Neue Pflanzenzüchtungstechniken: EU-Kommissar Andriukaitis liegt falsch

DISCLAIMER: Die hier aufgeführten Ansichten sind Ausdruck der Meinung des Verfassers, nicht die von EURACTIV.COM Ltd.

In seinem kürzlich auf Euractiv veröffentlichten Artikel argumentierte Vytenis Andriukaitis, EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, dass „neue Pflanzenzüchtungstechniken neue gesetzliche Rahmenbedingungen brauchen.” [Shutterstock]

Genetisch veränderte Pflanzen unterliegen in der EU strenge Regeln. In der Kommission stellt man diese aber teilweise in Frage – das untergräbt die Nahrungsmittelsicherheit und wirft die Frage auf, was für eine Lebensmittelindustrie die EU haben möchte, meint die Organisation Slow Food.

Ursula Hudson ist Vorsitzende von Slow Food Deutschland, eine weltweite Bewegung, in der sich Millionen Menschen in über 160 Ländern gegen das Verschwinden lokaler Ernährungstraditionen und für den Zugang aller Menschen zu guten, sauberen und fairen Lebensmitteln einsetzen.

In seinem kürzlich auf Euractiv veröffentlichten Artikel argumentierte Vytenis Andriukaitis, EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, dass „neue Pflanzenzüchtungstechniken neue gesetzliche Rahmenbedingungen brauchen.” Die Aussage von Andriukaitis, der seine Tätigkeit in der Europäischen Kommission kommenden Monat beendet und jetzt als Präsidentschaftskandidat in Litauen antritt, kommt überraschend, da er bisher angegeben hatte, dass „die Zukunft der neuen Züchtungsmethoden durch die Auslegung der bestehenden Rechtslage seitens des Europäischen Gerichtshofs geregelt ist.“

Offensichtlich hat der EU-Kommissar zwischenzeitlich seine Meinung geändert und begonnen, die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs in Frage zu stellen. Dieser hatte im Juli 2018 erklärt, dass „Organismen, die durch Mutagenese oder Genom-Editierung aus der Pflanzenzucht gewonnen werden (new plant breeding techniques, NPBTs), genetisch veränderte Organismen (GVO) sind, da die Mutagenese das Erbgut eines Organismus auf nicht natürliche Weise verändert.“ Vor der Entscheidung des Gerichts hatte Andriukaitis gesagt, es stehe der Kommission nicht zu, das Gesetz auszulegen, sie werde also dementsprechend handeln und „geeignete Maßnahmen ergreifen.“

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs bedeutet, dass die neuen Pflanzenzüchtungstechniken grundsätzlich unter die GVO-Richtlinie fallen. Damit unterliegen sie strengen Vorgaben zur Risikobewertung, Etikettierung und Rückverfolgbarkeit. Das ist unerlässlich, damit die EU-Bauern genau wissen, was sie säen und die EU-Bürger, was sie essen. Andriukaitis argumentiert jetzt, die GVO-Richtlinie basiere auf einem Gesetz, das vor 20 Jahren verabschiedet wurde und beziehe sich auf „alte Techniken“, ohne den technologischen Fortschritt in diesem Bereich zu berücksichtigen. Das stimmt jedoch nicht: Die GVO-Richtlinie der EU enthält eine Auflistung einiger Verfahren für GVO, die jedoch ausdrücklich nicht abschließend ist (‘inter alia’), damit die Richtlinie auch auf technische Entwicklungen in der Gentechnik angewendet werden kann. In Übereinstimmung mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs ist auch Slow Food der Ansicht, dass die EU-Gesetzgebung zu GVO vollständig auf die so genannten „neuen Pflanzenzüchtungstechniken” angewendet werden muss.

In seinem Artikel argumentiert EU-Kommissar Andriukaitis weiter, dass die öffentliche Meinung nicht mehr von „speziellen Akteuren manipuliert werden sollte.” Ich frage mich, welche speziellen Akteure Andriukaitis meint und ob er damit vielleicht auf Organisationen wie die weltweite Slow-Food-Bewegung und andere NGOs anspielt, die sich aktiv gegen die Idee wehren, dass die neuen Techniken zur Pflanzenzüchtung in irgendeiner Form anders behandelt werden sollten als GVO. Statt von Manipulation und „Angstmacherei” zu sprechen, wäre es unserer Ansicht nach wichtiger, die Öffentlichkeit – und zwar Bauern und Bürger gleichermaßen – über die bekannten sowie die unbekannten Risiken in Verbindung mit  neuen Pflanzenzüchtungstechniken zu informieren.

Der EU-Kommissar stellt – wie viele andere Akteure der Biotech-Branche – die neuen Pflanzenzüchtungstechniken als „wissenschaftliche” Lösung dar, um eine nachhaltige Landwirtschaft zu erreichen und die biologische Vielfalt zu erhalten. Biotechnologiefirmen behaupten, die neuen Pflanzenzüchtungsmethoden in der Landwirtschaft seien nötig, um eine ausreichende Menge und auf nachhaltige Weise zu produzieren. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit.

Im Gegenteil: GVO und neue Pflanzenzüchtungstechniken sind wesentlicher Bestandteil einer immer intensiveren und großteils auf Monokultur basierenden Landwirtschaft, die bekanntermaßen zum Klimawandel beiträgt, den Verlust der biologischen Vielfalt bedingt und allgemein gesagt zu einer gefährlichen Schieflage des Nahrungsmittelsystems führt. Neue Pflanzenzüchtungstechniken sind in punkto Patentierung genau so bedenklich wie GVO: Sie berauben  die Bauern ihrer Produktionsmittel, weil multinationale Konzerne die Rechte an gentechnisch verändertem Saatgut halten. Darüber hinaus kann man nicht ausschließen, dass die neuen Pflanzenzüchtungstechniken unerwünschte und unvorhersehbare Folgen haben, die sich auf Lebensmittel, Tierfutter und die Umwelt auswirken. Die Anwendung dieser Techniken führt – unserer Ansicht nach in gleichem Maße wie bei den GVO – zur Gefahr eines Verlusts der biologischen Vielfalt.

Auf die Aufforderung von Euractiv hin, das Thema GVO zu kommentieren, geht Andriukaitis so weit, ein Argument ins Spiel zu bringen, das die Industrie auch oft verwendet, nämlich die Frage: „Wie viele Menschen sind an den Folgen von GVO gestorben?” Für einen EU-Kommissar, der gerne öffentlich daran erinnert, dass er Arzt ist, ist das ein sehr unwissenschaftliches Argument. Erstens wurden bislang weder eingehende klinische Studien  noch unabhängige Langzeituntersuchungen veröffentlicht, die beweisen, dass GVO sicher sind. Der Konsum von GVO wirft innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft weiterhin Fragen auf und gibt Anlass zu Bedenken. Zweitens: Wenn man beim Konsum von GVO nur über Gesundheitsrisiken spricht, vernachlässigt das die Risiken, denen Tausende Arbeiter in Ländern ausgesetzt sind, die gentechnisch veränderte Futtermittel produzieren und die Europa weiterhin importiert.

Die EU importiert jährlich bis zu 22 Millionen Tonnen Sojabohnen und Sojaschrot. Ein Großteil davon stammt aus südamerikanischen Ländern, wo in intensiven und für den Export bestimmten Anbaugebieten nachweislich Pestizidvergiftungen, Entwaldung, Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen auftreten. Nicht zu vergessen die Gesundheit des Bodens, die fast immer vernachlässigt wird. Dabei ist die Biodiversität, die  in Form von Mikroorganismen im Boden verborgen ist, die Grundlage für eine lebendige Pflanzenwelt und funktionierende Ökosysteme. Der übermäßige Einsatz von Pestiziden tötet Regenwürmer und Mikroben, die unerlässlich für die Fruchtbarkeit des Bodens sind. Das gesamte Modell von gentechnisch veränderter Landwirtschaft, das hauptsächlich auf dem Einsatz von Glyphosat basiert, birgt Risiken, die erheblich weitreichender sind als Risiken für die menschliche Gesundheit.

Slow Food arbeitet Tag für Tag mit handwerklichen Kleinbauern aus der ganzen Welt zusammen, die die biologische Vielfalt der Lebensmittel nach agrarökologischen Prinzipien schützen. Das Konzept der Agrarökologie basiert auf einem ganzheitlichen Ansatz, um auf lange Sicht Bodenfruchtbarkeit zu erhalten, gesunde Agrar-Ökosysteme zu fördern sowie sichere und faire Lebensbedingungen zu garantieren. Einer der wichtigsten Faktoren dabei ist es, durch den Erhalt einer genetischen Vielfalt der Nutzpflanzen die Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit der Nahrungsmittelherstellung  zu steigern. Immer mehr Studien geben an, dass agrarökologische Systeme das Potential haben, die Resultate der industriellen Landwirtschaft zu verbessern. Geld kann man nur einmal investieren: Es ist doch wesentlich sinnvoller, in Forschung und Förderung der Agrarökologie zu investieren, als in „schnelle Notlösungen“, die die Kontrolle der Nahrungsmittelherstellung weiterhin in den Händen weniger Interessenvertreter bündeln.

Allzu oft wird die Debatte um GVO in der Landwirtschaft darauf reduziert, wer wem Angst einjagt, aber das geht völlig am Thema vorbei. Wir sollten uns lieber auf die positiven Beispiele konzentrieren, die uns die Kleinbauern bereits heute liefern: Agrarökologische Systeme, die auf genetischer Vielfalt basieren, sind in jeder Hinsicht leistungsfähig und eine zukunftsfähige Lösung.

Die derzeitige Europäische Kommission hingegen hat eine andere Sicht des Landwirtschafts- und Nahrungsmittelsystems von Europa. Die neue Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik lässt auf keinen wesentlichen Durchbruch hoffen, und die Kommentare von Andriukaitis zeigen leider, dass der EU-Kommissar für Gesundheit und Nahrungsmittelsicherheit den Ideen, die Slow Food und viele andere Umwelt- und Nahrungsmittelorganisationen verfechten, keinen Wert beimisst. Das wirft folgende Frage auf: Was für ein Nahrungsmittel- und Landwirtschaftssystem will Europa? Es sieht so aus, als würden wir uns auf die falschen Lösungen konzentrieren. Wir hoffen, dass die kommende Europäische Kommission besser informiert, offener und entschlossener sein wird, um nachhaltige und auf Agrarökologie basierende Systeme zur Nahrungsmittelherstellung zu fördern.

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