Islamophobie – und wie der Alltag aussieht

Etwa acht Prozent der Österreicher sind Muslime und 14 Prozent von ihnen gelten als fundamentalistisch. [dpa, Archiv]

Die Migrationsströme in Europa erhitzen die Gemüter. Die Angst vor „Muslimen“ ist groß, auch in Österreich, wie neue Studien belegen. Die Ergebnisse zeigen aber auch, dass der gegenseitige Kontakt sowohl die Vorurteile unter den Einheimischen als auch die Identifikation der Muslime mit ihrer Religion verringert.

Die wachsende Zahl an Migranten mit islamischem Religionsbekenntnis sorgt quer durch Europa für emotionale, aufgeregte Diskussionen. Und sie wird vor allem, aber nicht nur von Parteien, die um Wählerschichten im sogenannten rechten Spektrum werben, als Argumentationsgrundlage benutzt, um gegen die Zuwanderung von Ausländern Stimmung zu machen. Experten sprechen bereits von einer Islamophobie, die von manchen politischen Protagonisten gepflegt wird. Dass man nicht generell Menschen auch mit muslimischem Hintergrund in einen Topf werfen und sehr wohl differenzieren sollte, zeigen jetzt aktuelle Studien und Umfragen aus Österreich. Sie haben sicherlich eine Aussagekraft, die über das Land hinausreicht, durchaus Relevanz auch für andere EU- Staaten.

Mehrheit hat Angst vor dem Islam

Auf der einen Seite steht eine repräsentative Umfrage (1000-er Sample), die sich mit der aktuellen religiösen Situation in Österreich beschäftigt. Faktum ist, dass mittlerweile der Islam die zweitstärkste religiöse Gruppe ist und rund eine halbe Million umfasst. Die Katholiken sind aber unverändert mit 5,3 Millionen – und das bei beachtlichen Einbußen in den letzten Jahren und Jahrzehnten – die unbestrittene Nummer 1. Mehr noch, trotz Kirchenaustritten und einem gesellschaftlichen Wandel bejahen 80 Prozent aller Österreicher den Satz "Österreich ist ein christliches Land und sollte es auch bleiben". Gleichzeitig zeigt sich aber auch die aufgeladene Stimmung. Die Frage, "halten Sie die Behauptung, dass der Islam eine Bedrohung für den Westen und unsere Lebensweise darstellt, für richtig, falsch oder haben Sie kein Urteil ?" wird von 54 Prozent mit "richtig" und nur von 19 Prozent als "falsch" bezeichnet. Der Rest, also jeder Dritte gibt kein Urteil ab.

Stadt-Land- und Bildungsgefälle

Interessant ist noch eine weitere Analyse der demoskopischen Ergebnisse. Jene, die diese Bedrohung empfinden, leben mehrheitlich in Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern, sind mehr Männer als Frauen und eher Ältere als Jüngere. Das heißt, Städter sind generell offener und aufgeschlossener als Bürger aus ländlicheren Regionen. Hinzu kommt noch ein Bildungsgefälle. Was dazu führt, dass Personen mit niedrigem Schulabschluss sich mehr gegen fremdländische Einflüsse wehren als Maturanten oder Akademiker. Diese Abwehrhaltung zeigt sich bei einer weiteren Frage mit einem noch gravierenderen Ergebnis: 71 Prozent der gesamten österreichischen Bevölkerung glauben, dass der Islam mit den westlichen Vorstellungen von Demokratie, Freiheit und Toleranz nicht übereinstimmt. Nur 11 Prozent betrachten dies als nicht stimmig.

Auch Muslime werden mit der Zeit weniger gläubig

Dass der gelebte Islam von doch so manchen stereotypen Ansichten, Einstellungen und auch Vorurteilen abweicht, darauf macht auf der anderen Seite eine neue wissenschaftliche Studie der Universität Wien aufmerksam. Dabei zeigt sich, dass offenbar eine Lücke zwischen dem Empfinden der Öffentlichkeit und der Lebenspraxis der Bürger, die sich zum Islam als Religion bekennen, klafft. Das religiöse Alltagsleben von Muslimen in Österreich ist nämlich durchaus facettenreicher und vielfältiger als weithin angenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine empirische Untersuchung, die sich explizit mit dem "muslimischen Milieu in Österreich" beschäftigt. Und dabei zum Schluss kommt, dass es sich bei diesem Bevölkerungsteil durchaus nicht um eine weitgehend homogene Gruppe mit ziemlich einheitlicher Glaubenspraxis handelt. Dass Muslime durch die Bank streng gläubig sind, die verschiedenen religiösen Säulen des Islam wie das "Allah im Gebet" praktizieren und jeden Freitag in eine Moschee gehen, stimmt so nicht. Sie fühlen sich allerdings stärker als die Anhänger christlicher Lehren ihrem Glauben verpflichtet und denken auch fundamentalistischer. So fühlen sich doppelt so viele Muslims (73 Prozent) wie Katholiken (38 Prozent) gläubig. Jeder Dritte besucht immer wieder eine Moschee, während nur jeder siebente Christ Gottesdienste frequentiert. Allerdings, mit der Dauer des Aufenthalts schwindet bei den Menschen mit islamischem Hintergrund die Bindung an ihren Glauben und die religiösen Institutionen.

Berufswelt und Umwelt färben ab

Denn, die Einbindung in die Berufswelt und in eine von europäischem Lebensstil geprägte Umwelt, färbt auch auf die Zuwanderer und deren Familien ab. Gerade die zweite Generation erweist sich dabei als ein Integrationsmotor. Problematisch wird es dann, wenn die Familie in einer Art Enklave lebt, die sich gegenüber den "einheimischen" Nachbarn abkapselt, sich den neuen Lebensumständen nicht anpasst, die Kommunikation auch mangels sprachlicher Kenntnisse verweigert, und versucht, das Bild seiner kleinen Scheinwelt aus dem alten in das neue Zuhause zu transferieren. Allerdings, und hier spielen die Herkunft und damit das gesellschaftliche Rollen-Verständnis mit, Türken sind mehr islam-orientiert als etwa Bosnier oder Indonesier.

Rechtzeitig auf neue Flüchtlingsströme einstellen

Bei der Analyse dieser Religionsstudien zeigt sich insgesamt die Notwendigkeit einer offensiven Integrationspolitik. Das betrifft insbesondere auch die Siedlungs- und Wohnungspolitik in den Städten, die gefordert ist, für einen entsprechenden Bevölkerungsmix zu sorgen, funktionierende Begegnungszonen zu schaffen und Gesprächsplattformen einzurichten. Wie in vielen anderen Bereichen so wird auch hier das nächste Parlament und die neu zu bestellende Kommission nicht nur Richtlinien verfassen sondern vor allem praktikable Lösungsvorschläge erarbeiten müssen. Dabei geht es generell um die Bewältigung und Integration der Migrationsströme, die nun zum Beispiel aus der Ukraine, einem Land dessen Bevölkerung mehrheitlich christlich-orthodox ist, zu erwarten ist. So hat Österreichs Innenministerin Johanna Mikl-Leitner bereits in Brüssel darauf aufmerksam gemacht, dass man sich in der EU nicht nur über finanzielle Hilfen Gedanken machen sondern auch "auf etwaige Flüchtlingsströme einstellen" sollte. Insbesondere wird es in einem ersten Schritt darum gehen, den Staaten an der EU-Außengrenze – Polen, der Slowakei, Ungarn und Rumänien – zur Seite zu stehen. Was da auf Europa noch zukommen könnte zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Seit 1989, dem Zusammenbruch des kommunistischen Ostblocks, haben bereits rund sieben Millionen Menschen das Land, das derzeit gut 45 Millionen bevölkern, verlassen.

Herbert Vytiska (Wien)

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