Wider die Wissenschaft: Die EU-Angst vor Gentechnik

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

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Das EU-Parlament übernimmt "teilweise die Desinformationskampagnen einiger weniger Anti-GVO-Aktivisten", glaubt Beat Späth von der Lobbygruppe EuropaBio. [MJ Graphics / Shutterstock]

Europa bereitet sich derzeit auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vor. Man will bereit sein und eine Führungsmacht auf dem Weg zu einer „grüneren“ und nachhaltigeren Zukunft werden.

Nirgendwo wird dies deutlicher als in den Bestrebungen der neuen EU-Kommission für einen „Green Deal“ und in der Strategie „From farm to fork“ (Vom Erzeuger zum Verbraucher). Letztere zielt darauf ab, den Zugang Europas zu sicheren, erschwinglichen, nährstoffreichen und vor allem nachhaltigen Lebensmitteln für die Zukunft zu sichern.

Welche Rolle kann das EU-Parlament – vor allem angesichts seiner Einwände gegen gentechnisch veränderte Organismen (GVO) – dabei spielen, fragt sich Beat Späth.

Beat Späth ist Direktor für Agrarbiotechnologie bei EuropaBio, dem europäischen Verband der Biotechnologie-Industrie.

Der Zusammenschluss nationaler Wissenschaftsakademien der EU-Länder hat deutlich gemacht: „Es gibt überzeugende Belege dafür, dass gentechnisch veränderte Pflanzen zu den Zielen der nachhaltigen Entwicklung beitragen, und dabei Vorteile für Landwirte, Verbraucher, Umwelt und Wirtschaft bringen können.”[1]

Darüber hinaus bestätigt ein Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2016[2], dass Biotechnologien in der Landwirtschaft kleinen Produzenten helfen können, widerstandsfähiger zu werden und sich an den Klimawandel anzupassen. Aber die Europäer, inklusive einige Mitglieder des Europäischen Parlaments (MEPs), sind dennoch misstrauisch: Es gibt Misstrauen gegenüber GVO, Misstrauen gegenüber EU-Einrichtungen, die mit deren Prüfung betraut sind, und Misstrauen gegenüber der Wissenschaft im Allgemeinen.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die Europäische Kommission und mehr als 280 wissenschaftliche und technologische Institutionen auf der ganzen Welt[3] haben alle erklärt, dass gentechnisch veränderte Organismen (GVO) mindestens so sicher sind wie konventionell gezüchtete Pflanzen. Darüber hinaus hat die seit fast 25 Jahre andauernde Kommerzialisierung gezeigt, dass GVO auch eine Vielzahl von Vorteilen bieten können und dies auch tun. Das tun sie ganz einfach, indem sie Landwirten erlauben, mehr Lebensmittel und Faserstoffe anzubauen, die weniger Ressourcen wie Wasser, Land und Energie verbrauchen als konventionelle oder gar Bio-Pflanzen. Dies ermöglicht es Landwirten, die sich für gentechnisch veränderte Kulturen entscheiden – wenn es die Betriebsbedingungen erfordern – die Biodiversität in der näheren Umgebung zu erhalten und den Klimawandel besser zu mildern.

Die Vorteile sind gut dokumentiert, auch innerhalb Europas, trotz des sehr begrenzten GVO-Anbaus auf dem Kontinent. In den vergangenen 21 Jahren hat sich beispielsweise gezeigt, dass gentechnisch veränderter Mais in Spanien die Erträge erhöht hat[4]; daher ist Spanien weniger abhängig von Mais-Importen. Ähnliche Erfolge wurden in Rumänien zwischen 1999 und 2006 erzielt, bevor gentechnisch veränderte Sojabohnen in Rumänien infolge des EU-Beitritts verboten wurden.[5]

Das kürzlich gewählte Europäische Parlament sollte einen Hoffnungsschimmer mit sich bringen. Die Hoffnung, dass Europa sich der Situation stellt, um globale Herausforderungen wie Klimawandel und Ernährungsunsicherheit anzugehen. GVO – und die Biotechnologie im Allgemeinen – können und sollten Teil der Lösung sein. Leider haben sich auch nach der Ablösung von mehr als 60 Prozent der Mitglieder des Parlaments die seit einigen Jahren bestehenden Einwände gegen GVO fortgesetzt. Einige Abgeordnete geben GVO die Schuld an vielen der globalen Herausforderungen, vor denen wir heute stehen.

Die Erkenntnisse zeigen, dass der Anbau von GVO zu einer Verringerung von insgesamt 37 Prozent beim Einsatz von chemischen Mitteln in der Landwirtschaft  geführt hat. Dieser Wert erhöht sich noch, wenn wir uns insektenresistente GVO-Pflanzen ansehen.[6] Darüber hinaus hat ihre Verwendung die Sicherheit auf den Höfen und für die Umwelt erheblich erhöht, z.B. durch eine deutliche Senkung der Selbstmordraten oder Pestizidvergiftungen bei Kleinbauern in Entwicklungsländern[7].

Darüber hinaus mildern die mit GVO verbundenen höheren Erträge pro Hektar die Belastung für umliegende Gebiete, einschließlich der Regenwälder. Solange landwirtschaftliche Nutzpflanzen angebaut werden – sei es als Futtermittel oder für den direkten menschlichen Verzehr – ist es sinnvoll, Pflanzen effizient anzubauen, um zusätzliche Flächenumwandlungen zu vermeiden. Ein neuer ISAAA-Bericht[8] zeigt, dass Biotech-Kulturen zwischen 1996 und 2016 rund 183 Millionen Hektar Land – und dabei 22,5 Millionen Hektar allein im Jahr 2016 – eingespart haben. Dadurch konnten die Biodiversität erhalten und die CO2-Emissionen reduziert werden. Im Jahr 2016 beliefen sich die Emissionseinsparungen auf 27,1 Milliarden kg. Das entspricht einer Menge, wie wenn 16,7 Millionen Autos für ein Jahr aus dem Verkehr genommen würden.

Bereits heute ist es in Europa Realität, dass die meisten Menschen gentechnisch veränderte Baumwolle tragen und eine Vielzahl von Lebensmitteln essen, die mit Hilfe von Biotechnologien wie GVO produziert wurden. Zusätzlich zu diesen vielen Vorteilen, die die Europäer täglich genießen, werden auch Landwirte in anderen Teilen der Welt durch die Biotechnologie gestärkt, darunter Millionen von Kleinbauern in Asien, die genetisch veränderte Pflanzen anbauen. Während GVO in der Vergangenheit vor allem zur Produktion von Soja, Mais und Raps verwendet wurden, die häufig in der Tierernährung zum Einsatz kommen, werden GVO bereits heute auch zur Verbesserung der Gesundheit und des Nährstoffgehalts von Nutzpflanzen für den menschlichen Verzehr eingesetzt. So können Lebensmittelabfälle vermieden und die Widerstandsfähigkeit von Nutzpflanzen gegen Dürren und Krankheiten erhöht werden.

Warum spricht also niemand über die Vorteile von GVO?

Tatsache ist, dass das EU-Parlament zwar teilweise die Desinformationskampagnen einiger weniger Anti-GVO-Aktivisten aufnimmt, die EU-Mitgliedstaaten aber ebenfalls ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Länder wie Deutschland, Frankreich, Italien und Polen haben sich nicht für die Zulassung sicherer GVO-Produkte ausgesprochen – nicht einmal beim Import – obwohl ihre Wirtschaften bereits davon profitieren und noch stärker profitieren könnten. Dieses Abstimmungsverhalten, gepaart mit mangelnder Unterstützung im Parlament und dem allgemeinen Versagen der EU-Institutionen, den Desinformationen über GVO entgegenzuwirken, ist der Hauptgrund dafür, dass Europa landwirtschaftliche Innovationen in diesem Bereich effektiv unterdrückt hat. Und gleichzeitig wurde das Vertrauen in die Verfahren der EU zur Bewertung der Lebensmittelsicherheit untergraben. Ein EuGH-Urteil vom Juli 2018, das die Gleichstellung von genomisch aufbereiteten Produkten mit GVOs zum Gegenstand hat, trägt nur noch weiter zu dieser unhaltbaren Situation bei.

Während es sich Europa bis zu einem gewissen Grad leisten kann, sich – vorübergehend – von Wissenschaft und Technologie zu verabschieden, ist es unverantwortlich und ungerecht, GVO zu dämonisieren und Entwicklungsländer davon abzuhalten, diese Produkte zu verwenden. In Zeiten wie diesen ist es notwendig, dass sich die politische Führungsriege für die Wissenschaft einsetzt und die wissenschaftlichen Gutachten der EU-Agenturen unterstützt, die für die Bewertung der GVO-Sicherheit zuständig sind. Das Europäische Parlament sollte nun eine neue Richtung für Innovationen in der Landwirtschaft vorgeben, unter anderem durch seine Unterstützung für die Zulassung sicherer GVO-Produkte – in Übereinstimmung mit den wissenschaftlichen Beweisen und demokratisch festgelegten Verfahren.

Es ist an der Zeit, dass eine neue Generation von EU-Entscheidungsträgern das volle Potenzial von GVO zum Nutzen von Mensch und Umwelt ausschöpft.  EuropaBio setzt sich als Vertreter der Biotechnologieindustrie dafür ein, diese Vorteile zu kommunizieren. Wir fordern alle Entscheidungsträger, die glauben, dass die Wissenschaft eine positive Rolle in der Gesellschaft spielen kann und muss, auf, unser Manifest über Biotechnologie in der Landwirtschaft zu lesen und uns auf dieser Mission zu begleiten.

 

Quellen:

[1] http://www.easac.eu/home/reports-and-statements/detail-view/article/planting-the.html

[2] http://www.fao.org/3/a-i6030e.pdf

[3] http://www.siquierotransgenicos.cl/2015/06/13/more-than-240-organizations-and-scientific-institutions-support-the-safety-of-gm-crops/

[4] https://gmoinfo.eu/eu/articles.php?article=Insect-resistant-GM-maize-has-benefited-farmers-and-the-environment-in-Iberia-

[5] https://www.europabio.org/sites/default/files/EU_protein_GAP_WCover.pdf (S.17)

[6] https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0111629, https://www.e-elgar.com/shop/handbook-on-agriculture-biotechnology-and-development und https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921800911002400

[7] https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/pbi.13261

[8] http://isaaa.org/resources/publications/briefs/54/executivesummary/default.asp

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