Wald und Wurst

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Warum die Liebe der Deutschen zum Fleisch die Umwelt und sozialen Strukturen in Lateinamerika schädigt und wie ein Wandel weg von Zerstörung hin zum Schutz der Wälder aussehen kann. [Grant Hutchinson/Flickr]

Zwei Seelen wohnen in des Deutschen Brust. Einerseits ist da die Liebe zum Fleisch – von Bratwurst über Schnitzel zu Salami –, die Teil der nationalen kulturellen Identität ist, und andererseits ein stetig wachsendes Engagement für Umweltbelange.

Deutschland zählt zu den Ländern mit dem höchsten Fleischverzehr weltweit. Seit 1950 hat sich der Fleischkonsum beinahe verdoppelt. Unterstützt wird dies von einer einflussreichen Fleischindustrie, durch die jährlich 740 Millionen Tiere geschlachtet werden und deren Industrieführer diese Woche in Hannover bei der jährlichen Messe für Tierhaltung und -produktion zusammenkommen.

Inmitten der allgemeinen Fleischbegeisterung sorgt man sich aber auch um die Natur: Deutlich wird dies anhand verschiedener Umfragen und der zunehmenden Wahlunterstützung für die Grünen.

Der Widerspruch dieser beiden Beweggründe wird dadurch verstärkt, dass deutsche Fleischwaren zwar weitgehend lokal produziert werden, aber das Soja, mit dem die Tiere ernährt werden, zu einem großen Teil importiert wird. Und in den Anbauländern – vor allem Brasilien, Paraguay und Argentinien – werden dadurch unermessliche Umweltschäden verursacht: Entwaldung, Menschenrechtsverletzungen und Landnahme.

Entwaldung wird mittlerweile maßgeblich durch die Landwirtschaft vorangetrieben, und die Rindfleisch- und Sojaproduktion tragen die Hauptverantwortung.

Der jüngste Beweis für die Rolle, die Deutschland hierbei spielt, wurde diese Woche in einem alarmierenden Bericht der US-NGO Mighty Earth enthüllt. Darin wird gezeigt, wie die Entwaldung in Südamerika durch Sojaimporte für die Hühnerzucht in Deutschland angetrieben wird. Der Bericht macht einen schockierenden Mangel an Transparenz in den Lieferketten deutlich: In einer Umfrage konnte keines der 40 befragten deutschen Fleischunternehmen die ursprüngliche Herkunft des Sojas nennen, das als Tierfutter verwendet wird.

Wie also kann Deutschland den angestrebten Umweltschutz und die Achtung der Menschenrechte mit der durch die Fleischindustrie verursachten Verwüstung in Einklang bringen?

Hierbei geht es sicher nicht um eine Wissenslücke – die politischen Entscheidungsträger sind sich des Problems sehr wohl bewusst. Deshalb wurde die Unterstützung für entwaldungsfreie Lieferketten in den deutschen Koalitionsvertrag aufgenommen.
Aber Engagement reicht nicht aus, und Deutschland allein kann die Wälder der Welt nicht retten. Ein konkreter und tiefgreifender politischer Wandel ist vonnöten.

Im Inland muss Deutschland seine Strategie zur Gewährung von Agrarsubventionen der Europäischen Union (EU) überarbeiten. Bis 2020 wird sich die Summe an Fördermitteln, die Deutschland seit 2014 im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU erhalten hat, auf 44,1 Milliarden Euro belaufen. Deutschland hat außerdem ein EU-Förderpaket von mehr als 69 Millionen Euro erhalten, das von den deutschen Behörden an Landwirte im Schweine-, Rindfleisch-, Milch-, Schaf- und Ziegensektor verteilt wurde.

Mithilfe von Subventionen entwickelte sich Deutschland zum führenden Schweineproduzenten der EU, zum zweitgrößten Rinderproduzenten und zu einem der fünf größten Geflügelproduzenten. Und dieser subventionierte, intensive Fleischsektor ist auf Sojaimporte aus waldreichen Ländern angewiesen.

Die GAP wird zurzeit reformiert. Dieser Prozess bietet Deutschland die Möglichkeit, die durch die Fleischindustrie verursachten Schäden zu begrenzen, indem strategisch geplant wird, wie die Proteinproduktion – einschließlich Fleischalternativen – diversifiziert werden kann, und indem der Übergang zu agroökologischen Praktiken unterstützt wird, die sowohl Landwirten als auch Böden zugutekommen.

Auch auf EU-Ebene kann Deutschland eine entscheidende Rolle spielen und dazu beitragen, die Entwaldung und Rechtsverletzungen durch die landwirtschaftliche Expansion in bewaldeten Ländern zu beenden.

Seit dem Brexit hat sich die Position und Einflusskraft Deutschlands in der EU verstärkt. Damit sollte mehr Verantwortung und Führungsstärke in den Bereichen Wald und Landwirtschaft einhergehen.

Im Mai 2019 werden die Deutschen neue Mitglieder des Europäischen Parlaments (MdEPs) wählen und 2020 wird Deutschland den Vorsitz der jeweils sechsmonatigen Europäischen Ratspräsidentschaft übernehmen.

Wenn die Deutschen Europaabgeordnete wählen, die sich für die Umwelt einsetzen, kann der deutsche Vorsitz genutzt werden, um einen dringend benötigten EU-Aktionsplan zum weltweiten Schutz von Wäldern und Rechten zu unterstützen.

Dieser neue Aktionsplan – den Fern und andere seit langem fordern – muss sicherstellen, dass landwirtschaftliche Erzeugnisse den Klimawandel nicht verschlimmern, nicht von illegal umgewandelten Flächen stammen und im Zuge ihrer Produktion internationale Menschenrechtsnormen nicht verletzen.

Fleisch mag den Deutschen am Herzen liegen, aber den Planeten lieben sie zweifellos mehr – deshalb werden sie sicher hinter dem EU-Aktionsplan stehen.

Die Autorin

Nicole Polsterer ist Fachreferentin für nachhaltigen Verbrauch und nachhaltige Produktion bei Fern. Sie verfügt über 17 Jahre Erfahrung in der Entwicklungs- und Umweltkooperation, insbesondere in Bezug auf die UN-Programme für Entwicklung und Umwelt (UNDP und UNEP), die Europäische Kommission, das Europaparlament sowie Forschungsinstitute und Think-Tanks. Aktuell liegt ihr Schwerpunkt auf der EU-weiten Konsumreduktion von Produkten, die sich schädlich auf die Wälder in aller Welt auswirken.

Weitere Informationen

Greenpeace: Weniger Milch und Fleisch für das Klima

Die Welt muss die Produktion und den Verbrauch von Fleisch bis 2050 halbieren, um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen, heißt es in einem neuen Greenpeace-Bericht.

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