Europäische Dörfer müssen „smart“ werden

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Vom Einsatz neuer Technologien würde nicht nur die Landwirtschaft, sondern die gesamte Gesellschaft in ländlichen Gebieten profitieren, glauben die EU-Parlamentarier. [Supparsorn [Shutterstock]

This article is part of our special report Die E-Modernisierung der GAP.

Der vermehrte Einsatz sogenannter e-Tools in ländlichen Gebieten wird es Dörfern und Kleinstädten ermöglichen, agiler zu handeln, ihre Ressourcen besser zu nutzen sowie ihre Attraktivität und die Lebensqualität für die Einwohner zu verbessern, schreiben die MEPs Franc Bogovič und Tibor Szanyi.

Franc Bogovič ist EU-Abgeordneter der konservativen EVP und Mitglied im Parlamentsausschuss für regionale Entwicklung. Tibor Szanyi ist Teil der sozialdemokratischen S&D-Fraktion im Europaparlament sowie Mitglied des Ausschusses für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung.

Die Landwirtschaft mag heutzutage zwar nicht mehr so wichtig sein wie in der Vergangenheit – zum Beispiel was die Zahl der Arbeitsplätze angeht – aber sie hat immer noch enorme Auswirkungen auf den ländlichen Raum. Sie ist ein wesentlicher Faktor für den Erhalt der Agrarlandschaft und hat eine ökologische und soziale Funktion innerhalb unserer Lebensmittelproduktionskette. Die Landwirtschaft bietet Vorteile für andere Sektoren, wie den Tourismus oder den Energiesektor, und wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele kleine und mittelständische Unternehmen erfolgreiche Geschäftsmodelle im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion entwickelt haben.

Wir begrüßen nachdrücklich die Ziele der EU in den neuen GAP-Vorschlägen in Bezug auf Innovation und Digitalisierung der Landwirtschaft sowie Maßnahmen für Junglandwirte, die die Umgestaltung und Modernisierung der europäischen Landwirtschaft vorantreiben werden. Ergebnisorientierte Indikatoren für diese Ziele müssen realistisch sein. Die nationalen Behörden werden nun die große Aufgabe haben, Maßnahmen und strategische Pläne zur Verfolgung und Erreichung dieser Indikatoren und Ziele festzulegen. Dies erfordert proaktive Behörden. Wir möchten in der EU einen Rahmen schaffen, der unter voller Beachtung des Subsidiaritätsprinzips den lokalen Verwaltungen die notwendigen Freiheiten einräumt und Proaktivität mit verbesserten finanziellen Möglichkeiten für die entsprechende Region belohnt.

Mit Hilfe digitaler Plattformen wurde die Position der Landwirte in der Wertschöpfungskette bereits erheblich gestärkt: Kürzere Wertschöpfungsketten ermöglichen es dem Landwirt, seine Produkte direkt an den Verbraucher zu verkaufen. Damit wird die Auswahl für den Endverbraucher erhöht, während häufig monopolistisch agierende Groß- und Einzelhändler umgangen werden können. Der Landwirt gewinnt Autonomie und kann einen faireren Preis für seine Produkte aushandeln. Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung des Ziels der EU, alle E-Tools in der Landwirtschaft zu stärken, deutlich.

Die 10 Milliarden Euro aus dem Programm Horizon Europe, die für Innovationen in der Landwirtschaft vorgesehen sind, können dabei eines der wichtigsten Instrumente zur Finanzierung von Forschungsprojekten sein, die mit dieser Philosophie der „Smart Villages“ verknüpft sind.

Smart Villages

Der strategische Vorteil der „Smart Village“-Ziele besteht jedoch vor allem darin, dass unsere Vision über mehrere Legislativvorschläge und EU-Fonds verstreut ist. Unser Hauptziel muss es sein, eine Verbindung zwischen diesen Fonds herzustellen. Ein gutes Beispiel dafür ist das von der EU geförderte Programm LEADER, das auf die Unterstützung ländlich-regionaler Unternehmen, die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Förderung der Wirtschaft im KMU-Sektor [kleine und mittelständische Unternehmen] abzielt.

Die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Privatwirtschaft wird für den Erfolg der Smart Villages entscheidend sein. Wir hoffen, dass eine kleine Anzahl von Best-Case-Szenarien als positive Beispiele und als letzter gewinnender Faktor dienen wird, um Investoren davon zu überzeugen, EU-Mittel für Smart Villages und damit die Wiederbelebung der ländlichen Gebiete auf unserem schönen Kontinent einzusetzen.

Der rein praktische Weg [für uns Gesetzgeber] besteht darin, die Legislativvorschläge zu verbessern und die nationalen Verwaltungen zu ermutigen, intelligente Dörfer als ein ernsthaftes Modernisierungsinstrument zu betrachten. Mit diesem Instrument kann eine Verbesserung der Lebensqualität in diesen Gebieten gelingen und zum Schlüsselfaktor für die Wiederbevölkerung der ländlichen Gebiete in der EU werden. Wir müssen alle Beteiligten (Forschung, KMU, IT-Sektor, Energiesektor, Landwirte, Beratungsstellen usw.) ermutigen, proaktiv und kooperativ zu agieren.

Das Konzept „Smart Village“ ist ein neues Konzept im Bereich der EU-Politik, aber es hat sich zu einem wichtigen Instrument für politische Entscheidungsträger und andere Akteure entwickelt. Auf europäischer Ebene gibt es allerdings keine klare Definition, was dieser Begriff eigentlich bedeutet. Deshalb haben wir im Agrarausschuss des Europäischen Parlaments ein Pilotprojekt durchgeführt, mit dem Ziel, eine Definition für „Smart Villages“ zu finden und zu etablieren. In dieser Definition sollen die unterschiedlichen Interpretationen und Konzepte, die es derzeit gibt, integriert werden. So ist bisher klar, dass „smart“ die Fähigkeit und Möglichkeit bedeutet, alle modernen Tools und Dienste zu nutzen. Nun ist es wichtig, weitere Beiträge von Interessenvertretern, Betroffenen/Beteiligten und Wissenschaftlern zu erhalten, die an relevanten Projekten oder Programmen mitwirken.

Umsetzung der Visionen

Ecorys, eines der ältesten Wirtschaftsforschungs- und Beratungsunternehmen in Europa, hat von der Europäischen Kommission nun den Etat, den wir im EU-Haushalt 2018 gesichert hatten, für dieses Pilotprojekt erhalten. Sie werden nun also die wissenschaftliche Definition und die Instrumente entwickeln, wie intelligente Dörfer umgesetzt werden müssen, um den Erfolg und die großen Hoffnungen, die wir in unsere Vision gesetzt haben, auch wirklich richtig umsetzen zu können. Wir teilen die Auffassung, dass digitale Technologien dabei Informations- und Kommunikationstechnologien, die Nutzung großer Datenmengen und Innovationen im Zusammenhang mit der Nutzung des Internet der Dinge umfassen. Die systematische Verknüpfung dieser Instrumente soll als Hebel wirken, der es intelligenten Dörfern ermöglicht, agiler zu werden, ihre Ressourcen besser zu nutzen und die Attraktivität der ländlichen Gebiete und die Lebensqualität der Landbevölkerung vor Ort zu verbessern.

Ecorys hat dabei bereits einige erfolgreiche Initiativen identifiziert, die in die richtige Richtung gehen, beispielsweise ‘Bras-sur-Meuse’. Dort werden europäische Mittel genutzt, um Telearbeitszentren zu schaffen, die Hochgeschwindigkeits-Breitbandinternet, Schulungen für ältere Menschen, einen Kooperationsraum und viele Aktivitäten für die lokale Bevölkerung zur Förderung des Unternehmertums und zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und sozialer Ausgrenzung im ländlichen Raum anbieten. Ein weiteres Beispiel ist das Dorf ‘Eskola’, wo „Community-Building“ genutzt wird, um – unter der Führung der Bürger – eine Entwicklung voranzutreiben, mit der ortsgebundene, spezifische Leistungen wie die vermehrte Nutzung des Internets der Dinge genutzt werden. Das fördert eine integrierte Entwicklung des Dorfes. Diese Beispiele dienen als Grundlage für komplexere Visionen von intelligenten Dörfern: Wir wollen einen ländlichen Raum, der von den Synergien profitiert, die sich aus der systematischen Verknüpfung bestehender Technologien ergeben.

Wir müssen intelligente Dörfer als Gemeinschaften in ländlichen Gebieten verstehen, die intelligente Lösungen entwickeln, um die Herausforderungen in ihrem lokalen Kontext zu bewältigen. Sie bauen auf den vorhandenen lokalen Stärken und Möglichkeiten auf. So können sie einen Prozess der nachhaltigen Entwicklung ihrer Region einleiten. Sie stützen sich dabei auf einen partizipativen Ansatz zur Entwicklung und Umsetzung ihrer Strategien zur Verbesserung der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Bedingungen, insbesondere durch die Förderung von Innovationen und die Schaffung von Lösungen, die die neuen digitalen Technologien bieten.

Intelligente Dörfer profitieren von Kooperationen und Allianzen mit anderen Gemeinden und Akteuren in ländlichen und auch städtischen Gebieten. Die Einführung und Umsetzung solcher Strategien für Smart Villages kann auf bestehenden Initiativen aufbauen und aus verschiedenen öffentlichen und privaten Quellen finanziert werden. Und natürlich dürfen wir nicht die (digitale und die Präzisions-) Landwirtschaft, die Nahrungsmittelproduktion und die Umwelt vergessen, die ja den Hauptunterschied zwischen städtischen und ländlichen Siedlungsgebieten ausmachen.

Eine Vision wird Wirklichkeit

All dies wird immer auf unsere Kernbotschaft hinauslaufen: Smart Villages/Intelligente Dörfer sind die Chance, die Digitalisierung nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die ländlichen Gemeinden im Allgemeinen zu nutzen. Und die derzeitig diskutierte Reform der GAP bietet die Chance, dies zu realisieren.

Wir beide gehören zu den beiden größten Fraktionen im Europäischen Parlament [EVP und S&D]. Das Gute ist, dass wir dies immer als strategischen Vorteil und nicht als trennenden Aspekt verstanden haben. Als Politiker und Menschen haben wir gemeinsam, dass wir gerne die Ärmel hochkrempeln und den Ball ins Rollen bringen. Die beste Belohnung für die Bemühungen im Europäischen Parlament ist die Verwirklichung unserer vor Jahren entwickelten gemeinsamen Vision.

Wir wären niemals so weit gekommen ohne die politische Unterstützung der EU-Kommissare Hogan, Bulc, Gabriel und Cretu, die von Anfang an unsere Vision teilten und uns motiviert haben, noch härter zu verhandeln und noch höher zu zielen, als wir es ursprünglich beabsichtigt hatten, und natürlich unserer Teams, die die Arbeit vor Ort leisten: György Mudri und Adam Mouchtar aus unseren jeweiligen Büros und Christina Kirketep von der Generaldirektion AGRI. Alle diese Menschen waren ausschlaggebend für die Entwicklung dieser politischen Strategie und die tatsächliche Verwirklichung des Prozesses.

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