Europa könnte der erste völlig säkularisierte Kontinent werden, hatte bereits Wiens legendärer Kardinal König befürchtet. Der Nachfolger von Papst Benedikt XVI. muss darin seine Hauptaufgabe sehen, hörte EURACTIV.de im noch katholischen Österreich. Europa müsse sich besinnen, worauf es beruhe, nämlich auf der Akropolis (wegen des humanistischen Menschenbildes), auf dem Forum Romanum (wegen des Römischen Rechtsdenkens) und dem Berg Golgota (wegen des Christentums).
Viel wurde seit der Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt XVI. über seine Motive spekuliert. Da ist von Intrigen die Rede, denen er nicht Herr geworden sei, von Skandalen, die ihn zermürbt haben und eben auch, wie von ihm selbst artikuliert, von einer altersbedingten Schwäche. Was aber bedeutet dieser Schritt für Europa?
EURACTIV.de hat dazu in Österreich, das sich seit Jahrzehnten nicht nur um die Kontakte mit der so genannten Ost-Kirche, sondern auch um den (politischen) Dialog zwischen Christentum, Judentum und Islam bemüht, mit zwei Experten auf diesem Gebiet gesprochen.
Erhard Busek: Dringende Kurienreform
"Ich zolle dem Heiligen Vater großen Respekt", sagt etwa Erhard Busek, ein anerkannter christlich-liberaler Intellektueller und Vorstand des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa. Er weist auf die besondere Dimension dieses Schrittes hin: "Er hat neue Maßstäbe gesetzt, gewissermaßen das Amt internationalisiert." Gleichzeitig formuliert Busek die Erwartungen, die jetzt in die zukünftige Entwicklung gesetzt werden: "Was jetzt Not tut und als große Herausforderung auf den neuen Papst wartet, ist – unter anderem – eine dringende Kurienreform."
Weniger Oberflächlichkeit, mehr Inhalt
Busek, früherer Vizekanzler der Republik Österreich sowie Regierungsbeauftragter für die EU-Erweiterung und Sonderkoordinator des Stabilitätspakts für Südosteuropa, sieht im Papst-Rücktritt und dem nun folgenden Konklave weit mehr als nur ein weltkirchliches Ereignis. Denn: "Das Papsttum hat für den gesamten Erdkreis große Bedeutung, gerade aber auch für Europa."
Hierin könnte gerade jetzt eine Chance bestehen, um neue Impulse zu setzen, einen Ausweg aus einer Krise zu finden, die sich in schwindendem Interesse an der Kirche und der Kritik an Vorgängen rund um kirchliche Institutionen und deren Amtsträger artikuliert. Daher: "Wir müssen weg kommen von der Oberflächlichkeit und uns vor allem auch wieder inhaltlich mit dem Christentum und den Erfordernissen der Gesellschaft beschäftigen."
"Christliches Abendland"
Busek formuliert dies als Appell, sich stark in diese Diskussion einzubringen: "Vor allem Europa muss sich wieder darauf besinnen, woraus es entstanden ist." Es war seiner Ansicht nach mehr als begründet, in Zusammenhang mit Europa von einem christlichen Abendland zu sprechen, "hat doch das Christentum ganz entscheidend religiöse, ethische, rechtliche, kulturelle Maßstäbe gesetzt, ohne die dieser Kontinent unvorstellbar wäre".
Die Kirche in Europa und der Fall des Eisernen Vorhangs
Genau darauf verweist Monsignore Franz Schlegl, Geistlicher Assistent im Erzbischöflichen Amt für Unterricht und Erziehung in Wien, der sich insbesondere um die Intensivierung der Kontakte mit der orthodoxen Kirche bemüht. "Europa steht auf drei Säulen: Der Akropolis von Athen, dem Forum Romanum und dem Berg Golgota; also auf dem humanistischen Menschenbild, dem römischen Rechtsdenken und dem Christentum!"
Europa als erster völlig säkularisierter Kontinent?
Schlegl zieht daraus einen wichtigen Schluss: "Franz Kardinal König hat im Jahr 2000 die Sorge ausgesprochen, Europa könnte der erste völlig säkularisierte Kontinent werden. Deshalb die Sorge vor Johannes Paul II. und Benedikt XVI. um die so genannte Neu-Evangelisierung Europas. Zweifellos wird dies auch ein besonderes Anliegen des nächsten Papstes sein müssen!"
Der Fall des Eisernen Vorhangs an der Wende der 1980er zu den 1990er Jahren wird vor allem mit dem Entstehen der freien, katholischen Gewerkschaftsbewegung "Solidarnosc", mit der Wahl des polnischen Bischofs Wojtyla zum Papst Johannes Paul II. und letztlich dem Auftreten von Mihail Gorbatschow an der Spitze der Sowjetunion – ihm wurde eine besondere Nähe zur russisch-orthodoxen Kirche nachgesagt – in Zusammenhang gebracht.
Dialog mit dem Islam: Notwendig, aber Gratwanderung
Die Beziehungen zwischen der katholischen und orthodoxen Kirche spielen für Europa eine wichtige Rolle. Daher stellt sich die Frage, welche Bedeutung in diesem Punkt dem Pontifikat Benedikt XVI. zukomme. Schlegl: "Der ökumenische Kontakt, besonders zum Patriarchat von Konstantinopel, hat sich weiter verbessert. Zweifellos hat Rom den Patriarch Bartholomaios gegenüber der repressiven Politik der Türkei den Rücken gestärkt. Immerhin kann jetzt die theologische Hochschule in Chalki wieder eröffnet werden. Das Patriarchat von Moskau wollte allerdings dem Papst Bedingungen für einen Besuch in Russland stellen, nämlich die Einstellung jeglicher Unterstützung für die griechisch katholische Kirche in der Ukraine, immerhin über sechs Millionen Gläubige."
Ohne Zweifel gibt es auch hier für den nächsten Papst Verhandlungsbedarf, der erst recht für den Brückenbau zwischen Christentum und dem Islam gefragt ist, um das Spannungsverhältnis zwischen beiden Religionen abzubauen. Ein schwieriges und heikles Unterfangen: "Ein Dialog mit den gemäßigten Islam ist wegen der christlichen Bewohner islamischer Länder unbedingt notwendig."
Allerdings müsse der Westen "sehr deutlich darauf hinweisen, dass die meisten Christenverfolgungen und Menschenrechtsverletzungen heute in islamischen Ländern geschehen". Was Monsignore Schlegl den Schluss ziehen lässt, den viele theologische wie politische Experten teilen: "Das wird eine schwierige Gratwanderung."
Herbert Vytiska (Wien)

