Das globale Ernährungssystem muss größeren Wert auf Nachhaltigkeit legen

DISCLAIMER: All opinions in this column reflect the views of the author(s), not of EURACTIV.COM Ltd.

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Fruchtbare Böden müssen nachhaltiger bearbeitet werden, sonst drohen Erosion oder Versalzung, Übernutzung. Dabei kann Technologie neue Wege auftun. [Foto: Shutterstock]

Unser Ernährungssystem braucht einen Paradigmenwechsel. Jahrelang war es fast ausschließlich darauf ausgerichtet, mehr Lebensmittel zu produzieren, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Doch das allein reicht nicht mehr.

Im Jahr 2050 werden voraussichtlich fast zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben, also etwa 2,2 Milliarden mehr als heute. Experten schätzen, dass sich die weltweite landwirtschaftliche Produktion bis dahin mindestens verdoppeln muss, um die dann bestehende Nachfrage nach Lebens- und Futtermitteln sowie Bioenergie zu decken.

Allerdings ist unsere heutige Nahrungsmittelproduktion nicht nachhaltig, weil sie nicht schonend genug mit natürlichen Ressourcen umgeht. In den kommenden 30 Jahren drohen weitere Probleme aufgrund des Klimawandels hinzuzukommen: Ein Drittel des fruchtbaren Bodens könnte weltweit verloren gehen – etwa durch Erosion oder Versalzung.

Unser Ernährungssystem ist auch zu verschwenderisch. Schätzungen zufolge geht ein Drittel aller Nahrungsmittel, etwa 1,3 Milliarden Tonnen jährlich, auf dem Transportweg und in unseren Haushalten verloren.

Unser Ernährungssystem ist außerdem nicht gerecht: Weltweit leiden rund 800 Millionen Menschen an Hunger, und fast zwei Milliarden Menschen nehmen zu wenig Vitamine oder Mineralstoffe zu sich. Gleichzeitig sind aber auch zwei Milliarden Menschen fettleibig oder übergewichtig.

Für all diese Probleme gibt es offensichtlich keine Patentlösung. Denn das globale Ernährungssystem ist äußerst komplex und facettenreich. Die Landwirtschaft kann jedoch dazu beitragen, die Situation wesentlich zu verbessern, wenn wir zum Beispiel auf die folgenden fünf Punkte achten.

Erstens: Wir müssen wieder mehr miteinander reden und zuhören, anstatt aufeinander einzureden. Schluss mit polarisierenden Debatten, die die Zukunft der Landwirtschaft dominieren – hier die „industrialisierte Landwirtschaft“, da der „Öko-Landbau“! Wenn wir es schaffen, ideologische Gräben zu überbrücken, können wir voneinander lernen.

Bei Bayer arbeiten wir daran, den Dialog mit allen gesellschaftlichen Gruppen zu vertiefen – auch mit unseren Kritikern. Aber ein aufrichtiger und fruchtbarer Dialog braucht Vertrauen, und Vertrauen braucht Offenheit. Unter anderem deshalb haben wir Sicherheitsstudien zu Pflanzenschutzmitteln, die für behördliche Zulassungen relevant sind, über eine Website auch öffentlich zugänglich gemacht. Wir wollen damit Transparenz in der Agrarbranche beispielhaft vorleben.

Zweitens: Wir müssen weg von der einseitigen Fixierung auf den Ertrag. Die Steigerung des Ertrags dominiert viele Diskussionen über die Zukunft der Landwirtschaft und verstellt manchmal die Sicht auf neue Ansätze und kreative Lösungen.

Ja, die Landwirtschaft muss produktiver werden. Aber wir sollten nicht nur über die schiere Menge reden, sondern auch über die Qualität, denn manchmal ist weniger mehr – sowohl in der Produktion als auch beim Konsum. Das heißt auch, dass wir unsere Nahrungsgewohnheiten hinterfragen sollten. Schlussendlich muss unser Ziel sein, ausreichend hochwertige, gesunde und nährstoffreiche Nahrung für alle herzustellen – und das auf nachhaltige, ressourcenschonende Weise.

Drittens: Wir müssen den Status Quo hinterfragen. Die Landwirtschaft der Zukunft braucht Innovationen. Glücklicherweise gibt es vielversprechende technologische Entwicklungen, die uns allen Hoffnung machen können – wie zum Beispiel die neuen Züchtungstechnologien. Damit können ertragreichere und robustere Pflanzen gezüchtet werden oder auch Pflanzen, die besser schmecken und keine Allergien auslösen – und das viel schneller als bisher.

Ein weiteres Beispiel ist die Digitalisierung, die die Landwirtschaft revolutionieren wird. Genaue Daten über den Zustand eines Felds machen es möglich, Pflanzenschutzmittel nur gezielt da einzusetzen, wo sie wirklich gebraucht werden. Und das rechtzeitig, bevor sich ein Schädling, ein Unkraut oder eine Pflanzenkrankheit ausbreitet. Die Folge: Pflanzenschutz wird präziser und effizienter – und damit auch umweltschonender.

Viertens: Wir müssen künftig ganzheitlicher über Innovation nachdenken. Wir brauchen eine sorgfältige Abwägung, die nicht nur den Nutzen oder nur die Risiken in den Vordergrund stellt. Europa hat aus guten Gründen sowohl ein Innovations- als auch ein Vorsorgeprinzip. Wer nur das eine anwendet, springt zu kurz. Eine vernünftige Abwägung der Vor- und Nachteile jeder neuen Technologie erlaubt es, zu einem breiten Konsens zu gelangen. Das ist ganz wichtig, denn Innovationen brauchen gesellschaftlichen Rückhalt, um zur Lösung drängender Probleme beitragen zu können.

Fünftens: Für die Ernährung der Zukunft und ein nachhaltiges Ernährungssystem spielen die rund 500 Millionen Kleinbauern auf der Welt eine Schlüsselrolle. Ihre Felder sind meist kleiner als ein Fußballplatz, aber sie erzeugen fast die Hälfte der Nahrung weltweit – und 80 Prozent der Nahrung in Entwicklungsländern. Wenn es gelingt, ihre Produktivität auf nachhaltige Weise zu erhöhen, steigt auch ihr Einkommen, und sie können ihre Kinder in die Schule schicken, mehr investieren und mehr hochwertige Nahrung für sich und letztendlich für die gesamte Gesellschaft erzeugen. Davon profitieren alle.

Bayer übernimmt auch hier Verantwortung und unterstützt die Kleinbauern auf der ganzen Welt mit zahlreichen Initiativen. So organisieren wir seit sieben Jahren Schulungen mit Kleinbauern in Indien, Kenia oder Lateinamerika. Auf dem Stundenplan stehen Themen wie Bodengesundheit, Wassermanagement oder Pflanzenschutz.

Außerdem helfen wir vielen Kleinbauern dabei, produktiver zu werden und den Qualitätsanforderungen des Handels gerecht zu werden. Ein Beispiel ist das Projekt „Bridging the Seed Gap“, bei dem Bayer mit der gemeinnützigen Organisation „Fair Planet“ in Äthiopien zusammenarbeitet. Wir unterstützen die Bauern beim Zugang zu hochwertigem Gemüsesaatgut und dabei, das Saatgut mit geringen Änderungen ihrer traditionellen Anbaumethoden anzubauen – mit der Perspektive besserer Ernten und höherer Erträge.

Ja, unser Ernährungssystem muss nachhaltiger werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das schaffen können. Aber nur gemeinsam – und nur, wenn wir offen für Veränderung sind und bereit, unsere Einstellung zu Ernährung und Landwirtschaft zu überdenken.

 

Über den Autor: 

Liam Condon ist Vorstandsmitglied der Bayer AG und Leiter der Agrarsparte Division Crop Science. Seit 2016 ist Condon Mitglied des Governor‘s Panel for Consumer Industries beim Weltwirtschaftsforum und seit September 2017 außerdem Vorstandsvorsitzender des Branchenverbands CropLife International.

Dieser Beitrag wurde in „Der Tagesspiegel“ erstveröffentlicht.

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