Redaktionen des paneuropäischen EURACTIV-Netzwerks geben einen Überblick, was die Energiewende für ihre jeweiligen Länder bedeutet. Bisher: die Türkei, Frankreich, Tschechien, Belgien, Serbien und die Slowakei. Diesmal sind Polen und Österreich an der Reihe.
EURACTIV POLEN: Unbeirrt von deutschen Einwänden
Polens Strategie ist es, seine Energiequellen zu diversifizieren. Polen hat sich zum Ziel gesetzt, sein erstes Kernkraftwerk zuerrichten – und das im Gegensatz zur deutschen Energiewende und in Opposition zum deutschen Einspruch gegen die Kernkraft in Polen. Darüber hinaus treibt es auch die nicht unumstrittene Förderung von Schiefergas voran.
Die Regierung versichert, dass beide Programme die gleiche Priorität genießen. Nach Ansicht einiger Analysten sollte Polen beide Projekte parallel austragen, zumindest solange, bis das Volumen der polnischen Schiefergasvorkommen und die Wirtschaftlichkeit der Shale-Gas-Produktion exakt bestimmt werden können.
Eine endgültige Entscheidung über das Kernkraftprogramm wird indes nicht vor 2014/15 fallen.
Allerdings behaupten einige Experten, dass aus einer ganzen Reihe von Gründen nicht beide Projekte gleichzeitig verfolgt werden können. Sie sind der Auffassung, dass sich Polen bald für eines der beiden entscheiden müsste, da sich Investitionen in beide Projekte als zu kostspielig erweisen könnten.
EURACTIV ÖSTERREICH: Gänzlich anders als in Deutschland
Wäre es nach dem Willen des ehemaligen sozialdemokratischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky gegangen, so stünden heute in Österreich wahrscheinlich zwei bis drei Atomkraftwerke in Betrieb, und die politischen Parteien würden heftig über einen Atomausstieg diskutieren. Weil aber Kreisky 1978 sein politisches Schicksal mit der Inbetriebnahme des damals gerade fertiggestellten Atomkraftwerkes Zwentendorf verbunden und die damit verbundene Volksabstimmung verloren hatte, blieb die Alpenrepublik "atomfrei". Mehr noch, man begann sich schon sehr frühzeitig mit neuen Energieformen intensiv auseinanderzusetzen.
Wie wenige Länder hatte Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg schon frühzeitig auf den Ausbau der Wasserkraft gesetzt, wovon unter anderem die Donaukraftwerke von Engelhartszell bis Wien und zahllose Speicherkraftwerke in den Alpen Zeugnis ablegen. Zwischenzeitlich wird dank der Förderungspolitik in den Bundesländern vor allem in die Nutzung alternativer Energieformen (Biogene Brennstoffe, auch Windenergie) investiert.
Das Resultat spiegelt der jüngste, erst vor kurzem veröffentlichte Bericht von "Statistik Austria" wider. So reduzierten sich zwischen 1995 bis 2010 die Emissionen der meisten Luftschadstoffe und Treibhausgase deutlich, bei Schwefeldioxid um 57,6, bei Kohlenstoffmonoxid um 48,9 Prozent. Rückgänge gab es auch bei Feinstaubformen. Anstiege verzeichneten hingegen Kohlenstoffdioxid und Stickoxide, deren Werte bis 2005 um 22,1 Prozent bzw. 28,4 Prozent anstiegen, seit 2006 aber im Sinken begriffen sind, genau um 4,3 Prozent bzw. 10,2 Prozent. Eine Entwicklung, die die Statistiker auf den vermehrten Umstieg auf Erneuerbare Energieträger zurückführen.
Wasser und Wind decken 60 Prozent des Bedarfs
Für Günther Brauner vom Institut für Energiesysteme der Technischen Universität Wien stellt sich die Energiewende in Österreich gänzlich anders dar als beispielsweise in Deutschland und vielen europäischen Ländern. Österreich produziert bereits jetzt 60 Prozent seines Stroms aus Wasserkraft und Windenergie. Bis 2020 soll dieser Wert auf 70 Prozent ansteigen, parallel dazu kommt der Ausbau der Stromerzeugung aus Photovoltaik. Österreich hat aktuell ein jährliches technisches und ökologisch verträgliches Nutzungspotenzial von 91 Terawattstunden (TWh) aus regenerativen Energien, davon alleine 21 TWh aus Wasserkraft. Der derzeitige österreichische Elektrizitätsbedarf liegt bei 68 TWh pro Jahr.
Temporäre Energieträger und "flexible Kraftwerke"
Da der Elektrizitätsbedarf weiter ansteigt, wird nicht nur auf den Einsatz neuer Energiequellen, sondern zusätzlich auf Energieeffizienzmaßnahmen besonderes Augenmerk zu legen sein. Eine weitere Herausforderung ergibt sich durch die zunehmende Schwankungsbreite bei der Stromerzeugung aufgrund oft nur temporär zur Verfügung stehender Energiequellen (Wind- und Photvoltaiktechnik), was die Bereitstellung von entsprechenden Ausgleichsleistungen erfordert. Die beste Lösung für den Verband der Elektrotechnik sind die Errichtung so genannter "flexibler Kraftwerke", die in der Lage sind, kurzfristig hohe Leistungen zu erbringen.
Die Energiewende nicht nur weiter zu betreiben, sondern vor allem auch zu intensivieren, verlangt nach entsprechenden Investitionen, die wiederum mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze verbunden sind. Hier ist die Politik gefordert: Die österreichische Bundesregierung hat im Oktober 2012 eine umfassende Anpassungsstrategie für die langfristigen Auswirkungen des Klimawandels verabschiedet.
Nicht weniger als 14 Themenfelder werden dabei angesprochen: Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Wasserwirtschaft, Tourismus, Energie, Bauen, Naturgefahren, Katastrophenvorsorge, Gesundheit, Natur, Verkehr, Raumordnung, Wirtschaft und Städte. Mit einem "Papier" allein ist es freilich nicht getan. Vielmehr müssen die Folgen des Klimawandels in alle Planungs- und Entscheidungsprozessen Eingang finden. Spätestens die nächste Regierung, die nach den Nationalratswahlen 2013 antritt, wird daher auch weitere Handlungen setzen müssen.
Steigende Lebensqualität durch sinkende Umweltbelastung
Für das Institut für Höhere Studien (IHS) steht auch fest: "Eine Energiewende ist umsetzbar, leistbar, belebt den Arbeitsmarkt und fordert keinerlei Einbußen in der Lebensqualität der ÖsterreicherInnen – ganz im Gegenteil: Bei sinkender Umweltbelastung steigt diese sogar."
So könnte allein die CO2-Jahresbilanz in den nächsten vier Jahrzehnten um mehr als 90 Prozent zu Gunsten des Klimas eingespart werden, vor allem durch den Ausbau erneuerbarer Energieträger für die Stromerzeugung.
Großes Energiesparpotenzial zeigt die Studie vor allem im Wohnbau und Verkehrssektor auf. Durch Einsparungen ließe sich der gesamte österreichische Energieverbrauch in den nächsten vier Jahrzehnten beinahe halbieren. Ein rund 85-prozentiger Anteil an erneuerbaren Energieträgern ist laut IHS-Studie bis 2050 realistisch. Die Nutzung fossiler Energien beschränkt sich dann lediglich auf einen Restanteil in der Industrie und teilweise im Verkehr. Innerhalb einer Generation wäre bei entsprechendem politischen Begleitprogramm und Willen die Energiewende möglich.
Und notwendig: Nicht nur die Arktis leidet unter dem Klimawandel. Auch Österreich ist vom Klimawandel betroffen. Die Temperaturen liegen jetzt anderthalb Grad höher als im langjährigen Schnitt. Die Gletscher in den Alpen schrumpfen immer mehr. Hitzewellen oder Überschwemmungen häufen sich. Die Weinernte beginnt fast einen Monat früher als noch vor etwa fünfzehn Jahren.
Herbert Vytiska (Wien)
Wird fortgesetzt. Bisher erschienen:
Neues YellowPaper von EURACTIV.de (I) / The German Energiewende und der Rest Europas (24. Dezember 2012)
Neues YellowPaper von EURACTIV.de (II) / Energiewende: Übersicht des EURACTIV-Netzwerks (24. Dezember 2012)
