Interrail ist 40 Jahre alt. Es war „die beste Integrationsmethode für junge Europäer“, findet der österreichische Eisenbahnjournalist Stefan May, der nach einem Vierteljahrhundert seine erste Interrail-Reise wiederholt (Frankreich, Spanien, Portugal, Italien) und ein Interrail-Buch geschrieben hat. Mit allen Veränderungen: EU-Binnenmarkt, Euro, Schengen, Google, Handy. Und wie die Summe fremder Länder zu einem Heimatland geworden ist.
Damals war von EU noch keine Rede, vom Binnenmarkt schon gar nicht. Dennoch war es der Beginn einer Freundschaft mit Europa, vermittelt über die den ganzen Kontinent wie ein feines Adern-System überziehenden Eisenbahnschienen. Interrail wird in diesem Jahr 40 Jahre alt. 25 Jahre nach meiner ersten Interrail-Reise habe ich sie wiederholt: Dieselbe Strecke, einen Monat lang auf den Tag genau ein Vierteljahrhundert später: Frankreich, Spanien, Portugal, Norditalien.
Einübung ins Europabewusstsein
Interrail ist die seelische Einübung junger Menschen ins Europabewusstsein. Für mich war es meine erste große Auslandsreise überhaupt. Und weil mir, der ich bisher meine Ferien fast ausschließlich mit meinen Eltern verbracht hatte, die Erfahrung für ein solches Unternehmen fehlte, machte ich mich mit meinem Cousin, der ähnliche Voraussetzungen mitbrachte, auf die Reise.
Dieser erkrankte allerdings mittendrin, fuhr nach Hause, während ich die Fahrt fortsetzte. Und prompt in Barcelona trickreich bestohlen wurde. Es waren grundlegende Eindrücke, meine erste Begegnung mit Europa jenseits der österreichischen Nachbarländer. Es waren Wochen jener Freiheit, die Interrail versprach: grenzenlose Mobilität, Kennenlernen von Städten und Regionen, die man bisher nur aus dem Geografie-Unterricht kannte, Traumvorstellungen in Realität umgesetzt im Takt weniger Stunden, der Heimatkontinent in der Nussschale, ein erstes Schnuppern zwecks späterer Wiederkehr.
An vielen der Orte habe ich mich inzwischen, meist beruflich, wiederholt aufgehalten. Die Erinnerungen verschmelzen zum Gesamtbild. Interrail war für jene, die heute zwischen 40 und 60 Jahre alt sind, eine Philosophie: Mit dem Rucksack kreuz und quer durch Europa zu trampen, mit wenig Geld sich dort zu tummeln, wo andere teure Urlaube verbringen, Entbehrungen auf sich zu nehmen – in überfüllten Jugendherbergen, auf dem Boden des Eisenbahnwaggons nächtigend, wie ich es selbst im Ausnahmefall tun musste.
Junge Fernsüchtige aus ganz Europa
Es war die verschworene Schicksalsgemeinschaft der jungen Fernsüchtigen aus ganz Europa, die sich heute in Stockholm, morgen in Budapest wiederbegegnete. Man lernte einander kennen, half sich gegenseitig weiter und schloss Freundschaften, die mitunter ein Leben lang über Hunderte, Tausende Kilometer hielten. Interrail war die beste Integrationsmethode für junge Menschen, besser als jedes kluge EU-Programm von heute. Denn das Europa-Bewusstsein wuchs nebenbei, unbeabsichtigt.
Noch zwei weitere Sommer war ich mit der Kontinentalnetzkarte unterwegs: Einmal nach Skandinavien, einmal nach Großbritannien, Irland und in die Benelux-Staaten. Mit 26 Jahren war zu meinem großen Bedauern Schluss mit den Bahnkreuzfahrten für Junge. Gerne hätte ich noch den Balkan besucht. Besonders Wagemutige nahmen auch die Möglichkeit wahr, Marokko, ebenfalls im Programm, zu besuchen.
Mit dem nüchternen Tarifangebot ist der Zauber vorbei
Vor wenigen Jahren wurde das Alterslimit aufgegeben, das einst geniale Interrail-Angebot aus einem Guss in viele einzelne Angebote mit Ländergruppen und Zeitspannen aufgefächert. Damit war es aber auch, wie es mir scheint, mit dem Zauber von einst vorbei. Interrail mutierte von der Philosophie zum nüchternen Tarifangebot. In mir aber entstand der Wunsch, es doch noch einmal zu probieren. Und bald schälte sich der Gedanke heraus, einfach die erste Tour exakt nach einem Vierteljahrhundert, im Korsett eines 25 Jahre alten Drehbuchs, zu wiederholen.
Schließlich war es soweit, und ich stand wieder mit einem großen Rucksack im Wiener Westbahnhof und wartete auf den Nachtzug Richtung Westen. Diesmal kannte ich allerdings die Route bis zum Schluss, bei der ersten Fahrt hatte ich lediglich in den ersten drei Herbergen in Frankreich brieflich vorbestellt. Mit dabei waren nun meine Aufzeichnungen von damals, mehr ein Schlagwortgerüst auf alten Kalenderblättern unterwegs hin gekritzelt als ein tatsächliches Reisetagebuch, und meine Fotos von einst.
Die selbst gestellte Aufgabe, den ein Vierteljahrhundert zuvor geschossenen Bildern die gleiche Aufnahme von heute gegenüber zu stellen, geriet zur spannendsten Herausforderung der Retro-Reise. Ähnlich einer Schnitzeljagd verwendete ich viel Zeit dafür, den ehemaligen Standort für ein Motiv zu suchen, doch war der Effekt weitgehend enttäuschend: Da ich damals kaum Straßenszenen, Zufälliges oder Belangloses aufgenommen hatte, sondern die ewigen Steinzeugen und Jahrhunderte alten Wahrzeichen der besuchten Städte, ließ sich wenig Unterschied ausmachen.
Damals wurde noch mit Film fotografiert, jedes Papierbild kostete ein paar Schillinge, viel Geld für einen Studenten. Diesmal fotografierte ich digital, jeder Klick kostenlos, bei Nichtgefallen ließ sich das geschossene Foto verwerfen. Keine freudige Erwartung mehr auf den Moment, die entwickelten Bilder im Fotolabor abholen zu können. Unmittelbar nach dem Fingerdruck lässt sich jedes Motiv überprüfen.
Kein Geldwechsel, keine Grenzkontrollen
Auch Schillinge gab es diesmal nicht mehr, die Fahrt führte ausschließlich durch die Eurozone. Kein Geldwechsel mehr nach jedem Grenzübertritt, kein Nachzählen, kein Anfreunden mit neuer fremder Währung, kein Auswendiglernen diverser Münzgrößen und Geldschein-Farben. Keine Suche nach Banken zwecks Einlösens von Traveller-Schecks, kein ermüdendes Umrechnen von Preisen auf den Speisekarten.
Und weil es eine Fahrt durch den Schengen-Raum war, entfielen auch die Grenzkontrollen, die stets etwas Ungewisses, die erste Berührung mit einem neuen Staat bedeuteten. Ich fuhr wie von einem Bundesland ins andere, erstmals – im Vergleich zu einst – die Freiheit Europas ermessend.
Es hat sich viel verändert in 25 Jahren: Manche Jugendherberge von damals existierte nicht mehr, die Schlafsäle sind kleiner geworden, mitunter wirken sie heute wie Jugendhotels. Nicht ein einziges Mal musste ich, wie von früher gewohnt, meinen Schlafsack auspacken, Bettwäsche wurde stets bereitgestellt. Wegen des vorgegebenen Drehbuchs war ich allerdings in meiner Flexibilität eingeschränkt, konnte nicht aufs Geratewohl drauflosfahren, sondern meldete mich überschlagend von einer Herberge mindestens bis zur übernächsten im Voraus an.
Spontaneität ist riskanter geworden
Dennoch ist es auch so komplizierter geworden: Manche Herberge akzeptierte nur eine Mindestaufenthaltszeit oder war schon ausgebucht. Mir schien es, als liefen die Dinge heute mehr nach Plan, Spontaneität ist riskanter geworden. Allerdings irrt man nun nicht mehr durch Städte auf der Suche nach der Straße mit der angestrebten Unterkunft, man sitzt morgens oder abends am Herbergscomputer, googelt die Unterkunft von übermorgen und findet ihre Lage auf dem virtuellen Stadtplan.
Der Computer hat die gravierendste Lebensumstellung beim Interrailreisen gebracht: Teils ist es notwendig, teils wird man verführt, ihm detaillierte Informationen zu entlocken, nichts mehr dem Zufall zu überlassen, bevor man sich auf die Piste der Stadterkundung begibt. Und weil ich schon dabei bin, schaue ich noch in die eigenen e-mails. Passt er nicht auf, verbringt der Interrailer heute mehr Zeit mit Planungen und Schmökern im Internetcafé als am realen Ferienort selbst.
Online in den Jugendherbergen
Dennoch ist das Internet kaum verzichtbar: Nicht nur Herbergen lassen sich recherchieren, auch Fahrpläne und Zuschläge. Denn die Züge sind zwar mitunter bedeutend schneller und pünktlicher geworden als sie es vor 25 Jahren waren, meist auch deutlich bequemer, doch Qualität hat ihren Preis. Konnte man vor 25 Jahren Zuschlägen mittels niedrig-rangiger Züge noch leicht aus dem Weg gehen, ist dies etwa in Spanien heute nicht mehr möglich. Auch Frankreich hat für seine TGV-Züge nur ein bestimmtes Interrail-Kontingent aufgelegt; ist das aufgebraucht, zahlt man den höheren TGV-Preis.
Auf diese Weise blieb mir diesmal just jene TGV-Fahrt verwehrt, die damals unsere erste und einzige gewesen war, jene auf der ersten und einzigen TGV-Strecke zu dieser Zeit, jene zwischen Paris und Lyon. Allerdings hatte ich diesmal auch kein Glück mit dem augenscheinlichsten Fortschritt im Schienenverkehr entlang meiner Route: Mit dem spanischen AVE-Zug statt im Liegewagen von Madrid nach Barcelona. Wegen Bränden entlang der Strecke gab es Schienenersatzverkehr – mit Flugzeugen.
Handy statt fremder Telefonhütten
Dennoch war diesmal spürbar, dass ich Zeit sparte: Das Schreiben von Ansichtskarten hatte damals ganze Vormittage blockiert – samt Karten- und Markenkauf in fremder Währung. Diese vom Aussterben bedrohte Urlaubskultur entfiel diesmal fast vollständig. Denn heute gibt es ja auch noch das Handy zur ortsunabhängigen Kontaktnahme. Ich erinnere mich an die langwierige Suche nach Telefonhäuschen, das entnervende Lesen der Gebrauchsanleitung in jenen düsteren Kojen, das Bereithalten ganzer Haufen an Münzen, deren rasches Nachwerfen die Konzentration aufs Gespräch empfindlich störte.
Unbeflecktheit der Erstentdeckung
Interrail wie vor 25 Jahren lässt sich nicht nur wegen all dieser veränderten Umstände nicht mehr nachvollziehen. Jene Unbeflecktheit der Erstentdeckung ist nicht mehr möglich, der Bann, in den das bisher Fremde schlägt, der Stolz, all das mit eigenen Augen sehen zu können, nachdem man es für selbst für sich organisiert hat – das alles lässt sich nicht wiederholen.
Es ist etwas anderes, das die Wiederholung reizvoll macht: das Bewusstwerden des Unterschieds, die Entwicklung, die Europa in der Zwischenzeit genommen hat, der Wohlstand, der in den damals noch ärmeren Ländern eingezogen ist.
Die Erfahrung, wie gut es den Europäern geht
Es ist auch der technische Fortschritt, speziell im Bereich der Mobilität: Die Renaissance der Straßenbahn in Frankreich, das Fahrrad als Fortbewegungsmittel in den Städten oder die Magnetkarte statt der Papier-Fahrscheine.
Eine Menge an neuen Erfahrungen lässt sich nach 25 Jahren sammeln: dass Europa in dieser Zeit von einer Summe fremder Länder ein Stück weit zu einem Heimatland geworden ist, dass es den Europäern eigentlich sehr gut geht – und dass es ein ziemlich schöner Kontinent ist.
Stefan May: "Das Gleiche noch einmal – Interrail, 25 Jahre späte", Projekte-Verlag, Halle, 2012, 161 Seiten, 24,50 €

