Das Nabucco-Pipeline-Projekt scheint sich aufgrund der Krise zwischen Moskau und Tiflis in der Schwebe zu befinden. Mit diesem EU-Vorzeigeprojekt sollte eine Belieferung Europas mit Gas aus anderen Ländern als Russland gewährleistet werden. Die Pipeline sollte vor allem durch georgisches Territorium laufen.
Der Georgienkonflikt sorgte dafür, dass viele Analysten einen sehr genauen Blick auf die Lage vor Ort warfen. Während die meisten Kommentatoren nicht so weit gehen, zu sagen, dass Russland mit seinem Einmarsch in Georgien hauptsächlich energiepolitische Ziele verfolgte, scheinen alle darin übereinzukommen, dass an der Zuverlässigkeit Georgiens als Haupttransitland für Öl- und Gaslieferungen für Europa Zweifel entstanden sind. Insbesondere dem Nabucco-Pipelineprojekt haben die Entwicklungen auf direkte Weise geschadet.
Georgische Regierungsbeamte hatten sich schon lange darüber beklagt, dass ihr Land ein Opfer der Pipeline-Politik geworden sei. Der Präsident Michail Saakaschwili hat Berichten zufolge behauptet, dass einer der Hauptgründe für den russischen Angriff die Tatsache gewesen sei, dass Georgien bereits über eine Ölleitung – die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline (BTC) – verfüge. Diese war entworfen worden, um Russland zu umgehen.
Die BTC verläuft von Aserbaidschan am Kaspischen Meer entlang durch Georgien und dann Richtung Türkei an die Mittelmeerküste, wo das Öl verfrachtet wird. Ein Teil der Pipeline endet am georgischen Hafen Supsa, der während der derzeitigen Krise von der russischen Kriegsflotte blockiert wurde.
Russland zeige, dass es diese Verbindung kontrolliere, wurde Giorgi Vashakmadze, Generaldirektor der Georgian International Oil Corporation, vom Wall Street Journal zitiert. In der kaspischen Region frage man sich, welche Konsequenzen dies für die Zukunft habe, klagt Vashakmadze.
Nach dem militärischen Konflikt mit Russland, könne Georgien für Öl- und Gas-Pipelines nicht mehr als sichere Durchgangsroute bezeichnet werden. Diese neue Lage könne auch noch so viel Unterstützung der NATO nicht ändern, wurde Pavel K. Baec, Forscher am International Peace Research Institute in Oslo (Internationales Institut für Friedensforschung) von der Moskau Times zitiert.
Bezugnehmend auf das Nabucco-Projekt erklärte Ed Chow vom Center for Strategic and International Studies (Zentrum für strategische und internationale Studien) gegenüber der Washington Post, dass Russland ernste Zweifel in den Köpfen der westlichen Kreditgeber und Investoren gestreut habe, ob so eine Pipeline durch Georgien vor Angriffen geschützt oder vor der Kontrolle des Kremls sicher sei. Er fügt hinzu, dass diese Pipeline schon immer mehr den Anschein eines Diplomatentraumes gehabt habe als den eines durchführbaren Wirtschaftsprojektes.
Seine Befürworter seien nicht nur daran gescheitert, Versorgungs- und Transitabkommen abzuschließen, sondern müssten auch noch einen Öl-Konzern finden, der das Projekt unterstützen wolle und bereit sei, die Pipeline zu finanzieren, bemerkt Chow.
Die Presseagentur Forbes merkt außerdem an, dass, während sich noch immer russische Truppen in Georgien aufhalten, das vom russischen Staat kontrollierte monopolistische Gas-Unternehmen Gazprom angeboten habe, sämtliche Gasexporte Aserbaidschans aufzukaufen. Sollte Aserbaidschan zustimmen, könnte dies ein Desaster für die westlichen Pläne, die Abhängigkeit von Russlands Gaslieferungen zu verringern, bedeuten.

