Weicht das UK von den EU-Regelungen zur Genom-Editierung ab?

Der britische Umweltminister George Eustice. [EPA-EFE]

Als einer der ersten Schritte nach dem Brexit hat das Vereinigte Königreich eine Konsultation zum Thema Gen-Editierung eingeleitet. Ziel sei es, „erhebliche Vorteile“ für die nationale Branche und die Umwelt zu erzielen. Der Schritt könnte das Land allerdings in einen Konflikt mit der EU bringen. 

Die Konsultation, die der britische Umweltminister George Eustice am vergangenen Mittwoch auf der Oxford Farming Conference ankündigte, wird sich darauf konzentrieren, zu verhindern, dass Gen-editierte (GE) Organismen auf die gleiche Weise reguliert werden wie gentechnisch veränderte (GV) Pflanzen. Dies geht aus einer Erklärung der britischen Regierung hervor.

Dies könnte zu einer signifikanten Abweichung von der EU-Position in dieser Angelegenheit führen und würde das Vereinigte Königreich stattdessen mit anderen Ländern wie Japan, Australien und Argentinien gleichziehen lassen, die alle einen ähnlichen Ansatz für gentechnisch veränderte Pflanzen gewählt haben.

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) entschied bereits 2018, dass gentechnisch veränderte Organismen grundsätzlich in den Geltungsbereich der GVO-Richtlinie der EU fallen. Während dies von Umweltaktivisten gelobt wurde, ist das Urteil von der Agrar- und Lebensmittelindustrie unter Beschuss geraten.

Abhängig vom Ergebnis des ersten Teils des Konsultationsprozesses wird das britische Ministerium für Umwelt, Ernährung und ländliche Angelegenheiten (DEFRA) möglicherweise eine Änderung der aktuellen Gesetzgebung anstreben, um die Definition eines gentechnisch veränderten Organismus (GVO), wie sie bisher im UK gilt, zu ändern.

„Dies würde bedeuten, dass diese Gesetzgebung nicht für Organismen gilt, die durch Gen-Editierung und andere genetische Technologien hergestellt wurden, wenn sie mit traditionellen Züchtungsmethoden hätten entwickelt werden können“, heißt es auf der entsprechenden DEFRA-Website.

EFSA: Aktuelle Regelungen zu Genom-Editierung ausreichend

Die Genom-Editierung birgt im Vergleich zu konventionellen Zucht- oder anderen genetischen Modifikationsmethoden keine zusätzlichen Gefahren, was bedeutet, dass die bestehenden Leitlinien für ihre Bewertung angemessen sind, so die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA).

„Die Genom-Editierung hat das Potenzial, die genetischen Ressourcen, die Mutter Natur zur Verfügung gestellt hat, zu nutzen, um die Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen,“ sagte Eustice und nannte das EuGH-Urteil von 2018 „fehlerhaft und regelrecht erstickend für den wissenschaftlichen Fortschritt.“

Das Vereinigte Königreich sei seiner Ansicht nach nun „frei, kohärente politische Entscheidungen auf der Grundlage von Wissenschaft und tatsächlichen Beweisen zu treffen“, behauptete er. Dies gehe man mit der nun geplanten Konsultation an.

Tom Bradshaw, Vizepräsident der britischen National Farmers Union (NFU), kommentierte ebenfalls, neue Präzisionszüchtungstechniken wie die Gen-Editierung hätten das Potenzial, der britischen Landwirtschaft und der Umwelt enorme Vorteile zu bieten. Diese könnten daher „absolut entscheidend sein, um uns zu helfen, unser Netto-Null-Ziel für den Klimawandel zu erreichen“.

„Wir wissen, dass Gen-Editierung für sich genommen kein Allheilmittel ist, aber es könnte ein sehr wichtiges Werkzeug sein, das uns hilft, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern,“ fügte er hinzu.

David Baulcombe, Professor für Botanik in der Abteilung für Pflanzenwissenschaften an der Universität Cambridge, fügte hinzu, dass die Konsultation auch der Beginn eines längerfristigen Projekts sein wird, um Beweise für die Aktualisierung der britischen Herangehensweise an die genetische Veränderung zu sammeln. Man wolle Informationen darüber sammeln, welche Kontrollen notwendig sind und wie sie am besten umgesetzt werden können.

„Wir wollen, dass unsere politischen Regelungen mit der aktuellen Wissenschaft und den Erkenntnissen aus 30 Jahren bestehender Regulierung übereinstimmen“, betonte er.

Patrick Holden, CEO des UK Sustainable Food Trust, warnte hingegen, dass Gen-Editierung den Genpool weiter einengen und die Lebensmittel- und Landwirtschaftssysteme intensivieren werde.

Während Gen-Editierung, wie auch andere Technologien, „zum Guten oder zum Schlechten“ eingesetzt werden könnte, warnte Holden, dass „die Genom-Editierung wahrscheinlich so eingesetzt wird, dass sie die verheerende Verengung des Genpools weiter beschleunigt, die ein Merkmal der Nachkriegslandwirtschaft ist – nicht nur in Großbritannien, sondern auf der ganzen Welt.“

Britisches Gesetz zu Gen-Editierung zurückgezogen, aber nicht komplett vom Tisch

Ein im neuen britischen Landwirtschaftsgesetz eingebrachter Änderungsantrag, der den Zugang zu neuer Gentechnik ermöglichen sollte, wurde zurückgezogen. In Westminster deutete man allerdings an, dass die Technologie wohl weiterhin unterstützt werden könnte.

Die mögliche Abweichung von den EU-Vorschriften in dieser Angelegenheit hat derweil auch Bedenken über die Zukunft der Handelsbeziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU im Bereich der Agrarerzeugnisse geweckt.

Pekka Pesonen, Generalsekretär des EU-Bauernverbands COPA-COGECA, warnte zuvor, dass ein solcher Schritt „verheerend für die Handelsbeziehungen“ wäre. Er befürchte, dass es ohne gleiche Wettbewerbsbedingungen auf beiden Seiten des Kanals „keine Möglichkeit gäbe, dies sinnvoll zu regeln“.

Ebenso unklar ist indes, ob die Verbraucherinnen und Verbraucher überhaupt Interesse an (und Appetit auf) gentechnisch veränderte Lebensmittel haben. James Bailey, Geschäftsführer des Supermarktes Waitrose, warnte kürzlich auf einer Pressekonferenz, die Kundinnen und Kunden stünden der Genmanipulation eher skeptisch bis negativ gegenüber. Sie wollten nun einmal wissen, „woher ihr Essen kommt und wie es produziert wird“.

„Wenn unsere Kunden das Essen nicht kaufen, macht das ganze keinen Sinn,“ fasste er griffig zusammen.

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA im Europäischen Parlament, hatte zuvor gegenüber EURACTIV.com erklärt, dass „Verbraucherstudien immer wieder gezeigt haben, dass die Verbraucher keine gentechnisch veränderten Lebensmittel und Futtermittel wollen“.

Er ist sich dementsprechend sicher: „Das Vereinigte Königreich wird mit seinen genmanipulierten Produkten einen großen Markt verlieren.“ Häusling erinnerte weiter, gerade die EU-Erzeugnisse hätten „einen sehr guten internationalen Ruf – unter anderem, weil sie gentechnikfrei sind“.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic]

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