EurActiv.de

Das führende Medium zur Europapolitik

21/01/2017

Österreich: Gymnasium bleibt – Gesamtschule kommt

Österreich

Österreich: Gymnasium bleibt – Gesamtschule kommt

13031286464_d527fcce6d_o_0.jpg

[Metropolico.org/Flickr]

Bei den von der OECD organisierten Schulleistungsüberprüfungen, den so genannten PISA-Tests, hat Österreich in den letzten Jahren unterdurchschnittlich abgeschnitten. Mit einer Bildungsreform soll das nun nachhaltig geändert werden.

Die Schulpolitik ist in der Alpenrepublik schon seit Jahren ein Reizthema und das aus mehreren Gründen. Erstens gibt es eine Parallelstruktur mit getrennten Bundes- und Landeskompetenzen. Zweitens spielte in der Vergangenheit die parteipolitische Besetzung von Schulleiterposten eine nicht unerhebliche große Rolle. Drittens blockierte der ideologische Diskurs über die Einführung der Gesamtschule jedwedes Fortkommen. Nun ist es – auch unter dem Druck, Handlungsfähigkeit zu demonstrieren – gelungen, dass sich die Regierung tatsächlich auf ein Reform-Paket einigen konnte. Nicht nur, dass – abgesehen von der Opposition – alle mit dem Übereinkommen Zufriedenheit signalisieren, es ist tatsächlich ein Maßnahmenpaket zustande bekommen, das sich auch im europäischen Kontext sehen lassen kann.

Das sind die Schwerpunkte:

· Angesetzt wird bereits bei der Elementarpädagogik, indem es zur Einführung eines zweiten verpflichtenden Kindergartenjahres und dem Ausbau der Sprachförderung kommt. Mit einem so genannten Bildungskompass sollen nicht nur die Talente der Kinder gefördert werden, sondern soll auch eine bessere Integration der Migrantenkinder erfolgen. Talente- und Sprachchecks sollen ein besseres Eingehen auf die individuellen Erfordernisse ermöglichen. Zudem soll die Kooperation zwischen Kindergarten und Volksschulen intensiviert werden, um gewissermaßen klassenübergreifend Kinder betreuen zu können.

· Direktoren werden künftighin nicht bloß vom Landesschulrat beziehungsweise dem Ministerium „delegiert“, sondern die zu besetzenden Posten müssen ausgeschrieben werden, der/die Bestqualifizierte das Rennen machen. Zudem werden ?Direktoren zu Schulmanagern. Sie erhalten wesentlich größere Freiheiten in Bezug auf pädagogische, personelle und organisatorische Entscheidungen.

· Die verstärkte Schulautonomie wird es Schulleitern ermöglichen, auch bei der Neubestellung von Lehrerkräften mitzureden. Neu ist eine bedarfsorientierte Anpassung der schulischen Öffnungszeiten an die Erfordernisse des Berufslebens der Eltern ebenso wie eine flexible Gestaltung von Lerngruppen. Ein nationaler Schulqualitätsbericht, der alle drei Jahre an das Parlament ergeht, gibt künftig Aufschluss über die Entwicklung der österreichischen Schulen. 

· In Hinblick auf die künftige Arbeitswelt gibt es einen eigenen und damit neuen Schwerpunkt in Bezug auf Digitalisierung. Auftrag ist es, dass die Digitalisierung in neue pädagogische Modelle Einzug nimmt. Alle österreichischen Schulen werden bis 2020 an das High-Speed-Netzwerk angeschlossen und erhalten eine Infrastruktur für W-Lan.

· Anstelle eines Neben- und Übereinander der Lehrerverwaltung (je nach Schultyp waren bislang entweder so genannte Landesschulpräsidien oder die Bundesbehörde zuständig) wird es nun in allen Bundesländern nur noch eine Bildungsdirektion geben. Die Lehrer werden von einer gemeinsamen Bund-Länder-Behörde verwaltet. Damit soll der Verwaltungsapparat verkleinert, für Transparenz und Überblick gesorgt werden.

· Im Streit um die gemeinsame oder getrennte Schulausbildung der 10- bis 14-Jährigen kommt es zu keinem „Einheitsbrei“ sondern es wird nun „Modell-Regionen“ geben. Das heißt im Klartext, es wird sowohl die Gesamtschule ausgebaut als auch das Gymnasium beibehalten. Nicht mehr nur punktuell sondern pro Bundesland sollen bis zu 15 Prozent Gesamtschulen eingerichtet und im Verlaufe von 10 Jahren wissenschaftlich begleitet und getestet werden. Im Zuge eines Evaluierungsprozesses soll schließlich herausgefunden werden, welches Modell tatsächlich besser geeignet ist.

Die Verhandlungsspitzen der Regierungsparteien SPÖ und ÖVP klopfen sich dementsprechend auch auf die Schulter. So urteilt Wissenschaftsstaatssekretär Harald Mahrer: „Die Reformgruppe hat einen guten Modus gefunden, um die Qualität durch Wettbewerb zu erhöhen. Das Ziel, nach oben zu fördern und nicht nach unten zu nivellieren, wurde erreicht“. Und Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek, die zuletzt auch unter Druck der eigenen Partei stand, jubelt: „Mit dieser Bildungsreform geht das österreichische Bildungssystem in eine neue Zeit. In eine Zeit der Eigenverantwortung und der Entbürokratisierung, in eine Zeit, in der sich die Kinder durchgesetzt haben.“