Eine europäische Strategie für den Mediensektor

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Die traditionellen Medien haben Innovationen verschlafen und tragen daher eine Mitschuld an ihrer Krise, schreibt Christophe Leclercq. [oleschwander/Shutterstock]

Das Europäische Parlament hat kürzlich für die Anpassung des EU-Urheberrechts als Teil der Pläne für einen „digitalen Binnenmarkt“ gestimmt. Es ist inzwischen nicht mehr genug, im Vorfeld der EU-Wahlen 2019 „lediglich“ gegen Fake News vorzugehen, schreibt Christophe Leclercq. Stattdessen brauche es eine vertikale Strategie für den Mediensektor.

Christophe Leclercq ist der Gründer des Mediennetzwerks EURACTIV sowie des Think-Tanks Fondation EURACTIV. Er ist außerdem Mitglied der hochrangigen Expertengruppe der EU gegen Fake News und Online-Desinformation.

Was der Mediensektor braucht, sind in erster Linie nicht Subventionen, sondern schnellere Innovationen und grenzüberschreitendes Denken.

Die EU kann zu solchen Innovationen beitragen. Wie? Indem Verlage und Journalisten ermutigt werden, zusammenzukommen; indem ein fairer Regulierungsrahmen für die Medien gewährleistet wird; und indem gegebenenfalls auch Investitionen in neue Technologien und Kompetenzen unterstützt werden.

Überraschenderweise gab es im Gegensatz zu anderen Bereichen (von der Landwirtschaft über Stahl bis hin zu Autos, Chemikalien und IT) noch nie eine gemeinsam vereinbarte EU-Strategie für diesen wichtigen Sektor. Eine solche sollte es aber geben. Sie sollte sich mit der Koordinierung zwischen öffentlichen und privaten Initiativen sowie zwischen den verschiedenen EU-Behörden befassen – und über kurzfristigste Zeiträume hinausgehen. Ich würde diesen Ansatz ganz einfach als eine „Europäische Strategie für den Mediensektor“ bezeichnen.

Die Medienkrise sitzt tief. Jetzt ist eine ganzheitliche Vision gefragt. Mit dem Brexit verliert die EU ein wichtiges Zentrum für internationale Medien, wird aber auch von einem der großen Bremser für derartige Initiativen befreit. Und: Mit den EU-Wahlen im kommenden Mai erhalten die Bürger ein Mitspracherecht bei den Prioritäten für 2019-2024.

Zwei relevante Themen dominierten in den letzten Monaten die politischen Nachrichten. Auf der einen Seite: Fake News, ausländische Einmischung und der damit verbundene Populismus. Auf der anderen Seite: Aufrufe, das Internet besser zu regulieren (bzw. das Internet solle sich selbst besser regulieren) und gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Beide Herausforderungen sind miteinander verbunden. Die GAFA-Plattformen und der Journalismus müssen ihre Ko-Existenz neu überdenken.

Die von Kommissarin Gabriel befürwortete Abstimmung über die Urheberrechtsrichtlinie ist nur ein Schritt in Richtung weiterer Gesetzgebungs- und Geschäftsverhandlungen.

Die Medien tragen Mitschuld an ihrer Krise

Auf nationaler Ebene subventionieren die meisten Länder ihren Mediensektor, vor allem über ihren öffentlich-rechtlichen Rundfunk und manchmal auch durch kleinere Unterstützung für andere Medienunternehmen. Auf europäischer Ebene gäbe es hingegen keinen Konsens für eine Art „Euro-BBC“ oder allgemeine EU-Presseförderung.

Die Medien tragen einen Teil der Verantwortung für ihre katastrophale Situation. Meiner Erfahrung nach sind die meisten Medienunternehmen nach wie vor traditionell eingestellt und verlassen sich allzu gerne auf vergangene Erfolge, Modelle und Technologien. Der Sektor kann aber an mindestens sechs Fronten wieder an Dynamik gewinnen: Kooperation und kritische Masse, Fähigkeiten und Kompetenzen, Geschäftsmodelle, Sprachen, Investitionen, Vertrauen der Verbraucher.

Sehen wir uns für jeden dieser Punkte einmal an, was die EU tun könnte.

Grenzüberschreitende Kooperation

In der Vergangenheit hatten sowohl Politiker als auch Journalisten in allen Ländern vor einer Konzentration von zu wenigen großen Medien gewarnt. Aber was ist eigentlich mit dem „europäischen Markt“? Als ehemaliger Strategieberater muss ich feststellen, dass nur wenige Gruppen ernsthaft grenzüberschreitend kooperieren: Die Branchenstruktur ist fragmentiert, man arbeitet nicht wirklich auf EU-Binnenmarkt-Level und ist auch nicht in der Lage, die hohen Innovationskosten zu tragen.

Dabei ist es doch gut für die Demokratie, unterschiedliche Ansichten zu hören, gerne auch aus dem Ausland.

Darüber hinaus ist der Nachrichtenkonsum der Bürger inzwischen auf weltweite Plattformen, Sender und umgestaltete Zeitungsgruppen verteilt. Als ehemaliger EU-Wettbewerbsbeamter würde ich behaupten, dass der eigentliche „relevante Markt“ heute potenziell größer ist. Die tatsächlichen Marktanteile der Unternehmen sind so gesehen geringer.

In dieser Hinsicht könnte die EU bestimmte finanzielle Unterstützung, Medienkooperation und Medienkonzentration von der Wettbewerbskontrolle ausnehmen. Um einmal über die jüngsten Google-Fälle hinauszuschauen und echte Politik gegen Marktverzerrungen zu betreiben, könnte die EU-Wettbewerbsbehörde auch eine Sektoruntersuchung starten, die sowohl Plattformen als auch andere Medien umfasst. Dies ist ja kürzlich beispielsweise im Bereich E-Commerce geschehen.

Fähigkeiten und Kompetenzen

Medienbosse sind in den meisten Fällen ältere männliche Journalisten. Und ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich ihre Unternehmen umkrempeln würden – wie meine #Media4EU-Interviews in ganz Europa bereits gezeigt haben. Es gibt viele Ausbildungsmöglichkeiten und Auszeichnungen für Nachwuchsjournalisten, für sogenannte „Rising Stars“, aber viel weniger für Innovatoren und noch deutlich weniger für grenzüberschreitende Kooperationen.

Viele potenzielle Führungskräfte sind frustriert von dieser Situation und gehen lieber zu Beratungsfirmen, Großkonzernen oder in die Politik. Mit Blick darauf hat das Europäische Parlament immerhin ein Austausch- und Innovationssystem geschaffen. Ebenso wie beim Austauschprogramm ERASMUS, das vor 30 Jahren gestartet wurde, gibt es hier sehr viel Wachstumspotenzial.

Investitionen und Geldgeber

Es gibt mehrere neue Geschäftsmodelle; konzentrieren wir uns hier auf zwei, die sich auf politische Maßnahmen beziehen. Erstens kann der EU-Ansatz zur Bekämpfung von Desinformation wie folgt zusammengefasst werden: „Zensur vermeiden und Fake News mit qualitativ hochwertigen Inhalten abschwächen„.

Insbesondere sollen Vertrauensindikatoren im geplanten Verhaltenskodex die Algorithmen der Plattformen bei der Förderung qualitativ hochwertiger Inhalte unterstützen. Der Sektor der Qualitätsmedien könnte dabei an zwei Fronten profitieren: Durch eine größere Sichtbarkeit und – von unabhängigen Stellen überprüft – als Anbieter solcher Vertrauensindikatoren.

Zweitens könnte der Urheberrechtsschutz zu einer gerechteren Aufteilung der Werbe- und Abonnementeinnahmen führen. Außerdem könnte die EU neue Zahlungssysteme vorantreiben, die insbesondere auf Blockchain basieren.

Sprachen

Um den „digitalen EU-Binnenmarkt“ ebenso zu nutzen, wie soziale Plattformen es bereits tun, müssen die Medien Sprachbarrieren überwinden. Wenn Europa seine Ökosysteme nicht auf Übersetzungen, Sprachtechnologie und Content-Bereitstellung ausrichtet, wird dies in Kalifornien geschehen – was zu weniger europäischen Arbeitsplätzen in diesem Sektor führt.

Die EU verfügt über einige der besten Übersetzungssoftwares und könnte medienbezogene Anpassungen finanzieren. Dies könnte tatsächlich der erste Bereich sein, in dem Europa in der Künstlichen Intelligenz führend wäre.

Forschung, Wissenschaft und Innovation im Medienbereich

Es gibt jedoch viele weitere relevante Innovationen, die über die Sprachentwicklung hinausgehen. Derzeit investiert die Google Digital Media Initiative allein mehr in die Erneuerung der Medien als die EU selbst. Wie kann das sein?

Da eine „vorwettbewerbliche“ Finanzierung nicht in redaktionelle Angelegenheiten eingreift, wäre eine Förderung von Forschung und Entwicklung für Medienunternehmen angebracht und zu rechtfertigen. Tatsächlich hat die EU eine neue Welle von Projekten gestartet, insbesondere im Bereich des Datenjournalismus. Sie sollte in dieser Hinsicht jedoch noch viel mehr tun.

Der mehrjährige Haushalt, der demnächst festgelegt wird, bietet dabei eine Gelegenheit, den Mediensektor als Schlüssel für eine gesunde Demokratie in Europa zu positionieren.

Vertrauen der Bürger

Auch die Journalisten selbst können ihre Situation verbessern. Das Vertrauen der Leser in die Medien ist derzeit geringer als in die Online-Likes ihrer Freunde. Die besten Medien verbessern ihren Ruf, indem sie eine Brücke zwischen journalistischen Werten und der Social-Media-Landschaft schlagen.

Beispielsweise boomen die Faktencheck-Formate. Gut recherchierte Berichterstattung führt zu Datenjournalismus. Außerdem passt das aktuelle öffentliche Interesse gut zum Konzept des „konstruktiven Journalismus„. Die Finanzierung solcher innovativen Projekte kann sowohl philanthropisch als auch unternehmerisch erfolgen.

Vor den EU-Wahlen eine Strategie vorschlagen

Die scheidende EU-Führung hatte sicherlich gute Absichten, zum Beispiel Vizepräsident Timmermans mit Blick auf die Pressefreiheit. Auch Kommissionspräsident Juncker begrüßte eine Art „ERASMUS für die Medien“ und sprach davon, die Europäische Union „medial aufrüsten“ zu wollen („armer médiatiquement l’Union“).

Die derzeitige Kommission hat jedoch hauptsächlich auf das zurückgegriffen, wofür sich Online-Plattformen eingesetzt hatten: den digitalen Binnenmarkt. Das war zwar notwendig, aber nicht ausreichend. Während die derzeitigen Kommissare und ihre Dienststellen lediglich Vorschläge für ihr politisches Erbe vorbereiten, denken die potenziellen zukünftigen MEPs und ihre Parteien aktuell nur an ihre Wahlprogramme und den Wahlkampf.

Es reicht in dieser Hinsicht nicht aus, Medien und Plattformen aufzufordern, vor den Wahlen doch bitte Fake News zu vermeiden. Die politischen Entscheidungsträger sollten nun auch Maßnahmen für die Zukunft der Medien einbeziehen, die über „technische“ Voraussetzungen wie das Urheberrecht hinausgehen.

Im Vorfeld des nächsten Kommissions-Mandats sollten daher Fortschritte in Richtung einer echten „europäischen Strategie für den Mediensektor“ erzielt werden.

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