischen Seniorenbundes, mauert nicht, wenn es um das Verlangen nach Reformen geht. Er konzediert Handlungsbedarf und verweist darauf, dass Österreich in Europa das Land mit der niedrigsten "Lebensarbeitszeit" ist. Darunter versteht man die Zeit vom Berufseintritt nach Schulabschluss bis zum Pensionsantritt. Tatsächlich klafft nicht nur eine erhebliche Kluft zwischen dem gesetzlichen (bei Frauen mit 60, bei Männer mit 65 Jahren) und dem faktischen Pensionsalter, sondern es gibt sogar eine "Kultur der Frühpension". Hier hat freilich die alte Regierung schon Maßnahmen ergriffen, indem die Bewilligung einer Frühpension seit März 2012 erheblich erschwert wurde. Konnte man früher quasi mit einem "Arzt-Rezept" vorzeitig in Frühpension gehen, so gibt es jetzt die Verpflichtung zur Rehabilitation und dem nachfolgenden Wiedereintritt ins Arbeitsleben.
Immer mehr wollen länger arbeiten
Die Angst mancher Politiker, dass die Senioren ein Gürtel-enger-Schnallen, den Verzicht auf Privilegien (wie etwa eine leicht zu erlangende Frühpension) nicht verstehen würden, teilt Becker nicht. Er verweist im Gespräch mit EURACTIV darauf, dass allein durch die laufende Diskussion die Einstellung bei vielen Menschen bereits anders geworden ist: "Die Mehrheit will wieder länger arbeiten." Um vor allem das faktische Pensionsalter anzuheben, bedarf es aber sicherlich auch gewisser Anreize, so etwa dass für jedes zusätzliche Arbeitsjahr, das man freiwillig nach Erreichen des gesetzlichen Pensionsantrittsalter anhängt, ein Aufschlag von sechs Prozent auf die Pensionshöhe gewährt wird.
"Lebenseinkommenskurve" verlangt nach "Gesellschaftsvertrag"
In Zusammenhang mit dem längeren Verbleib der Arbeitnehmer im Arbeitsprozess wird gerne der Einwand erhoben, dass damit nur den jüngeren nachdrängenden Arbeitskräften die Chance auf einen beruflichen Platz weggenommen würde. Darauf weiß der EU-Senioren-Politiker drei Antworten:
– Erstens, dass es natürlich des Abschlusses eines neuen Gesellschaftsvertrages zwischen den Generationen bedarf. Konkret gemeint ist damit die Änderung der so genannten "Lebenseinkommenskurve", das heißt, mehr Geld für die Jüngeren, weniger hohe Einkommen bei den älteren Beschäftigten. Diese Gehalts-Systemumstellung müsste allerdings flächendeckend erfolgen. Die erste Branche, die das aber schon durchgesetzt hat, ist übrigens der sonst in Bezug auf Gehaltsregelungen gerne kritisierte Öffentliche Dienst.
– Zweitens würden länger im Berufsleben verweilende, also ältere Arbeitnehmer den jüngeren kaum Arbeitsplätze wegnehmen. Denn die Jungen, die ins Arbeitsleben eintreten, haben – eine Folge der technischen Entwicklung, des Fortschritts in der Arbeitswelt, dem Entstehen neuer Berufe – meist "andere Arbeitsplätze", die neue Anforderungen auch in punkto Bildung und Ausbildung stellen. Parallel hinzu kommt. dass viele ältere Arbeitnehmer wiederum Arbeiten verrichten, für die es kaum Nachwuchs gibt.
– Drittens entwickelt sich wieder stärker ein Trend, der gezielt in die Richtung von Jung-Alt-Teams läuft. Nicht nur, aber auch weil die Zeit der Golden Shake Hands wieder vorüber geht. Dabei sind es vor allem Gewerbebetriebe, die jene wieder länger behalten wollen, die schon lange im Arbeitsprozess stehen und auch über ein entsprechendes Know how verfügen. Und im internationalen Wettbewerb ist eben auch dieses besonders gefragt.
Das breite Spektrum der Pensionsreform
Was natürlich immer wieder eine Rolle spielt und nie genug getrommelt werden kann, ist der Zusammenhang zwischen Bildung und Arbeitsplatz. Wer eine fundierte Ausbildung absolviert hat, sich auch im Berufsleben immer wieder weitergebildet hat und nicht mit seinem Wissen auf dem Niveau des Schulabschlusses stehen geblieben, hat die besseren Chancen. Die Arbeitsplatzsorge ist, so Becker, der auf entsprechende Daten und Fakten verweisen kann, für Arbeitnehmer mit entsprechender Ausbildung und Erfahrung unbegründet. Seine Prognose: Bedingt durch die demografische Entwicklung (also dem mangelnden Nachwuchs) werden in Hinkunft sogar wieder mehr ältere Arbeitnehmer benötigt. Außerdem leidet Österreich unter einem Mangel an Arbeitskräften. Verursacht wird dieser Mangel dadurch, dass Österreich aus der Zuwanderung zu wenig qualifizierte Arbeitskräfte erhält. Ein Fehler liegt nach Ansicht des EU-Parlamentariers auch bei der mangelnden "Werbung" für den Arbeitsstandort Österreich.
Pensionsreform umfasst – wie man sieht – ein breites Spektrum und lässt sich nicht nur auf die Sorge um den Verzicht von erworbenen Rechten reduzieren.
Herbert Vytiska (Wien/Brüssel)

