Blättert man in der EU-Streikstatistik nach, so gehört Österreich zu den Ländern mit der geringsten Anzahl von Streikstunden. Eine Vielzahl von internationalen Studien zeigt, dass sich Österreich in puncto Arbeitszufriedenheit im europäischen Spitzenfeld befindet.
In der EU-Streikstatistik findet sich in den Aufzeichnungen für 2013 gerade ein Streik der Angestellten in den Ordensspitälern von Oberösterreich und der endete am zweiten Tag mit einem Kompromiss. Die letzten veröffentlichten Daten liegen bei beinahe "0" Prozent. Mit ein Grund dafür ist die so genannte Sozialpartnerschaft, das Zusammenwirken von Gewerkschaft und Wirtschaftskammer. Das muss gerade in diesen Tagen die Regierung erleben. Sie will endlich ein neues Lehrerdienstrecht verabschieden, bereits 33 Verhandlungsrunden hat es gegeben, Bundes- und Vizekanzler ist der Geduldsfaden bereits gerissen, aber die Gewerkschaft lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Und damit findet sich letztlich auch die Regierung ab, die noch schnell im Wahlkampf ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen wollte.
Sozialpartnerschaft als "Nebenregierung"
Die von SPÖ und ÖVP dominierte Sozialpartnerschaft ist quasi eine "Nebenregierung", die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde. Sie steht auch aufgrund ihres sozialen Machtfaktors zwar immer wieder unter Beschuss so mancher Kritiker, hat aber auch wesentlichen Anteil an der ruhigen und positiven Entwicklung, die Österreich in den letzten bald 70 Jahren genommen hat. Und das anerkennt auch die Bevölkerung. Laut jüngsten Erhebungen der Statistik Austria verweisen 78,7 Prozent der Österreicher auf eine hohe bzw. sehr hohe Lebenszufriedenheit. Die Bemerkung von Papst Paul VI. bei einem Vatikanbesuch von Bundespräsident Franz Jonas im November 1971, wonach Österreich eine "Isola felice", eine "glückliche Insel" sei, wurde geradezu zum Lebensmotto breiter Kreise der Bevölkerung. Was mitunter auch zu mancher Selbstgefälligkeit und Saturiertheit Anlass war, der Kompromisssuche Vorrang vor mitunter notwendiger Streitkultur einräumte, der Politik heute oftmals große Visionen fehlen.
Überraschend hohe Einkommenzufriedenheit
Es ist eine Vielzahl von internationalen Studien, die zeigt, dass sich Österreich in puncto Arbeitszufriedenheit im europäischen Spitzenfeld befindet: Die Beschäftigten schätzen ihr Arbeitsumfeld. Das gilt ganz besonders auch für die Möglichkeit, Teilzeit zu arbeiten oder Überstunden zu machen. Gemäß "European Working Conditions Survey" der EU, für den europaweit 44.000 Beschäftigte befragt werden, liegt Österreich unter 34 untersuchten Ländern auf dem 5. Platz und damit nicht nur vor Deutschland, sondern auch vor nordischen Ländern wie Finnland oder Schweden. Demnach sind 9 von 10 befragten Österreichern mit ihrer Haupttätigkeit "sehr zufrieden" oder "zufrieden". Bestätigt wird die hohe Arbeitszufriedenheit in Österreich auch von einer Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft, in der bei österreichischen Beschäftigten darüber hinaus auch eine vergleichsweise große Einkommenszufriedenheit festgestellt wurde. Und das trotz Klagen über den "Teuro".
Zaghafte Versuche zur Veränderung der Arbeitswelt
Seitens der gesetzlichen Interessensvertretung der Arbeitnehmer, der so genannten Arbeiterkammer, gibt es immer wieder Anläufe, Veränderungen in der Arbeitswelt zu verlangen. So etwa wenn es um die Einschränkung der so genannten Teilzeitarbeit (sie ist vor allem bei Mütter mit kleinen und schulpflichtigen Kindern gefragt) oder dem Abbau der Überstünden geht (sie päppeln vor allem das reale Einkommen oft nicht unbeträchtlich auf). Hier decken sich theoretische Forderungen oftmals nicht mit der Einstellung der Betroffenen. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass die Mehrheit der Arbeitnehmer keine großen Änderungen will: Nach einer aktuellen Market-Umfrage sind 71 Prozent der Arbeitnehmer mit ihrer derzeitigen Überstundensituation sehr zufrieden. 65 Prozent sind auch dagegen, dass der Arbeitgeber für jede geleistete Überstunde mit einem so genannten "Strafeuro" belastet werden soll. Ein Vorschlag, der im Wahlkampf aufgetaucht und gleich wieder verschwunden ist. Die Forderung nach generell 6 Wochen Urlaub stößt bei den Beschäftigten ebenso auf wenig Widerhall. Ihnen ist Jobsicherheit wichtiger.
Kritik an "All-in" Arbeitsverträgen
Was freilich im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit Österreich gefordert wird, ist mehr und nicht weniger Flexibilität am Arbeitsmarkt. So etwa wird vom Wirtschaftsministerium die Erhöhung der möglichen, nicht verpflichtenden maximalen Tagesarbeitszeit von 10 auf 12 Stunden in die Diskussion geworfen. Auf der anderen Seite sorgt sich die Arbeiterkammer um so genannte "All-in" Arbeitsverträge, bei denen ein fixes Jahresgehalt vereinbart wird, die aber mitunter auch dazu führen, dass Mehrdienstleistungen eingefordert werden, die dann keine finanzielle Abgeltung mehr finden. Gemäß der sozialpartnerschaftlichen Tradition wird es dazu sicher irgendwann zu einem Kompromiss kommen. So gerade jetzt, als es um die Frage ging, ob Krankenstandstage im Urlaub angerechnet werden. Kaum stand das Thema auf der Tagesordnung, schon hatte man sich darauf geeinigt, dass wenn jemand im Urlaub erkrankt, dies selbstverständlich nicht auf Kosten der Urlaubstage geht.
Redaktion Wien

