EU-Kommissar Hahn unter Plagiatsverdacht

Vor rund 25 Jahren veröffentlichte EU-Kommissar Johannes Hahn seine Doktorarbeit. Hat er damals abgeschrieben und muss nun abtreten? Foto: dpa.

Die EU-Kommission hat ihre erste Plagiatsaffäre. Einem Gutachten zufolge sind in der Doktorarbeit von Regionalkommissar Johannes Hahn mindestens 17,2 Prozent aller Zeilen „plagiiert“. Handelt es sich bei der Analyse um eine politisch motivierte Auftragsarbeit?

Der Plagiatsverdacht gegen den österreichischen EU-Kommissar Johannes Hahn (ÖVP/EVP) hat sich einem Gutachten zufolge erhärtet. Die Analyse im Auftrag der österreichischen Grünen listet 76 Plagiatsfragmente auf. Zumindest 17,2 Prozent der Gesamtzeilenanzahl seien plagiiert.

Johannes Hahn promovierte 1987 an der Universität Wien zum Thema "Die Perspektiven der Philosophie heute – dargestellt am Phänomen Stadt". Der konservative Politiker sah sich bereits 2007 mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert, als er als Wissenschaftsminister tätig war. Die Grünen werfen der Universiät Wien vor, den Fall damals aus politischer Rücksichtnahme nicht ordnungsgemäß überprüft zu haben.

Hahns Presse-Büro verteidigt den Kommissar in einem Statement. Der Plagiatsvorwurf sei haltlos. Die Studie sei eine politisch motivierte Auftragsarbeit. Die Doktorarbeit Hahns werde bereits im Auftrag der Universität Wien durch die Agentur für wissenschaftliche Integrität geprüft. "Dieses Ergebnis ist abzuwarten." Ein früheres Gutachten komme zu der Erkenntnis, dass es sich bei der Dissertation von Dr. Hahn um kein Plagiat handelt.

Pilz: "Hahn hat die Chance vertan…"

Autor des neuen Gutachtens ist der Medienwissenschaftler und Plagiats-Experte Stefan Weber (Internetseite), der nach eigenen Angaben bereits mehr als 300 akademische Arbeiten überprüft hat. In elf Fällen hätten seine Plagiats-Nachweise dazu geführt, dass akademische Grade aberkannt wurden.

In Auftrag gegeben hat das Gutachten der österreichische Abgeordnete Peter Pilz (Grüne). Pilz fordert in einer Erklärung erneut den Rücktritt des EU-Kommissars. "Die Chance, sich mit einem Rest von Anstand aus dem Amt zurückzuziehen, hat er vertan", so Pilz. "Jetzt klebt er am Sessel und wartet."

Österreich: Medien und Politik unter einer Decke?

Pilz beklagt den unterschiedlichen Umgang mit Plagiatsaffären in Deutschland und Österreich. Im Fall von Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) seien Professoren und Dissertanten gegen den ramponierten Ruf ihrer Gefälligkeitsunis auf die Straße gegangen und hätten ihre Schuhe an den Zaun des Verteidigungsministeriums gehängt. "Der Druck der akademischen Straße war es schließlich, den Guttenberg nicht mehr ertragen hat", so Pilz. Dazu hätten deutsche Zeitungen solange gebohrt, bis alles zum Vorschein gekommen sei. Folgt man der Argumentation von Pilz, wird dagegen der Österreicher Hahn von den heimischen Medien geschont. "Kaum geht es um unseren Hahn, zieht Vorsicht ein", kommentiert Pilz. "Gerade am Fall ‚Hahn‘ merkt man, dass schon viel zu viele in den Chefetagen der Medien im gemeinsamen Inseratennest sitzen."

Heute berichten allerdings viele österreichische Medien über die neuen Vorwürfe, zum Beispiel die Wiener Zeitung, Die Presse, Der Standard, der ORF und die Kleine Zeitung.

Im Vergleich zu den deutschen Plagiatsaffären mutet der Fall Hahn harmlos an. Die Analyse der Doktorabeit des FDP-Europaabgeordneten Jorgo Chatzimarkakis kommt aktuell zu dem Ergebnis, dass sich auf 62,11 Prozent der Seiten Plagiate finden.

awr

Links


Dokumente

Stefan Weber:
Gutachten zur Einhaltung der guten wissenschaftlichen Praxis in der Dissertation von Dr. Johannes Hahn "Die Perspektiven der Philosophie heute – dargestellt am Phänomen Stadt", Universität Wien, 1987 (23. Mai 2011)

Stefan Weber: Internetseite

Pressebüro von EU-Kommissar Hahn: "Plagiatsvorwurf gegen EU-Kommissar Hahn haltlos". Pressemitteilung (23. Mai 2011)

VroniPlagWiki: Untersuchungen der Doktoarbeiten Silvana Koch-Mehrin von Jorgo Chatzimarkakis

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