„Wir sind Subventionsempfänger“

Immer wenige junge Menschen wollen Landwirte werden, viele Familienbetriebe lösen sich auf. [Foto: Shutterstock]

Immer weniger junge Menschen wollen in der Landwirtschaft arbeiten. Diejenigen, die es tun, sind mit hohen Anschaffungskosten, komplizierten bürokratischen Vorgaben und einem bescheidenen Einkommen konfrontiert.

Die Landwirtschaft krankt am Generationswechsel. Viele junge Menschen werden von einem Berufsbild abgeschreckt, das lange, harte Arbeitszeiten verspricht, sich fortwährend ändert und in dem es kein festes Einkommen gibt. Nur elf Prozent aller Landwirte in der EU sind jünger als 40 Jahre, gab Eurostat im Jahr 2016 an.

Eine, die es gewagt hat, ist die Landwirtin Johanna Buntz. Es war keine einfache Entscheidung, den Bauernhof auf der Schwäbischen Alb, wo sie aufgewachsen ist, fortzuführen. Auf 110 Hektar betrieben ihre Eltern dort einen Schweine-Mastbetrieb.

Doch im Laufe der letzten 20 Jahre wurde das Geschäft immer unrentabel, die Produktion musste weiter ausgebaut werden, um das Einkommen halten zu können. Die Metzgerei, an die sie lieferten, nahm ihr Fleisch nicht mehr ab, es sei zu teuer gemessen am Preis der Konkurrenz. Da ihre drei Schwestern andere Berufswege einschlugen, entschied sich Buntz nach dem Abitur dazu, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Druck seitens der Eltern gab es nie, sagt Buntz im Interview mit EURACTIV am Rande einerAgrarkonferenz in Berlin am 04. Juni.

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Immer mehr Menschen verlassen den ländlichen Raum. Dort stehen Landwirte, einst große Arbeitgeber, zunehmend unter Druck, viele Höfe schließen. Dabei stünden EU-Mittel bereit, um sie zu unterstützen.

Um zu lernen, eine höhere Wertschöpfung für ihre Produkte zu erzielen, studierte sie Agrarmarketing und -management. Noch während des Studiums entschied sie sich, die Schweinezucht aufzugeben und den Hof auf biologische Bewirtschaftung umzustellen. Die junge Landwirtin setzte dabei besonderen Wert auf Nachhaltigkeit und artgerechte Tierhaltung. Und es hab einen weiteren Grund für den Wandel: „Hennen sind für Frauen leichter zu händeln als 120 Kilo schwere Schweine“, erklärt Buntz.

Derzeit wird der Hof von Mutter und Tochter geführt, in wenigen Jahren wird Buntz ihn komplett übernehmen. Diese Situation ist eine Ausnahme, nur knapp zehn Prozent aller deutschen Betriebe werden von Frauen geführt, gibt das Bundesministerium für Landwirtschaft an. 64 Prozent der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft sind männlich. Nachteile oder Diskriminierung habe sie als Frau nicht erlebt, sagt Buntz. Nur einmal habe ein Mann angehalten und sie fotografiert, als sie einen Schlepper fuhr.

Hofübernahmen sind teuer

Bei Hofübernahmen sehen sich viele junge Landwirte mit teuren Investitionen konfrontiert. Auch Buntz musste bei der Umstellung des Betriebes viel Geld in die Hand nehmen, ihr Investitionsplan ist auf 20 Jahre ausgelegt. Um junge Landwirte für die Landwirtschaft zu motivieren, steuert die EU Zuschüsse für Personen unter 35 Jahre bei. 44 Euro pro Hektar erhalten sie zusätzlich zu den regulären Direktzahlungen, fünf Jahre lang. In Deutschland macht das in diesem Jahr knapp 48 Millionen Euro aus, die an junge Bauern gehen. Was viel klingt ist dennoch nur ein Prozent der Direktzahlungen, die Deutschland aus dem GAP-Topf erhält. Daher fordert der EU-Junglandwirteverband CEJA , in der nächsten GAP-Verordnung vier Prozent der Gelder für Jungbauern zu reservieren.

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Darüber hinaus gibt es Fördergelder für Investitionen auf dem Hof, bis zu 30 Prozent können das sein. Doch die Gelder würden zu großen Teilen in Technik fließen, sagt Martin Häusling, der agrarpolische Sprecher für die Grünen/EFA im Europäischen Parlament. Man müsse die Hilfe ausbauen und vor allem Ideen fördern. „Wenn zum Beispiel ein junger Mensch eine gute Idee für ein Vermarktungskonzept hat, das der Bank zu risikobehaftet ist. Da muss die EU einspringen,“ so Häusling gegenüber EURACTIV.

Neben hohen Investitionssummen hat Buntz auch mit den vielen Vorgaben zu kämpfen, die Landwirte beachten müssen. Sie bilden ein unübersichtliches Geflecht, das es zu verstehen gilt. Düngeverordnung, länderspezifische Umweltprogramme, oder auch regional unterschiedliche Wasserschutzprogramme greifen ineinander. Und auch die obligatorische Fruchtfolgeplanung sei ein wahrer Denksport, wenn man alle gesetzlichen Vorgaben, biologische Zusammenhänge und ökonomische Aspekte beachten möchte, sagt sie.

Ein Wald aus Vorgaben und die Abhängigkeit von Subventionen

Ohnehin kritisiert Buntz ihre mangelnde Entscheidungsfreiheit: „Die Politik macht Vorgaben und wir Landwirte sind wie Marionetten und führen sie aus. Unser Handlungsspielraum wird immer weiter eingeschränkt.“ Auch die finanzielle Abhängigkeit von den Zuschüssen der GAP bereitet ihr Unwohlsein. „Es ärgert mich, dass ein Großteil unserer Einnahmen als Landwirte vom Staat kommt, ohne sie könnten wir gar nicht
existieren. Wir sind Subventionsempfänger. Warum kann ich keine Wertschätzung für meine Produkte erfahren, indem ich höhere Erlöse bekomme?“

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Lösen ließe sich das Problem nur, wenn Wertschöpfungsketten verkürzt würden, ohne dass die verarbeitende Industrie und der Einzelhandel große Teile der Einnahmen landwirtschaftlicher Produkte abgreifen. Dazu müssten die Preise steigen. Doch die Zahlungsbereitschaft von Kunden, für nachhaltig und biologisch hergestellte Produkte zu bezahlen, sei noch ausbaufähig, beklagt Buntz. Der EU-Abgeordnete Häusling hat dafür kein Verständnis: „Solange unsere Gesellschaft bereit ist, 30 Prozent unserer Lebensmittel wegzuschmeißen, sind die paar Cent mehr kein valides Argument.“

Auch wenn Buntz die betriebliche Abhängigkeit von staatlichen
Geldern nicht mag – angesichts von Supermarkt-Discountern, die sich gegenseitig im Preis-Dumping unterbieten, seien die Landwirte weiterhin darauf angewiesen. Sie verweißt auf einen Vorredner auf der Konferenz, der das Beispiel der Autoindustrie genannt hat. „Das ist ein gutes Beispiel. Im Autohandel geht es doch auch nicht darum, wer das billigste Auto hat. Warum dann ausgerechnet bei Lebensmitteln?“

Johanna Buntz mit ihren Bio-Hühnern. [© Johanna Buntz]

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