Lange Zeit waren Zentralbanken ausschließlich mit der Staatsfinanzierung sowie der Preis- und Finanzmarkstabilität betraut. „Die Aufgaben von Zentralbanken haben sich mit dem historischen und wirtschaftlichen Umfeld der jeweiligen Zeit verändert“, sagt Österreichs Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny.
Die Europäische Zentralbank (EZB) muss die angeschlagene Wirtschaft in Europa nach Einschätzung des Gouverneurs der Österreichischen Nationalbank Ewald Nowotny weiterhin stützen. Es gebe vor allem noch große Herausforderungen im Bankensektor und besonders in Europa eine kriselnde Realwirtschaft verbunden mit angespannten Staatsfinanzen. "Daher ist eine akkommodierende Geldpolitik weiterhin notwendig", wobei die Zentralbank jedoch auch mögliche negative Nebeneffekte im Auge behalten müsse.
"Die Aufgaben von Zentralbanken haben sich mit dem historischen und wirtschaftlichen Umfeld der jeweiligen Zeit verändert", hob Nowotny in seiner Rede vor der heute in Wien stattfindenden Volkswirtschaftlichen Tagung hervor, die sich mit den veränderten Verantwortungsbereichen von Zentralbanken im Wandel der Zeit beschäftigt. Nowotny unterstrich dabei vor allem die Bedeutung der EZB: "Heute gehört die Zentralbank gemeinsam mit Parlament, Regierung und Judikative zu den Grundpfeilern einer modernen Demokratie."
Rolle der Zentralbanken hat sich gewandelt
Geschichtlich gesehen hätten Zentralbanken vor dem Ersten Weltkrieg vorrangig ihre Verantwortung in der Wahrung der Finanzmarktstabilität und Staatsfinanzierung gesehen. Nach der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre und dem Zweiten Weltkrieg sei ihre Aufgabe von der Bewältigung hoher Inflation und Massenarbeitslosigkeit geprägt gewesen. Seither legen Zentralbanken einen klaren Fokus auf Preisstabilität. Mit Hilfe konventioneller Zinspolitik konnten sie ihren Anforderungen durchaus gerecht werden.
Die Finanzkrise hat allerdings, so Nowotny, zusätzliche Herausforderungen für Zentralbanken gebracht. Mit konventionellen als auch unkonventionellen geldpolitischen Instrumenten haben Zentralbanken auf veränderte Situationen stets schnell reagiert und so die Stabilität des Finanzmarktes gewährleistet.
Abstimmung zwischen Fiskal- und Geldpolitk notwendig
Eine zusätzliche Herausforderung für Zentralbanken sei der wechselseitige Zusammenhang zwischen Fiskal- und Geldpolitik. "In der Praxis herrscht heute eine klare Trennung der institutionellen Verantwortung für die Fiskalpolitik einerseits und die Geldpolitik andererseits. Gleichzeitig besteht Einigkeit darüber, dass unter bestimmten Umständen eine Abstimmung zwischen fiskal- und geldpolitischen Institutionen erforderlich ist. Dies spiegelt sich auch im Mandat der Europäischen Zentralbank wider," stellte der OeNB-Gouverneur fest.
Notwendigkeit einer europäischen Bankenaufsicht
Das Mandat der Europäischen Zentralbank würde jedenfalls klare Prioritäten setzen, gleichzeitig aber auch die größeren makroökonomischen Zusammenhänge anerkennen. "Ein Faktor, der heute die Rolle moderner Zentralbanken maßgeblich mitbestimmt, ist deren zunehmende Verantwortung für Finanzstabilität und Bankenaufsicht. Im Kontext der jetzigen Krise beobachten wir eine stärkere Gewichtung der Rolle der Zentralbanken vor allem hinsichtlich mikroprudenzieller und makroprudenzieller Aufsichtsbereiche." Als Beispiel nannte der Gouverneur der Österreichischen Nationalbank eine gemeinsame europäische Bankenaufsicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank. Diese berge zwar auch Risiken für Zentralbanken, weshalb es zuverlässiger und umfassender Vorbereitungen bedürfe, um eine solche Aufgabe überhaupt wahrnehmen zu können.
Redaktion Wien

