Während ein Plan der Europäischen Kommission zur Nutzung der Windenergie im Meer voraussichtlich im Herbst dieses Jahres veröffentlicht wird, haben die Umweltaktivisten von Greenpeace eine Studie vorgelegt, die zeigt, dass die Errichtung von 10.000 Offshore-Windturbinen in der Nordsee realisierbar sei, wenn dies durch ein umfangreiches Stromnetz unterstützt würde.
Ein Verbundsnetz für die Windfarmen in der Nordsee, mit einer Kapazität von 68.400 Megawatt, könnte bis 2030 bis zu 70 Millionen Haushalte versorgen, sagte der belgische Greenpeace-Aktivist Jan Vande Putte bei einer Informationsveranstaltung vor Journalisten am 3. September 2008 in Brüssel.
Die Errichtung eines solchen Netzes, wie es in einem neuen von Greenpeace in Auftrag gegebenen Bericht beschrieben wird, würde zwischen 15 und 20 Milliarden Euro kosten. Der NGO zufolge würde der einträgliche Stromhandel über Grenzen hinweg den Investoren ermöglichen, die Konstruktionskosten schnell wieder einzuholen.
Ein Stromnetz in der Nordsee zu errichten sei nicht nur ein Wunschtraum, sondern sei sowohl in ökologischer als auch in finanzieller Hinsicht durchführbar. Greenpeace fordere die Kommission auf, einen aussagekräftigen EU-Handlungsplan für Offshore-Windkraft zu erstellen und auf eine koordinierte Herangehensweise zu drängen, um die Pläne in die Realität umzusetzen, sagte Greenpeace-Aktivistin Frauke Thies in einer Erklärung.
Die Kommission wird voraussichtlich im Herbst dieses Jahres einen Handlungsplan für Offshore-Windkraft vorlegen, der Teil einer umfassenderen Strategie zur Neuausrichtung der EU-Energiepolitik sein wird. Der Plan werde Empfehlungen darüber enthalten, wie die Mitgliedstaaten ihre Handlungen koordinieren müssten, um ein solch großes Offshore-Windprojekt zu verwirklichen, so der Kommissionsbeamte Hans van Stehen, der ebenfalls auf der Informationsveranstaltung anwesend war.
Van Stehen, der Leiter des Referats für ordnungspolitische Maßnahmen im Bereich der erneuerbaren Energien der Generaldirektion Energie und Verkehr (GD TREN), begrüßte den Bericht und beschrieb ihn als „sehr gut“ und „überzeugend“.
Man brauche einen relativ großen Anteil an Offshore-Windkraft, um das EU-Ziel, bis 2020 20% des Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen zu decken, verwirklichen zu können, sagte er. Und obwohl das Ziel von 70.000 Megawatt „ambitioniert“ sei, sei es doch „realistisch“, fügte er hinzu.
Der richtige Energiemix
Trotz dieser Befürwortung ist die Kommission mit Greenpeace uneins darüber, wie ein solches Netz sicher und zuverlässig aufgebaut werden könne.
Windturbinen garantieren kein zu jeder Zeit gleich bleibendes Level in der Stromproduktion und müssen deshalb mit der Nutzung anderer Energiequellen und von Energiespeichern kombiniert werden, auf die bei Windstille zurückgegriffen werden kann.
Da Kernkraftwerke durchgehend in Betrieb bleiben müssten, könnten sie die Abweichungen von Angebot und Nachfrage, die durch die schwankenden Produktionsleistungen von Windkraftanlagen entstünden, nicht ausgleichen, so der Bericht. Andere Maßnahmen würden bevorzugt, darunter die Speicherung von Energie in Form von hochgelegenen Wasserreservoiren zur Erzeugung von Energie, dezentralisierte Stromerzeugung in Haushalten oder Stadtvierteln sowie gasbetriebene Kraftwerke, die rasch auf einen Anstieg der Energienachfrage reagieren könnten, so der Bericht.
Die Kommission sei sich nicht ganz sicher, ob ein solches Netz durch Kern- oder Kohlenkraftwerke ergänzt werden könne, sagte Van Steen. Die Unterstützung Brüssels für die Atomenergie als ein Teil des zukünftigen EU-Energiemixes sei groß. Außerdem dränge die EU darauf, Kohle weiterhin als Energieträger zu nutzen, unter der Bedingung, dass die Umweltverträglichkeit der Kohlekraftwerke durch die Abscheidung und Speicherung von CO2 und andere Technologien erhöht werde.
Die Energienachfrage kontrollieren?
Neben anderen Mechanismen zur Umwandlung eines so umfangreichen Stromnetzes für Windenergie in einen zuverlässigen Energielieferanten, erwähnt der Bericht die Regulierung der Nachfrage.
Das Konzept basiere darauf, die Nachfrage nach Energie zu senken, solange Energieknappheit herrsche und sie auf Zeiten umzulegen, in denen das Energieangebot sehr groß sei, erklärt der Bericht.
Preismechanismen, die den Strom verbilligen, wenn das Angebot groß, und die den Strom verteuern, wenn das Angebot niedriger sei, könnten in einem solchen Szenario zur Anwendung kommen, erklärte Achim Woyte des Beratungsunternehmens 3E, das den Bericht angefertigt hat. Außerdem könnten Energiespeicher in Zeiten großen Angebots, in denen der Strom billiger sei, aufgeladen werden, um später auf sie zurückgreifen zu können.
Während große Betriebsanlagen bereits auf solche Mechanismen zurückgreifen würden, gestalte sich die Regulierung der Nachfrage auf Ebene der Haushalte hingegen sehr viel schwieriger, fügte Woyte hinzu.

