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19/01/2017

Neustart für Islam-Dialog-Zentrum in Wien

Österreich

Neustart für Islam-Dialog-Zentrum in Wien

Österreichs Außenminister Sebastian Kurz will Flüchtlinge künftig schon auf dem Mittelmeer abfangen, noch bevor sie das europäische Festland erreichen.

Foto: Der Rat der Europäischen Union

Das zuletzt umstrittene König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog in Wien, kurz KAICIID genannt, erhält die Chance eines Neubeginns. Für die Fortsetzung stark gemacht haben sich insbesondere der Vatikan, Kardinal Christoph Schönborn sowie Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz.

Gewissermaßen in Verruf geriet das KAICIID im Oktober 2014, als die damalige stellvertretende Generalsekretärin Claudia Bandion-Ortner in einem Interview mit einem Nachrichtenmagazin die öffentlichen Hinrichtungen in Saudi-Arabien bagatellisierte und erklärte, diese fänden schließlich „nicht jeden Freitag!“ statt. Die Folge waren eine massive Kritikwelle seitens Politik, Justiz, Medien und NGOs (so Amnesty International), die zum Rücktritt der ehemaligen Justizministerin führten. Mehr noch. Unter dem Eindruck des wachsenden islamistischen Terrors, wurde von verschiedenen Seiten, so vor allem der rechtspopulistischen FPÖ, aber auch vereinzelt der SPÖ, gleich die Schließung dieser Einrichtung verlangt.

Der Auftrag an den Neustart des KAICIID

Gegründet wurde diese im Rang einer Botschaft agierende Institution vom mittlerweile verstorbenen saudischen König Abdullah sowie den Regierungen von Österreich, Spanien und Saudi-Arabien. Zudem steht sie auch noch unter dem besonderen Schutz des Vatikans. Eine wesentliche Intention dabei war und ist es, ein Forum für Kooperation, Kommunikation, Partnerschaft und Informationsaustausch zwischen der islamischen und christlichen Welt zu schaffen,um das bessere gegenseitige Verständnis zu fördern, Aufklärungsarbeit von der Politik bis zur breiten Öffentlichkeit zu leisten. Nach wochenlangen vertraulich geführten Verhandlungen hat man sich nun darauf verständigt, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und einen Relaunch beziehungsweise Neustart anzugehen. Dazu gehört, dass noch weitere Staaten in die Arbeit dieses Dialogzentrums eingebunden werden sollen, so sind unter anderem Indonesien (übrigens der bevölkerungsreichste islamische Staat der Welt), Japan, Argentinien und auch ein Staat aus Nordafrika im Gespräch. Entscheidend wird es freilich werden, das Image der Institution zu heben, die es bisher verabsäumt hatte, ihre Arbeit transparent zu gestalten und sich auch entsprechend offen zu präsentieren. Nebst der Fokussierung auf den Schwerpunkt Menschenrechte, gilt das besondere Augenmerk in Zukunft daher der Intensivierung der Kontakte zu den Medien, zur Zivilgesellschaft sowie den internationalen Organisationen wie EU und UNO. Gerade auch Brüssel sollte sich stärker als bisher in diesen interreligiösen und interkulturellen Dialog einbringen, ist man etwa im Bereich der römischen Kurie überzeugt.

Unterschiedlichkeiten von Christentum und Islam

Höchst erfreut über den Weiterbestand des Abdullah-Zentrums zeigte sich der im Vatikan sehr geschätzte Wiener Kardinal Schönborn, der klar den Auftrag postulierte: „Brücken bauen, nicht abbrechen“. Einer, der sich in dieser Causa besonders engagiert und dessen Meinung hohes Gewicht hat, ist der Priester und karenzierte Botschafter Michael Weninger, zugleich als Mitglied des Päpstlichen Rats zuständig für den christlich-islamischen Dialog. Zu seinem Betreuungsbereich gehören 70 Staaten vom Nahen Osten über Asien, Afrika bis hin zu Südamerika. Er ist – wie er im Gespräch mit EurActiv.de schildert – mit der Tatsache konfrontiert, dass es zwar viele vor allem verbale Bemühungen aber eigentlich derzeit noch keinen funktionierenden Dialog gibt, weil vor allem die Ansprechpartner auf islamischer Seite fehlen. Gleichzeitig lehrt die praktische Erfahrung, dass nur durch Gespräche Vorurteile abgebaut, Missverständnisse ausgeräumt und gemeinsame Übereinstimmungen getroffen werden können. Dazu gehört auch, dass Klartext gesprochen, die Unterschiedlichkeit der Religionen offen angesprochen wird. Das beginnt schon damit, dass Mohammed ein Krieger war, der mit dem Schwert eine Oase nach der anderen eroberte, Jesus hingegen ausschließlich als Friedensbringer unterwegs war. Das widerspiegelt sich auch in den Lehren. Während etwa im Koran in einigen Suren sehr wohl zur Gewalt, zum Beispiel gegen Ungläubige aufgerufen wird, gibt es nichts dergleichen in der Bibel.

Der Dialog funktioniert auf der „Mundl“-Ebene

So sehr es, wie Weninger aus der Praxis seiner Arbeit weiß, kaum vergleichbare Strukturen zwischen den beiden Glaubensgemeinschaften gibt, die Pendants zu Kardinälen, Bischöfen, Dekanen auf islamischer Seite fehlen, was es eben so schwierig macht, beim Glaubenswissen zu gemeinsamen Erkenntnissen zu gelangen, so sehr funktioniert etwa der Dialog auf der sogenannten „Mundl“-Ebene. Darunter versteht man – in Anlehnung an eine österreichische Fernsehserie aus dem Alltag einer Wiener Proletarierfamilie – den Kontakt auf lokaler Basis, zwischen den Mitgliedern einer Pfarrgemeinde und der benachbarten Moschee, zwischen den Bewohnern in einer Wohnhausanlage. Hier lernt man einander durch das persönliche Gespräch, durch den Austausch von Erfahrungen, durch den Einblick in den Alltag der jeweiligen Nachbarn kennen und beginnt – wenn man einen Schritt aufeinander zugeht – Vorurteile abzubauen. Wobei alle Umfragen zeigen, dass ein hoher Anteil der Bevölkerung durchaus gläubig aber nicht auch religiös praktizierend ist. Das mangelnde Bibel-Wissen macht es mitunter nur schwer, sachliche Diskussionen mit Andersgläubigen, die den Koran eingetrichtert bekamen, zu führen. Hier ist ein Ansatzpunkt, der auch in die Überlegungen zur Bildungspolitik eingebracht werden müsste, wenn es etwa um Fragen des Ethik- und/oder Religions-Unterrichts geht.

EU muss Nahem Osten mehr Augenmerk schenken

Nicht nur die so genannte Öffentlichkeit, auch die Politik in der westlichen Hemisphäre muss sich verstärkt mit der Ideologie des Islam auseinandersetzen. Das unterschiedliche Rechts- und Demokratieverständnis ist dabei ein entscheidendes Faktum. Erprobte demokratische Modelle in der westlichen Welt lassen sich nicht im Maßstab von 1:1 in die muslimische Welt importieren. Das zeigen unter anderem die Interventionen und Krisenfälle von Afghanistan bis in den Nahen Osten ebenso wie das weitgehende Scheitern des „arabischen Frühlings“. Der Diplomat Weninger hält mit seiner persönlichen Meinung nicht zurück, wenn er einerseits der US-Außenpolitik eine Fehleinschätzung attestiert, anderseits aber bemängelt, dass sich Europa viel intensiver dem Problembereich Naher Osten widmen müsste. Der Versuch etwa, das Assad-Regine zu stürzen, hat Syrien in ein Chaos gestürzt. Mit dem Auftritt der Terrororganisation IS setzte die Vernichtung unwiderbringlicher Kulturgüter ebenso wie der Verfolgung und Vertreibung von rund 1,2 Millionen Christen in dieser Region ein, von denen heute nur noch ein Fünftel hier leben.

Europa wird kein islamisierter Kontinent

Der Auftrag für den Neubeginn des KAICIID lautet schlicht, die Gesprächskultur zwischen der christlich und islamisch geprägten Gesellschaft in der Breite wie auch der Tiefe zu beleben, zu fördern und zu stärken. Motivation, Aufklärung, Öffentlichkeitsarbeit werden wesentliche Programm-Schwerpunkte bilden. Ist es doch eines von mehreren Phänomenen, dass die Aversion gegen Ausländer vor allem dort hoch ist, wo relativ wenige leben, also man nur vom Hörensagen voreingenommen ist. Zur Panikmache gehört unter anderem auch die These, dass Europa schon bald ein islamisierter Kontinent sein werde. Genaue Analysen zeigen, so Weninger, dass derzeit nur rund 30 der 500 Millionen EU-Bürger muslimischen Glaubens sind. Vergessen wird, dass der Anteil der Agnostiker unter den Muslims, die hier leben, relativ hoch ist und, bedingt durch ihre Einbindung in die hiesige Arbeitswelt und Gesellschaft, immer weiter zunimmt. Dieser Effekt wird sich noch von Generation zu Generation steigern, denn auch der Abstand zu den heimatlichen Wurzeln wird von Generation zu Generation geringer. Nicht zuletzt wird es an Europa selbst liegen, sich seiner Geschichte und Traditionen bewusst zu werden, diese wieder selbstbewusst und verstärkt zu leben. Faktum ist, dass das Christentum, weltweit die derzeit am stärksten wachsende Religion ist. Nur nicht in Europa, der sich als ein säkularisierter Kontinent geriert. Derzeit.