Das „christliche Abendland“ wird weniger christlich

Protestantin mit Moslems. (Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einem Jugendintegrationsgipfel.) Foto: RegierungOnline/Kugler

Im katholischen Österreich sind die Moslems bereits die zweitstärkste Religionsgruppe. In Österreich wie in der Schweiz sind zudem die Konfessionslosen auf dem Vormarsch. In Deutschland erwägt die CDU/CSU die Schärfung ihres christlichen Profils.

Das so genannte "christliche Abendland" ist längst nicht mehr das, was es einmal war. Trotz einer Krise, die vor allem die katholische und evangelische Kirche betrifft, gibt es Ansatzpunkte, die zum Nachdenken anregen sollten. Das belegen eine umfassende sozialwissenschaftliche Analyse in Österreich und aktuelle Volkszählungsergebnisse in der Schweiz.

Die durchaus dramatische Entwicklung lässt sich am Beispiel Österreichs über den Zeitraum der Zweiten Republik verfolgen. Betrug nach dem Zweiten Weltkrieg der Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung noch fast 90 Prozent, so ist dieser bis 2012 auf 64 Prozent gesunken.

Das heißt, die katholische Kirche verzeichnet einen "Mitgliederschwund" von fast einem Drittel. Allerdings zeigen Befragungen, dass sich 14 Prozent noch immer als Katholiken „fühlen“, wenngleich sie nicht mehr als Mitglieder der Kirche geführt werden.

Mehrheit sieht Islam als Bedrohung

Parallel dazu hat sich die Zahl der Konfessionslosen in den vergangenen 40 Jahren beinahe verdreifacht. Sie ist von 330.000 im Jahre 1971 bis dato auf über eine Million geradezu explodiert.

Die Moslems sind mit 6 Prozent mittlerweile zur zweitstärksten Glaubensgemeinschaft aufgerückt. Die Protestanten wurden nicht nur vom 2. Platz verdrängt, sondern fielen sogar auf den 4. Platz zurück, da die Orthodoxen die Nummer 3 wurden.

Diese Zahlen spiegeln auch die Zuwanderungspolitik in Österreich wider, wobei Moslems freilich nicht nur aus der Türkei, sondern auch aus Bosnien und anderen Ländern zugezogen sind. Auch die hohe Zahl orthodoxer Gläubiger hängt mit den eingewanderten Bürgern aus der Balkanregion zusammen.

Allerdings – und hier zeigt sich das Spannungsfeld in der Bevölkerung – glauben nur 11 Prozent der Bevölkerung, dass der Islam mit den Prinzipien der Demokratie, der Freiheit und der Toleranz vereinbar wäre. 54 Prozent sind sogar der Meinung, dass der Islam eine Bedrohung für den Westen und die Lebensgewohnheiten sei.

Trotz Kirchenschwund ist das "C" noch attraktiv

Wenngleich die Zahl der christlichen Bekenner und der offiziell bei der katholischen wie evangelischen Kirche registrierten Mitglieder stark gesunken ist, wollen dennoch 80 Prozent der gesamten Bevölkerung, dass Österreich auch in Zukunft christlich geprägt sein soll.

Interessant wird es, wenn man sich nicht nur auf die statistischen Daten beschränkt, sondern etwas tiefer schürft. So glauben nur 39 Prozent der Unter-30-jährigen und 48 Prozent der Über-50-Jährigen an ein Leben nach den Tod. Gleichzeitig aber ist bei den 14- bis 24-Jährigen in den vergangenen zehn Jahren der Glaube an Gott von 50 auf 69 Prozent angestiegen.

Diese Daten entstammen einer Studie des österreichischen Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlers Josef Höchtl. Die Studie korreliert mit einer Analyse des Allensbacher Institutes, die im September 2011 auf einer CDU-Klausur vorgetragen wurde.

Demnach sollte "die CDU besser ihr christliches Profil schärfen, als sich auf konservative Werte fixieren, wie es von Teilen der Partei immer wieder gefordert wird. Christliche Werte seien nämlich trotz insgesamt abnehmender Bedeutung noch immer sehr positiv besetzt".

Schweizer zu einem Fünftel konfessionslos

Bemerkenswert ist auch der Vergleich der beiden Alpenländer im Herzen Europas. In Österreich sind ein Achtel, in der Schweiz dagegen sogar ein Fünftel der Bewohner  konfessionslos. Das sind doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren, wie aus der Volkszählung 2010 hervorgeht.

Immer weniger Schweizer sind Mitglied einer Landeskirche. In den letzten zehn Jahren hat der Anteil der Katholiken und Reformierten um jeweils mehr als 3 Prozentpunkte abgenommen und liegt derzeit bei 38,6 bzw. 30,9 Prozent.

Zwar bezeichnen sich immer noch sieben von zehn Schweizern – zumindest auf dem Papier – zu einer der beiden Konfessionsgruppen zugehörig. Doch die Konfessionslosen sind auf dem Vormarsch: Seit  2000 hat sich deren Anteil an der Gesamtbevölkerung fast verdoppelt. Heute liegt der Anteil der nichtkonfessionellen Schweizer bei über 20 Prozent.

Weniger stark gestiegen als in Österreich ist die Zahl der Moslems (wobei man nicht vergessen darf, dass der Islam in Österreich seit 1912 eine staatlich anerkannte Glaubensgemeinschaft ist): Sie hat in den letzten zehn Jahren um einen Prozentpunkt zugenommen und liegt derzeit bei 4,5 Prozent.

Herbert Vytiska (Wien)

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