Lebensmittelkrise wird Auswirkungen auf GAP-Reform zeigen [DE]

wheat_field_isp_A%2EVitting.jpg

Weltweit steigende Lebensmittelpreise standen gestern (19. Mai 2008) im Mittelpunkt einer Debatte auf Ministerebene, die zum Inhalt hatte, wie die europäischen Agrarsubventionen in Höhe von 45 Milliarden Euro reformiert werden sollten. Die Kommission wird im Laufe des Tages konkrete Pläne für den „Gesundheitscheck“ der Gemeinsamen Agrarpolitik vorlegen.

Während des Agrarrates verhärteten sich die Fronten zwischen traditionellen Gegnern und Befürwortern der Agrarpolitik der EU, als die Wichtigkeit betont wurde, die in die Höhe schnellenden Rohstoffpreise und die Lebensmittelknappheit zu diskutieren.

Einerseits betonten einige Länder, allen voran Frankreich, die Notwendigkeit, Agrarsubventionen weiterhin aufrechtzuerhalten, um landwirtschaftliche Erzeugnisse nachhaltig zu gestalten und gar zu steigern. Dies ist vor dem Hintergrund zu betrachten, dass derzeit die Nachfrage in Schwellenländern wie China und Indien stetig steigt und dass Ernten aufgrund extremer Wetterbedingungen, deren Ursache in der Erderwärmung liegt, zunehmend unsicherer werden. 

Andererseits unterstrichen Länder wie Großbritannien und Dänemark, dass derartige politische Maßnahmen – die ursprünglich Landwirten Mindestpreise und -einkommen sichern sollten – vor dem gegenwärtigen Hintergrund überholt seien. Sie führten zu Preissteigerungen in einem Umfang, dass sie für die ärmsten Länder der Welt eine Gefahr darstellten. Diese Länder fordern eine marktorientiertere Politik, die ermöglichen würde, dass ein großer Teil des Agrarhaushalts für Bereiche verwendet würde, in denen die Mittel besonders notwendig sind, wie beispielsweise Forschung und Energie.

Mariann Fischer Boel, EU-Kommissarin für Landwirtschaft, wird heute (20. Mai 2008) ihre Vorschläge für den so genannten „Gesundheitscheck“ der Gemeinsamen Agrarpolitik vorlegen. Bestimmte kurzfristige Maßnahmen sind bereits eingeführt worden. Sie sollen einen weiteren Anstieg der Lebensmittelpreise in ganz Europa verhindern. Zu den Maßnahmen zählen beispielsweise die Erhöhung der Menge an verfügbarem urbarem Land durch die Abschaffung von obligatorischen Flächenstilllegungen, eine Steigerung der Milchquoten für 2008, eine Verminderung der Sicherheitsvorräte und eine Senkung der Exportmittel sowie die Abschaffung von Importzöllen bei fast allen Getreidesorten.

Die Vorschläge werden jedoch vermutlich weiter reichen. Zu den möglichen Optionen zählen eine vollständige Abschaffung der Flächenstilllegungspflicht, eine schrittweise Abschaffung der Milchquoten bis 2015, eine Angleichung der Marktpolitik und der Marktbeihilfen im Getreidesektor sowie eine Verlagerung der Subventionen von Energiepflanzen hin zu effizienteren Lösungen zur Unterstützung des Bioenergiesektors, die keine nachteiligen Auswirkungen auf die Herstellung von Lebens- und Futtermitteln haben.

Einige sagten, dass hohe Preise eine Chance für Landwirte darstellten, da hohe Preise zu einer gesteigerten Produktion anregen und ihnen somit einen größeren Ertrag einbringen sollten. Andererseits seien hohe Preise ein ernstzunehmendes Problem für Nettoeinführer, insbesondere Entwicklungsländer, darstellten. Dies erklärte der slowenische Landwirtschaftsminister Iztok Jarc nach dem Treffen.

Der britische Landwirtschaftsminister Hillary Benn behauptete, die Beibehaltung oder Erhöhung von Unterstützungsprogrammen für die agrarwirtschaftliche Produktion wäre „ein Fehler“. Der britische Finanzminister Alistair Darling forderte jüngst die Beseitigung aller Elemente der GAP-Reform, die geschaffen wurden, um die Landwirtschaftspreise in der EU über dem Marktniveau zu halten. Er halte es für inakzeptabel, dass in Zeiten enormer Lebensmittelpreisanstiege die EU weiterhin sehr hohe Einfuhrzölle auf viele landwirtschaftliche Produkte erhebe.

Frankreich jedoch lehnte den Gedanken ab, dass die Liberalisierung des Handels die Lösung sei und sagte, dass Europa stattdessen unabhängiger werden müsse, was Nahrungsmittel betrifft. Die Krise könne keinesfalls durch freien Handel gelöst werden, sagte der französische Landwirtschaftsminister Michel Barnier.

Er bestand darauf, dass die Lebensmittelkrise die bestehende Notwendigkeit der GAP hervorhebe, die den Grundpfeiler der Lebensmittelsicherheit Europas darstelle. Wenn man die Instrumente zur Regulierung und Stabilisierung der Märkte beseitige, wie es die Kommission bis zu einem gewissen Ausmaß vorschlage, und wenn man alle Agrarsubventionen abschaffe, werde man keine Gemeinsame Agrarpolitik mehr haben, warnte er.

Barnier schlug stattdessen vor, das europäische Modell in andere Teile der Erde zu exportieren, beispielsweise in sich entwickelnde Gebiete wie Nordafrika, wo benachbarte Länder sich auf die gleiche Weise unterstützen könnten, wie es Länder in der EU täten. So könnte die Lebensmittelsicherheit unterstützt werden (EURACTIV vom 29. April 2008).

In einer Rede vor den Ministern im Rat versuchte die EU-Landwirtschaftskommissarin Mariann Fischer Boel, Bedenken über steigende Lebensmittelpreise zu beschwichtigen, da diese langfristig gesehen nicht andauern würden. Die Preise würden sich mittelfristig wahrscheinlich auf einem Niveau einpendeln, dass höher sei als das, was man in den letzten Jahrzehnten beobachtet habe, sagte sie. Man sei jedoch nicht der Ansicht, dass die Rekordniveaus, die in den vergangenen Monaten erreicht worden seien, beibehalten würden.

Darüber hinaus lehnte Fischer Boel französische Vorschläge ab, den Schutz der europäischen Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen. Sie sei im Zusammenhang mit der landwirtschaftlichen Produktion in Europa nicht an einem protektionistischen Ansatz interessiert; eine „Festung Europa“ sei nicht das Ziel. Dies könnte kurzfristig gesehen Vorteile bringen, auf lange Sicht jedoch sehr gefährlich sein. Zudem stünde es im starken Gegensatz zu den Verhandlungen, die man in der Welthandelsorganisation, der WTO, führe. Dort gehe es um offenere Märkte und um  mehr Wettbewerb, sagte Fischer Boel am 19. Mai 2008 in einem Interview mit der dänischen Tageszeitung Politiken. 

Dennoch erklärte sie, die GAP sei trotzdem das richtige Instrument, um Landwirte in Krisenzeiten und Branchen, die bestimmte Probleme hätten, wie Landwirte, die in benachteiligten Regionen Milch produzierten, in angemessenem Maße zu unterstützen.

Sie bemerkte jedoch, dass es, unabhängig vom Schutz, den man Landwirten gebe, höchst bedeutsam für sie sei, dass die Maßnahmen ein Sicherheitsnetz darstellten und dass man sich nicht darauf ausruhen sollte.

Copa-Cogeca, der Berufsverband der Landwirte in der EU, warnte davor, dass es überstürzt sei, in der sich gegenwärtig weltweit verändernden Umwelt große Veränderungen an der Agrarpolitik der EU vorzunehmen.

Es gebe Anzeichen dafür, dass die Zeit der reichlichen Versorgung mit landwirtschaftlichen Gütern sich verändere und man einer Zeit entgegensehe, in der nicht nur die Lebensmittelnachfrage schnell steige, sondern die auch von einer größeren Marktvolatilität für landwirtschaftliche Waren geprägt sei, warnte er. Dies bedeute, dass die GAP der Zukunft einen stärkeren Schwerpunkt als in den vergangenen Jahren darauf legen müsste, sicherzustellen, dass die landwirtschaftliche Produktionsleistung Europas optimiert werde. Nur so könne sichergestellt werden, dass 500 Millionen Bürger eine stabile und sichere Versorgung mit Lebensmitteln genießen könnten, die unter den höchsten Sicherheits- und Nachhaltigkeitsstandards hergestellt würden, sowie dass die EU bei der Versorgung der weltweiten Nachfrage eine große Rolle spiele.

In einem Dokument, das am 19. Mai 2008 herausgegeben wurde, lehnt der Verband daher die vollständige Entkoppelung der Zahlungen an landwirtschaftliche Betriebe von der Produktion ab. Er forderte die Beibehaltung der Interventionsmechanismen für die Preise von Getreide als ein wichtiges Sicherheitsnetz in Zeiten ernsthafter Zerrüttung des Weltmarktes.

Die letzte Runde der GAP-Reformen wurde 2003 ins Leben gerufen. Sie beinhaltet eine „Loslösung“ der Agrarproduktion von Subventionszahlungen. Ziel war es, Überproduktion und Abfallprodukten ein Ende zu bereiten, die durch die großzügigen Unterstützungssysteme erzeugt wurden, die seit dem Zweiten Weltkrieg – zu einer Zeit, in der viele Europäer Hunger litten – in Kraft waren.

Das neue System beinhaltet eine Betriebsprämienregelung, in deren Rahmen Subventionen entsprechend bestimmter Indikatoren, wie Größe des Landes statt Produktionsvolumen, zugeteilt werden. Verbesserungen an der Cross-Compliance-Regelung wurden vorgenommen. In diesem Rahmen müssen Landwirte bestimmte Standards für Umwelt, Lebensmittelsicherheit und Tierschutz einhalten. Diese Maßnahmen wurden als eine Grundvoraussetzung für den Empfang von Zahlungen eingeführt. Zudem wurden Gelder, die ursprünglich für Direktbeihilfe und Marktstützung vorgesehen waren, für ländliche Entwicklung verwendet, womit die GAP – die mehr als 40% des EU-Haushalts ausmacht – umweltfreundlicher werden sollte.

Bei der Überprüfung des langfristigen Haushalts der Union (2007 bis 2013) im Jahr 2005 einigten sich die EU-Länder darauf, 2008 eine Halbzeitbilanz für ihre Gemeinsame Agrarpolitik durchzuführen, bevor im Jahr 2013 tiefreichende Reformen durchgeführt werden.

  • 20. Mai 2008: Die Kommission soll Vorschläge für eine Überarbeitung der GAP vorlegen.

Abonnieren Sie unsere Newsletter

Abonnieren