Der österreichische Ex-Politiker, Widerstandskämpfer und Diplomat Ludwig Steiner (90) war 16 Jahre alt, als Hitler auf dem Wiener Heldenplatz „vor der Geschichte den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“ vermeldete. Der Zeitzeuge im Gespräch mit EURACTIV.de über Besetzung und Opfermythos, Wendehälse und Geschichtsunterricht.
In diesen Tagen erinnert sich Österreich an den Einmarsch der Hitler-Truppen, der vor nunmehr 75 Jahren am Morgen des 11. März begann. Am 15. März 1938 rief Adolf Hitler am Wiener Heldenplatz: "Als Führer und Kanzler der deutschen Nation und des Reiches melde ich vor der Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich."
Der Name Österreich war damit auf der Landkarte ausgelöscht. Als erstes freies Land war es von deutschen Truppen besetzt worden und hieß nur noch Ostmark. "Es hätte vielleicht nur einiger Schüsse bedurft, und die Welt wäre anders gewesen", das sagt heute ein Augenzeuge und Widerstandskämpfer, einer der angesehensten Altpolitiker Österreichs, Staatssekretär a.D. Ludwig Steiner, in einem Gespräch mit EURACTIV.de.
Menschen wurden zu Wendehälsen
Steiner erlebte damals als Sechzehnjähriger in seiner nächsten Umgebung, wie sich der Umbruch binnen weniger Stunden vollzog. "Es war grässlich zu sehen, wie Menschen grausam sein konnten, sich plötzlich wie Wendehälse gebärdeten". Der Politiker wehrt sich allerdings gegen eine Pauschalierung der Ereignisse "in dieser bewegten Zeit". Denn es gab auch viele, denen man es nicht zugetraut hätte, dass sie sich gegen den Strom der Masse stellen würden – und dies gerade zu einem Zeitpunkt, wo sie damit ihr Leben aufs Spiel setzten.
Steiner sieht hier einen Bedarf nach einer lebendigen Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte: "Der Jugend von heute ist es nur unglaublich schwer beizubringen zu begreifen, was damals los war."
Die Formulierung im Moskauer Memorandum 1943, in der von "Österreich als dem ersten freien Land, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fiel", die Rede ist, wurde von Politikern der Nachkriegszeit gerne als Beleg für den "Opfermythos" herangezogen. Diese Sicht hat zwischenzeitlich manche Revision erfahren. Für den ehemaligen Sekretär des Staatsvertragskanzlers Julius Raab ist an einem aber nicht zu rütteln, nämlich "dass es eine Besetzung Österreichs gegeben hat".
Volksabstimmung gab letzten Anstoß zum Einmarsch
Zurück in das Jahr 1938. Nachdem Hitler die österreichische Regierung immer mehr unter Druck gesetzt hatte, verfügte der damalige Bundeskanzler Kurt Schuschnigg am 11. Februar eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Österreichs. Wie ein Ruck ging es durch die Bevölkerung, erinnert sich Steiner: "Die Vorbereitung der Volksabstimmung war von einem unglaublichen Tempo getragen. Auch auf Seiten der Sozialdemokraten." Diese waren seit der Errichtung eines Ständestaates 1934 vom politischen Leben ausgeschlossen. Allerdings: "In diesen dramatischen Stunden war man auf beiden Seiten bemüht, die Gräben zu überwinden, um für Österreich im letzten Augenblick das Bestmögliche zu erreichen."
Viele Historiker sehen hier eine verpasste Chance, indem die damals Regierenden es verabsäumt hätten, rechtzeitig auf die Sozialdemokraten zuzugehen, sie zurück auf die politische Bühne zu holen. Für Steiner nur mit Einschränkungen. Denn: "Auf beiden Seiten gab es radikale Flügel, die unnachgiebig waren und die damals miteinander einfach noch nicht reden konnten." Erst in den KZs kam es dazu, dass sich Sozial- wie Christdemokraten auf ein gemeinsames neues Österreich einschworen.
Marsch nach Südtirol wurde gestoppt
Die Massenbewegung, die die Ankündigung der Volksabstimmung auslöste, war – so Steiner – "mit eine Ursache, dass Hitler umgehend den Einmarsch befahl. Und keine Frage, das war eine Besetzung Österreichs." Denn, so wie Innsbruck, wo Steiner aufwuchs und unmittelbarer Augenzeuge war, wurden "feldmarschallartig alle strategisch wichtigen Plätze besetzt. Eine Einheit marschierte sogar zum Brenner und rief: Jetzt wird Südtirol befreit". Vor dem Brenner wurde der Trupp gestoppt, offenbar weil Hitler Mussolini nicht mehr vor den Kopf stoßen wollte.
"Alle wussten, was auf sie zukam"
Die Frage, ob Österreich vielleicht doch Widerstand hätte leisten sollen und nicht – wie es Schuschnigg am Vorabend des 11. März in einer Radiorede formulierte – "vor der Gewalt weichen", beantwortet Steiner vorsichtig: "England und Frankreich waren damals nicht wirklich politisch handlungsfähig." Beiden standen zudem keine nennenswerten Truppenverbände am Kontinent zur Verfügung. Allerdings "nur Truppen der Wehrmachtgruppe 8 marschierten nach Österreich ein. Es wäre vielleicht möglich gewesen, den Einmarsch zumindest kurzfristig zu stoppen. Auch deutsche Militärs gestanden dies später durchaus zu."
Heute ist das alles Geschichte und die Frage nach einem "Was wäre wenn gewesen" erübrigt sich. Nicht so die Meinung mancher, dass 1938 und auch später viele noch nicht gewusst hätten, was mit den Nationalsozialisten alles auf Europa und die Welt zukam. Denn "in den Jahren bis 1938 waren die Zeitungen voll von dem, was sich da unter dem Zeichen des Hakenkreuzes abzuspielen begann. Bis zum Einmarsch zogen Zeitungen und Radio gegen Hitler und die Nazis täglich zu Felde. Alle konnten es wissen, was da auf uns zukam."
Wie wird Geschichte in der Schule gelehrt?
Wie lassen sich diese Ereignisse von damals (nicht nur) der heranwachsenden Generation vermitteln? "Geschichte wird immer auf die Erfahrungen der heutigen Zeit reflektiert. Man weiß aber gar nicht mehr, was damals in Europa sozial los war, wenn man es nicht selbst miterlebt hat." Aus diesen Worten liest man heraus, dass Steiner, der noch vor Jahren wie ein Wanderprediger zur Zeitgeschichte durch die Schulen zog, mit dem Bild, das da oft vermittelt wird, nicht ganz einverstanden ist. Er stellt sich aufgrund seiner Erfahrungen die Frage: "Wie wird Geschichte in der Schule gelehrt? Man braucht dazu auch die entsprechenden Geschichtslehrer." Und daran mangle es. Vielleicht ein Impetus, wieder mehr zu schreiben: Nach Erhebungen des Buchhandels erleben nämlich Bücher mit zeitgeschichtlichen Schilderungen einen Absatz- und Leseboom.
Herbert Vytiska (Wien)

