In welche Richtung entwickeln sich die Beziehungen EU-Ukraine?

Die Krise in der Ukraine wirft die Frage auf, ob die EU dem Land
die Mitgliedschaft in ihrem Klub in Aussicht stellen oder ob
sie stattdessen eine abwartendere Haltung einnehmen sollte.

Während die Botschaft der EU an die politischen Führer in Kiew
in Bezug auf die politische Krise, die durch die Wahlen vom
21. November ausgelöst wurde, „eindeutig“ ist („die demokratische
Entscheidung der Ukrainer muss respektiert werden“, so die
Kommissarin für Außenbeziehungen Benita Ferrero-Waldner), bleibt
die Union im Hinblick auf die allgemeinen Beziehungen bei
der Ausarbeitung eines soliden Rahmens für die Zusammenarbeit
mit der Ukraine. Diese Strategie scheint darauf hinauszulaufen,
keine zu große Erwartungshaltung in der Ukraine entstehen zu
lassen.

Das erklärte Ziel der EU besteht darin, einen „Ring von
Freunden“ an ihren Außengrenzen aufzubauen. Um dieses Ziel zu
erreichen, hat die Union so genannte „Aktionsprogramme“
ausgearbeitet, die ihren Partnern in der Nachbarschaft ein
„ehrgeiziges und vor allem maßgeschneidertes“ Paket anbietet.

Während Ferrero-Waldner klargestellt hat, „die Frage eines
EU-Beitritts der Ukraine steht nicht auf dem Programm“, versucht
sie die Aussichten für die Ukraine gleichzeitig rosiger
zu gestalten, indem sie versichert, „es ist klar, dass wir keine
Türen schließen“. 

Der ukrainische Oppositionsführer Viktor Juschtschenko hat
erklärt, er beabsichtige, innerhalb von fünf Jahren nach seinem
Amtsantritt die Aufnahme von Beitrittsgesprächen mit der EU
und der NATO in die Wege zu leiten. Gleichzeitig versicherte
er, er würde die Beziehungen zu Russland nicht abreißen
lassen.

Unterdessen hat die Krise in der Ukraine die komplizierte Frage
der EU-Beziehungen zu Russland aufgeworfen. Das politische
Tauziehen in der Ukraine ist eng mit dem Bemühen der EU verbunden,
zu verhindern, dass die Krise als eine Wahl Kiews zwischen Moskau
und Brüssel – zwischen ‚Ost oder West‘
– wahrgenommen wird.

In einem vom Centre of European Reform
veröffentlichten Artikel vertreten Katinka Barysch und Charles
Grant die Auffassung, dass die Ukraine nicht als "Schauplatz
eines neuen geopolitischen Spiels zwischen Ost und West" begriffen
werden darf. Die EU müsse nun ihre "langjährigen Position gegenüber
der Ukraine - dass sie ‚genauso viel Grund habe der EU
beizutreten wie Neuseeland'", wie Prodi es einmal ausdrückte,
überdenken. Gleichzeitig scheinen die Autoren sich in einen
Widerspruch zu verwickeln, wenn sie sagen, dass "dies nicht der
richtige Zeitpunkt für Gespräche über die EU-Mitgliedschaft der
Ukraine" sei. Die Autoren sind der Ansicht, dass Moskau sich auf
die Seite der Präsidentschaft von Viktor Juschtschenko stellen und
"die Einsetzung demokratischer Regierungen in seiner Nachbarschaft
nicht als eine Bedrohung empfinden" sollte. Dies würde "Wunder in
der belasteten Beziehung zwischen Russland und der EU
bewirken".

Indessen sind andere Analysten und Politiker der Ansicht, dass
es nun an der Zeit sei, dass die EU klare Signale an die Ukraine
sendet - insbesondere indem sie ihr die Mitgliedschaft in
Aussicht stellt, wenn sie die Beitrittskriterien erfüllt.

Beispielsweise soll der frühere Außenminister
Polens, Bronislaw Geremek, gesagt haben, dass
Brüssel der "Ukraine jetzt sagen sollte, dass es für sie einen
Platz in der Europäischen Union gibt". 

Kataryna Wolczuk vom Centre for European
Reform
ist ebenfalls der Meinung, dass die
Nachbarschaftspolitik der EU zwar einen "begrüßenswerten Versuch"
darstelle, dass die Anreize jedoch "nicht stark genug sind, um die
politischen Entscheidungen in Ländern wie der Ukraine zu
beeinflussen". Sie erklärt weiter, "die Ablehnung der EU, über die
Möglichkeit einer Mitgliedschaft auch nur zu reden, scheint
unhaltbar".

Wojciech Saryusz-Wolski vom European Policy
Centre
vertritt die Auffassung, "sollten rasche
demokratische Änderungen in der Ukraine eintreten, würde dies die
Situation grundlegend ändern". Sobald dies passiert, "wäre es sehr
schwierig für die EU, den Beitrittsbemühungen der Ukraine auf
objektiver Grundlage eine Absage zu erteilen". Er warnt davor,
dass "die EU der Ukraine nicht einfach ihren Rücken zukehren kann,
da der Preis, der hierfür künftig bezahlt werden
müsste, einfach viel zu hoch sein könnte".

Unterdessen untersucht Russland - dessen
Beziehungen zur EU sich erst vor kurzem von dem jüngsten von der
Erweiterung verursachten Tief erholt haben - das Potenzial des
EU-Modells der "vier gemeinsamen Räume" für die
Koexistenz. Gleichzeitig erwägt es jedoch auch die Möglichkeit
der Einrichtung einer "Ost-EU" (unter Einbeziehung der Ukraine,
Kasachstans und Weißrusslands), um die Rolle einer ‚Großmacht' in
der internationalen Politik sobald wie möglich wiederzuerlangen. In
diesem sich herauskristallisierenden Szenario wäre die Ukraine ein
Eckpfeiler.

Es scheint mittlerweile klar, dass weder die EU noch Russland
dazu bereit sind, sich für einen "gemeinsamen Nachbarschaftsraum"
für die westlichen  GUS-Länder (Gemeinschaft Unabhängiger
Staaten, zu der auch die Ukraine gehört) zu entscheiden. Die
scheinbare Desillusionierung der Ukraine mit der ‚lauwarmen'
Haltung der EU, könnte Kiew dazu veranlassen, sich mehr in Richtung
einer Identifizierung mit den Plänen Moskaus zu bewegen. 

Unterdessen beobachtet Washington die Entwicklungen mit
zunehmendem Unbehagen. Die USA 
versichern, dass es die Ukraine nicht "durch das Prisma" ihrer
Beziehungen zu Russland betrachtet, d.h. im Sinne einer
Konfrontation zwischen Ost und West. Insbesondere bei der
Bekämpfung des Terrorismus und der möglichen Nuklearkrise in Iran
und Nordkorea ist Washington auf die Hilfe von Russlands Präsident
Putin angewiesen. In Presseberichten ist indes bereits von
"taktischen Veränderungen" innerhalb des US-Außenministeriums die
Rede. Dies könnte wiederum indirekte Folgen für die Beziehungen
zwischen der EU und den USA haben.

Mit der andauernden politischen Krise in der Ukraine
konfrontiert, bemüht sich die EU derzeit, der Ukraine engere
Beziehungen in Aussicht zu stellen für den Fall, dass eine
friedliche Lösung gefunden werden kann, ohne aber so weit zu gehen,
ihr die EU-Mitgliedschaft zu versprechen.

Da die Krise große Auswirkungen auf die Beziehungen der EU zu
Russland hat, steht viel auf dem Spiel. Die Beziehungen zwischen
der EU und Russland basieren seit 1994 auf einem Partnerschafts-
und Kooperationsabkommen.

Die Ukraine hat bislang keinen offiziellen Antrag auf
EU-Mitgliedschaft gestellt. Die EU hat ihr einen Platz im Rahmen
der Europäischen Nachbarschaftspolitik angeboten. Derzeit wird über
das dreijährige Aktionsprogramm, das die bilateralen Beziehungen
vertiefen würde, verhandelt.

  • Die Beziehungen zwischen der EU und der Ukraine werden
    voraussichtlich ganz oben auf der Tagesordnung des Mitte Dezember
    stattfindenden Gipfels der EU-Staats- und Regierungschefs
    stehen.
  • Der Oberste Gerichtshof der Ukraine hat die
    Präsidentschaftsstichwahl vom 21. November für ungültig erklärt und
    angeordnet, dass die Stichwahl am 26. Dezember 2004 wiederholt
    wird. Ministerpräsident Viktor Janukowitsch und Oppositionsführer
    Viktor Juschtschenko werden sich somit erneut in einer Stichwahl um
    die Präsidentschaft gegenüberstehen. 

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