Nabucco im „David gegen Goliath“-Kampf um aserbaidschanisches Gas

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Der Druck wächst auf das Nabucco-Konsortium, damit es seine Karten auf den Tisch legt, was sein Angebot für aserbaidschanisches Gas betrifft. Der Gewinner, der im April bekannt gegeben wird, wird den Südgaskorridor Europas, der mit der Absicht gestaltet wird, Gas aus anderen Quellen als aus Russland einzuführen, beherrschen.

Aserbaidschan, ein ausschlaggebender möglicher Zulieferer für das Nabucco-Projekt, übte Druck auf das Pipeline-Konsortium aus, damit es seine Absichten enthüllt oder seine vermeintlichen Schwächen anerkennt.

Elshad Nasirov, der Hauptverhandlungsführer des Landes für eine Ausschreibung, um zu zehn Milliarden Kubikmetern (MKm) des Schah Deniz II-Feldes Zugang zu erlangen, sagte, dass zwei Konkurrenten von Nabucco, nämlich die Türkei-Griechenland-Italien-Verbindungsleitung (ITGI) und die Transadriatische Pipeline (TAP), sich als attraktiver erweisen würden.

Sie würden nicht zahlen, damit Nabucco leer bleibe, sagte Nasirov in einem viel beachteten Interview, das von der „European Energy Review“ veröffentlicht wurde.

Nasirov bezog sich dabei auf die Tatsache, dass Nabucco eine vorgesehene Kapazität von 31 MKm haben soll, während zur Zeit kein Gas zur Auffüllung der Pipeline zur Verfügung steht – bis auf die zehn MKm vom Schah Deniz-Feld.

Sie versprächen kein zusätzliches Gas. Alles hänge vom Preis ab, sagte Nasirov. Er fügte hinzu, dass Aserbaidschan „nicht alles auf eine Karte setzen“ würde, und deutete damit an, dass die zehn MKm an mehr als einen Kaufinteressenten verkauft werden könnten.

„Wir sagen Nabucco: Nennt Euren Preis“, sagte Nasirov, und fügte hinzu, er warte auf ein erstes Angebot von Nabucco, damit er es mit anderen Angeboten vergleichen könne. Er machte es jedoch klar, dass Nabucco ohne eine zweite Gasquelle in seinen Augen „weiterhin unsicher“ sei.

Eine ähnliche Botschaft ließ Umberto Quadrino, Geschäftsführer von Edison, der italienischen Gesellschaft, die ITGI fördert, am Mittwoch (8. Dezember) verlauten.

Nabucco rechtfertige nicht, warum man in eine Pipeline mit einer Kapazität von 30 MKm investieren solle, sagte er.

Oettinger als Schiedsrichter?

Quadrino hielt eine Ansprache bei einem Diner, das von griechischen und italienischen Europaabgeordneten in Anwesenheit des EU-Energiekommissars, Günther Oettinger, veranstaltet wurde. Quadrino sprach sich dort für eine Zusammenarbeit zwischen ITGI und Nabucco aus und sagte, Oettinger könnte das Nabucco-Konsortium überzeugen, für den Bau des Südgaskorridors einen Zweischrittansatz anzunehmen.

Der erste Schritt würde durch den Bau von ITGI unternommen werden. Nabucco stellte erst den zweiten Schritt dar und käme zu einem späteren Zeitpunkt, wenn Gas aus neuen Quellen verfügbar werde.

Quadrino wies darauf hin, dass zwischen ITGI und Nabucco den Kontakt bereits hergestellt worden sei, um ein solches Szenario zu diskutieren.

Ein Sprecher von Nabucco bestritt jedoch, dass jeglicher Kontakt bestehe. Cristian Dolezal, der aus Wien mit EURACTIV sprach, sagte, er könne nicht für die Aktionäre sprechen sondern für die Projektfirma.

Für Dolezal ist der Zweischrittansatz, den die ITGI-Partner fördern, unverständlich für seine Firma. Nabucco sei das einzige Projekt des Südgaskorridors, das eine neue Route von der östlichen türkischen Grenze bis nach Österreich biete.

Soweit er wisse, werde ITGI nach Brindisi führen, so Dolezal.

ITGIs Befürworter betonten, dass Brindisi für die Pipeline keine Sackgasse werde. Sie könnten bis zu fünf MKm durch eine Verbindungsleitung, die ihnen zufolge in zwei Jahren fertig sein würde, zwischen Griechenland und Bulgarien liefern.

Experten, die beim Parlamentsdiner anwesend waren, sagten EURACTIV gegenüber, dass nur Nabucco tatsächlich vorsah, neue Pipelines durch die Türkei zu verlegen, anstatt das existierende Netzwerk zu nutzen. Ihrer Meinung nach gibt dies dem „Goliath-Projekt“ einen Vorteil.

Der US-Botschafter Richard Morningstar, Staatssekretär und Sonderbeauftragter für eurasische Energie, sagte das Nabucco-Pipelineprojekt sei ein gutes Projekt, aber nicht das einzige, wie die russische Tageszeitung Kommersant berichtete.

Der Tageszeitung zufolge habe Morningstar gesagt, sie unterstützten nicht nur Nabucco sondern auch den gesamten Südenergiekorridor – eine Reihe an Pipelines, die nötig sei, um kaukasisches und zentralasiatisches Gas durch die Türkei an Europa zu liefern.

Er sagte, die EU-Firmen müssten eine kommerzielle Entscheidung treffen, welches Projekt das vernünftigste und vorteilhafteste sei.

Sie hätten Nabucco vorgezogen, doch das bedeute nicht, dass es zuerst umgesetzt werde, sagte er.

Der „südliche Gaskorridor“ wird als Teil der „Neuen Seidenstraße“ des Verkehrs und der Energieverbindungen zwischen Europa und der kaspischen Region gesehen.

Das best bekannte Pipelineprojekt im südlichen Gaskorridor ist Nabucco. Doch andere kleinere Projekte, wie die „Transadriatische Pipeline“ (TAP), die „Türkei-Griechenland- Italien-Verbindungsleitung“ (ITGI) oder die „Aserbaidschan-Georgien-Rumänien-Verbindungsleitung“ (AGRI) haben alle das Potential, ein wichtiges Element des südlichen Gaskorridors zu werden und stellen sogar die Zukunft Nabuccos in Frage.

Einige, wie das russische „South-Stream“-Projekt, haben sogar die Möglichkeit, Nabucco abschreiben zu lassen, indem sie das EU-Flagschiffprojekt irrelevant machen würden (Mehr dazu).

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