Das stille Sterben der Arten und das ohrenbetäubende Schweigen der Staatschefs

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Artenschutz ist wichtig, braucht aber auch Investitionen. [Foto: Sebastian Willnow/dpa]

Ab jetzt verhandeln die die Staats- und Regierungschefs über den künftigen EU-Haushalt. Daran wird sich auch entscheiden, wohin sich Europas Landwirtschaft künftig entwickeln wird – und ob es Hoffnung auf Rettung für die Artenvielfalt in der EU gibt. Das bisherige Schweigen der Regierungen gerade zum dramatischen Insektensterben ist ohrenbetäubend. Zusammen mit über 130  Organisationen aus ganz Europa fordert der NABU daher heute bei einer Aktion in Brüssel „mehr Geld für die Natur im EU-Haushalt“.

Neue Zahlen zum Finanzdefizit im deutschen Naturschutz

Aber worum geht es genau? Liegt es wirklich am fehlenden Geld, dass Insekten sterben und Vögel verschwinden? Können wir mit EU-Geld die Natur retten? Sicher nicht alleine – wir brauchen starke Gesetze, die zum Beispiel den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft und die Düngung regulieren. Wichtig ist auch ein gut vernetztes System von europäischen Schutzgebieten und die Unterbindung von illegalen Aktivitäten – von der Tötung geschützter Arten bis zu verbotener Abholzung oder Grünlandumbruch. Und natürlich liegt es auch stark am Konsumverhalten von uns allen. Dass Erdbeeren im Winter oder Billigfleisch sowohl Klima als auch Artenvielfalt schaden – ist klar.

Dennoch: Geld ist zwar nicht alles, doch ohne Geld ist alles nichts – zumindest im europäischen Naturschutz. Das beste Schutzgebietsnetz – und die EU hat mit Natura 2000 zumindest das größte – der Welt nützt kaum, wenn die Flächen nicht erhalten und gepflegt werden können. Hierfür braucht es Geld – insbesondere für Landwirte, Waldbesitzer, Schäfer aber auch alle anderen, die sich im Dienste der Gesellschaft um Arten und ihre Lebensräume kümmern. Landnutzern sollten wir Steuerzahler dabei attraktive finanzielle Anreize für den Erhalt von Hecken, Blühstreifen und anderen naturnahen Flächen bieten – ebenso wie für die Pflege von Wacholderheiden oder den Erhalt von Nistbäumen im Wald. Naturschutz als Gesellschaftsvertrag, konkrete Leistungen die über das gesetzliche Mindestmaß hinausgehen, sollten bezahlt werden.

Drei Viertel des französischen Obstes zeigen Pestizidrückstände

Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass in Frankreich 72,6 Prozent der Nicht-Biofrüchte Pestizidrückstände aufweisen.

Um wie viel Geld geht es? Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) hat soeben neue Schätzungen für Deutschland veröffentlicht – vermutlich die akkuratesten weit und breit (download der Studie hier): Danach decken die verfügbaren Mittel den Finanzbedarf des Naturschutzes nicht einmal zur Hälfte ab – äußerst vorsichtig ausgedrückt. Jährlich werden in Deutschland mindestens 1,4 Milliarden Euro alleine zur Umsetzung des EU-Naturschutzrechts (v.a. Natura 2000) benötigt, wobei der Meeresschutz hier nicht einmal mit eingerechnet ist. Dem stehen derzeit Mittel von geschätzt rund 540 Millionen Euro gegenüber.

Ein EU-Naturschutzfonds zur Rettung der Artenvielfalt

Wie soll die Finanzlücke nun geschlossen werden? Durch nationale Anstrengungen der Mitgliedstaaten sicher nicht – wenn das schon in Deutschland nicht funktioniert, wie sollen das erst ärmere Staaten schaffen – die oft noch viel mehr Schutzgebiete und bedrohte Arten zu erhalten haben. Die EU hingegen kann hier ihren echten Mehrwert beweisen und mehrere Erfolge auf einmal erzielen. Durch die Einrichtung eines EU-Naturschutzfonds in Höhe von 15 Milliarden Euro jährlich ließe sich der Kampf gegen das Artensterben wohl ausreichend finanzieren (der ansonsten mit jedem Jahr des Nichtstuns teurer wird).

Landwirte könnten zudem mit mehr Geld für konkrete Naturschutzmaßnahmen honoriert werden: Gerade für viele Bauernhöfe, die in weniger fruchtbaren Lagen naturverträglich wirtschaften wollen und die von der Aufgabe bedroht sind, böte dies eine wichtige neue Perspektive. Ein solcher Fonds würde nicht zuletzt auch dem ramponierten Image der EU-Agrarpolitik neuen Glanz verleihen – und vor allem dringend benötigte Rechtfertigung vor den Steuerzahlern. Denn nicht nur aufgrund des Brexit droht der milliardenschweren EU-Agrarpolitik ein nie gekannter Aderlass. Ein Umsteuern in Richtung Naturschutz könnte diesen zumindest mildern. Und nur zum Vergleich: derzeit gibt die EU zwölf Milliarden Euro im Jahr für das sogenannte „Greening“ aus, ein bürokratisches Monster und Alptraum vieler Landwirte, das nahezu keinen positiven Effekt für die Artenvielfalt hat.

Last but not least: Wer glaubt ein Bedarf von 1,4 Milliarden Euro im Jahr (Deutschland) oder 15-20 Milliarden Euro (europaweit) seien astronomische Summen, die der Naturschutz hier verlange, der möge sich Studien der EU-Kommission vor Augen führen, die zeigen, dass ein intaktes Natura-2000-Netzwerk 200-300 Milliarden Euro an Dienstleistungen an die Gesellschaft generiert. Jährlich.

Konstantin Kreiser ist Leiter für EU-Naturschutzpolitik im NABU (BirdLife und EEB Partner in Deutschland).

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