Insektenschutz: Blühstreifen und Teilverbote reichen nicht

DISCLAIMER: All opinions in this column reflect the views of the author(s), not of EURACTIV.COM Ltd.

Um das Bienensterben zu bremsen soll die Anwendung schädlicher Pestizide begrenzt werden. [-col-/Flickr]

Anlässlich der morgigen Abstimmung über ein Verbot von drei Neonikotinoiden haben Umweltorganisationen heute ihre Forderungen an das im Koalitionsvertrag vereinbarte „Aktionsprogramm Insektenschutz“ vorgelegt.

„Bienen sind systemrelevant“ und „was für Bienen schädlich ist, muss weg vom Markt“. Es sind starke Worte, die Julia Klöckner in ihrer ersten Regierungserklärung als Ministerin für Ernährung und Landwirtschaft hinterlassen hat. Als erfahrene Politikerin weiß sie, dass die nahezu täglichen Schlagzeilen über den dramatischen Verlust an Insekten und Vögeln die Bürgerinnen und Bürger umtreiben und die Landwirtschaft als maßgebliche Verursacherin dafür gesehen wird.

Es ist gut, dass die Ministerin sich dieser Verantwortung stellt. Die ebenfalls neue und ressortführende Umweltministerin Svenja Schulze hat bereits angekündigt, noch innerhalb ihrer ersten hunderttägigen Amtszeit ein Aktionsprogramm Insektenschutz vorzulegen. Um ein ambitioniertes Maßnahme-Paket zu schnüren, das die Lebensbedingungen der Insekten in Deutschland tatsächlich verbessern kann, ist sie auf die tatkräftige Unterstützung ihrer BMEL-Kollegin angewiesen.

Denn ohne Veränderungen in der Bewirtschaftung, aber auch Struktur landwirtschaftlich genutzter Flächen, die über die Hälfte unseres Landes ausmachen, geht es nicht. Dafür braucht es mehr als starke Worte, die Landwirtschaft mehr als eine Imagepolitur und Insekten eine andere Agrar- und konsequente Umweltpolitik.

Denn die Fakten – das belegen zahlreiche Untersuchungen eindeutig, vielfach und gründlich – dulden kein weiteres Deuteln oder Kleinreden. Die Zahlen sprechen für sich. Über 33.000 heimische Insektenarten und 75 Prozent ihrer Biomasse sind seit 1989 verschwunden. Der Verlust betrifft damit nicht nur die Honigbiene, sondern sämtliche Wildbienen, Hummeln, Schmetterlinge und zahlreiche andere Insektenarten. Sie alle sind „systemrelevant“. Um den „Kurs zu einem ökologischen Armageddon“ schnellstmöglich zu verlassen, wie es einer der Autoren der zitierten Studie ausdrückte, muss also rasch gehandelt werden.

Ausstieg für insektenschädigende Pestizide

Morgen hat die Bundesregierung die Gelegenheit dazu, noch bevor sie das vereinbarte Aktionsprogramm auf den Weg gebracht hat. Es ist gut, dass die Bundesregierung dem geplanten Verbot der drei Wirkstoffe Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam zustimmen will. Aber das reicht nicht und ist erst recht kein Totalverbot, wie einst angekündigt. Insbesondere nicht, wenn wie zu Beginn dieses Monats andere Mittel dieser Stoffklasse und weitere bienengefährliche Pestizide verlängert werden.

Die am 28. Februar 2018 von der Europäischen Lebensmittelbehörde (EFSA) revidierte Risikobewertung hat deutlich gemacht, wie erheblich das unterschätzte Risiko für unsere Insektenfauna und Umwelt sein kann.

Das betrifft ebenso die Debatte um das Totalherbizid Glyphosat. Die Ankündigung von Julia Klöckner, den Einsatz massiv beschränken zu wollen, ist begrüßenswert. Noch besser wäre allerdings die Bereitschaft beider Ministerin, an einem Strang zu ziehen, um den von Umweltministerin Svenja Schulze geforderten Ausstieg noch in dieser Legislaturperiode auf den Weg zu bringen.

Für Julia Klöckner wäre es zudem die Gelegenheit, sich von ihrem Vorgänger Christian Schmidt ab- und auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit ihrer Amtskollegin zu setzen. Er hatte das Veto des Umweltministeriums (BMU) übergangen und die EU-weite Wiederzulassung von Glyphosat erst ermöglicht.

Die Bundesregierung trägt damit eine besondere Verantwortung, den europaweiten Ausstieg voranzubringen. Langfristiges Ziel muss es sein, durch wirksame Reduktionsstrategien zu einer Landwirtschaft zurückzukehren, die ohne die Verwendung von chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln auskommen kann. Dass das möglich ist, zeigen Millionen Bio-Bäuerinnen und Bauern weltweit und täglich.

Strukturvielfalt in Agrarlandschaften zurückbringen

enDas geplante Aktionsprogramm muss aber noch weitere zentrale Stellschrauben angehen. Studien belegen, dass die Größe von Feldern ebenso relevant für die Artenvielfalt ist wie die Art der Bewirtschaftungsweise. Landwirte können durch die Teilung besonders großer Ackerschläge und die Anlage von Feldrainen viel zur Schaffung von mehr Vielfalt auf landwirtschaftlichen Flächen beitragen. Die gerade anlaufende Reformrunde der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik (GAP) muss dafür deutlich attraktive Angebote für Landwirte wie Kommunen schaffen.

Nährstoffeinträge wirksam reduzieren

Auch die Überdüngung von Feldern und Grünland ist ein maßgeblicher Faktor für den Insektenrückgang. Hohe Nährstoffeinträge reduzieren die Pflanzenvielfalt und damit das Nahrungsangebot. Dafür muss das Düngerecht nachgebessert werden, um endlich wirksamere Regeln gegen Überdüngung zu implementieren

Schutzgebiete und Biotopverbund stärken

Schutzgebiete sind für Insekten überlebenswichtig. Im Koalitionsvertrag hat sich die Bundesregierung bekannt, sie effektiver zu entwickeln und besser vor negativen Einflüssen zu schützen – ebenso wie zur Einrichtung eines EU-Naturschutzfonds.

Insektenvielfalt in Siedlungsräumen fördern

Öffentliche Grünflächen und private Gärten können viel für die Artenvielfalt leisten. Das Aktionsprogramm sollte daher auch Angebote, um Städte und Kommunen zu unterstützen, die sich bereits freiwillig zu einem Anwendungsverbot chemisch-synthetischer Pestizide verpflichtet haben. Insbesondere in Haus- und Kleingärten ist ein solches Verbot überfällig.

Forschung, Monitoring und Bildung verbessern

Um den Ursachen des Insektensterbens auf den Grund zu gehen und zielorientierte Lösungsansätze zu entwickeln, sind ein langfristiges und auskömmlich ausgestattetes Monitoring und ressortübergreifende Forschungsprogramme erforderlich. Eins muss jedoch klar sein: Es kommt nicht darauf an, allerletzte Ursachen und Gewissheiten für das Insektenverlust zu erforschen. Es kommt darauf an, zu handeln. Und zwar rasch und mit gemeinsamen politischen Willen, übrigens den aller Ressorts.

Die Autorin

Ilka Dege arbeitet seit März 2018 beim Deutschen Naturschutzring (DNR) e.V. als Koordinatorin für Agrar-, Natur- und Tierschutzpolitik. Nach landwirtschaftlicher Lehre und Studium war sie in den letzten fünfzehn Jahren für Abgeordnete von Bundestag und Europaparlament tätig.

Dieser Artikel ist ein gekürzter Vorabdruck der Mai-Ausgabe der Zeitschrift „umwelt aktuell“.

Subscribe to our newsletters

Subscribe