Wissen, wo’s herkommt

Genossenschaften und andere Projekte für kurze Transportwege sowie Lebensmitteltransparenz boomen in Polen - besonders in den Großstädten. [Rob Bertholf/Flickr]

This article is part of our special report Kurze Lebensmittelketten für Europas Norden.

Was mit einem kleinen Mädchen mit einer Lebensmittelallergie begann, ist in Polen zu einem innovativen Start-up gewachsen, das 150 Bauern mit inzwischen 100.000 Verbrauchern verbindet, die gesunde Lebensmittel direkt von ihren Produzenten beziehen wollen. Das Projekt „Lokaler Landwirt“ wird immer beliebter.

Andrej Modić kommt ursprünglich aus Slowenien, zog später jedoch nach Polen, wo er seine Frau Sylwia kennenlernte. Ihre gemeinsame Tochter wurde 2009 geboren. Bald stellte sich heraus, dass das Mädchen gesundheitliche Probleme hat: Die kleine Zarji hatte eine starke Allergie gegen Lebensmittelzusatzstoffe entwickelt.

Auch in Bioläden gekaufte Produkte schienen das Problem nicht zu lösen: Das Gemüse und Obst wurde zwar biologisch angebaut – aber in Spanien oder Italien, sodass es noch Tausende von Kilometern nach Polen transportiert werden musste. Um die Ware auf diesem langen Weg zu konservieren, werden Zusatzstoffe und spezielle Konservierungsstoffe beigefügt.

Drei Viertel des französischen Obstes zeigen Pestizidrückstände

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Die verzweifelten Eltern bemühten sich, nur noch Lebensmittel auf lokalen Märkten zu kaufen. Doch auch mit diesem Versuch wurden sie enttäuscht – die Verkäufer konnten nicht immer genau erklären oder rückverfolgen, woher ihre Waren stammen. Bei einigen wurde sogar geradeheraus betrogen.

Andrej und Sylwia beschlossen, sich nach Lebensmittelherstellern – Züchtern, Bauern und kleinen Verarbeitern – umzusehen, bei denen sie direkt einkaufen könnten.

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Lebensmittelgenossenschaften boomen in Polen

Die Lösung bestand darin, eine Einkaufsgruppe zu gründen, die gemeinsam mehr Waren von einem Landwirt oder Verarbeiter kauft und dann die Kosten – und natürlich auch den erfolgreichen Einkauf, nämlich gesunde Lebensmittel – teilt.

Diese Idee ist offensichtlich nicht neu: Ähnliche Vereine waren zu der Zeit bereits in Polen gegründet worden, beispielsweise die Genossenschaft „Dobrze“. Daheim in Slowenien hatte Andrejs Vater bereits eine ähnliche, lokale Einkaufsgruppe organisiert.

Sylwia und Andrej beschlossen, eine neue Gruppe in Warschau zu gründen. Sie profitierten von EU-Mitteln im Rahmen des Programms „Innovative Wirtschaft“. Im Mai 2014 wurde die erste Version der Website Lokalny Rolnik („Lokaler Landwirt“) erstellt, die sich an Verbraucher richtet, die sich gesund ernähren, leidenschaftlich gerne kochen und bewusst konsumieren wollen.

Die Idee erwies sich schnell als großer Erfolg: „Heute beziehen wir unsere Produkte von 150 Bauern oder kleinen Verarbeitern. Wir haben Zugang zu fast allen Produkten, die in Supermärkten erhältlich sind – aber eben ausschließlich Produkte, die umfassend getestet und gesund sind. Vor allem werden sie so nah wie möglich am Verbraucher produziert, damit sie nicht weit transportiert werden müssen. Unser Angebot wird bereits von rund 100.000 Menschen genutzt,“ erklärt Andrej nicht ohne Stolz.

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Es scheint, dass immer mehr Polen besser und gesünder essen und leben wollen – besonders in Warschau. Die Warschauer Lebensmittelgenossenschaft (Warszawska Kooperatywa Spożywcza – WKS) nimmt beispielsweise regelmäßige Sammelbestellungen auf, um direkt bei den Produzenten Großeinkäufe zu tätigen. WKS ist kein kommerzielles Unternehmen, sondern ein Verein, in dem Jede und Jeder mitmachen kann. Einzige Voraussetzung für eine Mitgliedschaft ist ein kleiner Mitgliedsbeitrag und 90 Minuten Zeit im Monat, um beim gemeinsamen Einkauf zu helfen.

Für die oben erwähnte Dobrze-Genossenschaft ist nicht nur das Essen wichtig, sondern auch soziale Ideen – Gleichheit, Gerechtigkeit oder Unterstützung von ökonomisch schlechter gestellten Menschen. Das Projekt fungiert als Genossenschaft und betreibt zwei solidarische Genossenschaftsläden in Warschau – die ersten, die seit 1989 in Polen entstanden sind.

Obwohl soziale und ökologische Gesichtspunkte für „Lokalny Rolnik” nach eigenen Angaben ebenfalls wichtig sind, haben Sylwia und Andrej einen deutlich unternehmerischeren Ansatz gewählt und ihr Start-up schnell außerhalb der Hauptstadt bekannt gemacht. Mittlerweile ist der Dienst in sechs Städten verfügbar: Warschau, Krakau, Breslau, Kattowitz, Posen und Lodz. Eine Dependance in einer weiteren polnischen Großstadt ist geplant. Und auch die Expansion in die europäischen Nachbarländer könnte demnächst folgen: „Aus Warschauer Sicht ist die Entfernung nach Danzig oder Berlin recht ähnlich,“ so Andrej Modić.

Frisch, lokal, bio

Sein Projekt baut auf drei grundsätzlichen Prinzipien auf. Erstens müssen die Produkte frisch und zertifiziert sein. Andrej und Sylwia leisten nahezu detektivische Arbeit während ihrer Besuche bei Bauern oder Verarbeitungsbetrieben. Sie kontrollieren Felder, Scheunen und Produktionslinien; manchmal mehrmals.

Nicht jeder Lieferant oder Hersteller ist in der Lage, den hohen Ansprüchen der beiden gerecht zu werden. „Wichtig ist für uns auch, welche Philosophie die Landwirte oder Verarbeiter haben und wie sie ihre Produkte herstellen. Wenn einer unserer Kunden zum Bauern gehen und sich selbst ein Bild davon machen will, wie der Hof aussieht, dann ist das möglich. Jedes Produkt hat ein Gesicht, ein Alleinstellungsmerkmal eines bestimmten Herstellers,“ versichert Andrej.

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Das zweite Prinzip ist die Reduzierung der Lieferzeiten und -strecken. Die absolute Obergrenze sind 100 Kilometer. Die meisten Produkte – insbesondere Gemüse und einige Obstsorten – müssen nur 20 bis 30 Kilometer zurücklegen. Andrej betont: „Unser Ziel ist es nicht nur, dass die Produkte nicht lange transportiert werden müssen. Wir wollen auch die Auswirkungen des Transports auf die Umwelt reduzieren, d.h. den kleinstmöglichen CO2-Fußabdruck haben.“

Auch die Landwirte profitieren

Der dritte Grundsatz ist eine faire Behandlung, nicht nur für die Verbraucher, sondern auch für die Erzeuger. Ein Landwirt, dessen Produkte in Supermärkten verkauft werden, erhält nur 20-30 Prozent des Endpreises, den der Verbraucher im Laden bezahlt. Auf dem Weg vom Bauer zum Verbraucher knipsen Verarbeitungsbetriebe, Großhändler und schließlich die Einzelhändler ihre entsprechende Marge ab. Die Versorger von „Lokalny Rolnik“ erhalten dagegen bis zu 75 Prozent des von den Konsumenten bezahlten Preises.

Ein weiterer Vorteil sind die Bestelllisten: Die Landwirte wissen, wieviel geordert wird und können somit die Lebensmittelverschwendung eindämmen.

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Am Anfang hatte Andrejs und Sylwias Projekt lediglich das Ziel, Landwirte und Züchter mit den Endkunden in näheren Kontakt zu bringen. Inzwischen gibt es auch ein echtes Netzwerk von speziellen Sammelstellen, an denen die vom Hof gelieferten Produkte an die Verbraucher verteilt werden. Irgendwann könnte der „Lokale Landwirt“ sogar gesamte Lieferkette managen, glaubt Chef Andrej.

Er sagt über seine Vision: „Wir wollen, dass die Hersteller ihr Bestes tun, um gutes Essen zu produzieren. Und wir werden im Gegenzug ein freundschaftlich-solidarisches System zwischen Produzent und Verbraucher aufbauen.“

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