Wegweisendes Urteil über Kükentöten erwartet

Rund 45 bis 50 Millionen männliche Küken werden jährlich in Deutschland getötet, weil sie auf dem Markt als unrentabel gelten. [Malgorzata Surawska/ Shutterstock]

Das Bundesverwaltungsgericht verhandelt diese Woche darüber, ob das Töten Millionen männlicher Küken weiterhin erlaubt wird. Sollten die Richter die Praxis verbieten, könnten die Eier knapp werden, mahnt die Geflügelwirtschaft.

Rund 45 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr alleine in Deutschland vergast oder geschreddert, weil sie keine Eier legen. Am Donnerstag wird das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig endgültig darüber entscheiden, ob die Praxis rechtens ist, oder verboten wird. Grundlage ist ein Urteil des Oberverwaltungsgericht Münster von 2016, das die Tötung der Jungtiere aus wirtschaftlichen Gründen rechtfertigte. Die Aufzucht der männlichen Küken bedeute für die Brütereien einen „unverhältnismäßigen Aufwand“, der den Tierschutz übersteige, fand das Gericht damals.

Das Schreddern von Küken sollte schon unter der letzten Regierung beendet werden, Ende 2017 sollte Schluss sein. Ein Verbot hat es allerdings nie gegeben, stattdessen hat das Bundeslandwirtschaftsministerium nach eigenen Angaben rund 6,5 Millionen Euro in die Entwicklung von Verfahren investiert, die das Geschlecht eines Kükens bestimmen sollen, wenn es noch ein Embryo ist. Die aktuelle Regierung hat sich sogar in den Koalitionsvertrag darauf festlegt, das Töten von Eintagsküken bis zur Mitte der Legislaturperiode zu beenden.

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Verfahren zur Geschlechtererkennung nicht serienreif

Im November konnte Landwirtschafsministerin Julia Klöckner einen Erfolg vorweisen: Zusammen mit Forschern der REWE Group und der Universität Dresden stellte sie ein sogenanntes endokrinisches Verfahren zur Geschlechterbestimmung vor. „Seleggt“ heißt der Prozess, bei dem nach etwa neun Bruttagen ein winziges Loch in die Schale des Eis gebrannt und etwas Flüssigkeit entnommen wird, anhand derer sich mit 98 prozentiger Sicherheit das Geschlecht eines Kükens bestimmen lässt. Und das Verfahren wird bereits angewendet. In 223 Läden der Supermarktkette in der Region Berlin sind die Eier von Hennen erhältlich, die das Seleggt-Verfahren durchlaufen lassen. Ihre Brüder sind nie zur Welt gekommen, die Eier werden zu Tierfutter verarbeitet, statt ausgebrütet zu werden. Ab 2020, so das Versprechen, soll die Technik  bundesweit zum Einsatz kommen. Eine Blockchain-Technologie soll dabei die lückenlose Rückverfolgbarkeit der Eier sicher.

Dass solche Verfahren die Zukunft sind, steht für Florian Anthes fest. „Die Frage ist nicht, ob sich die Technologien zur Geschlechterbestimmung auf dem Markt etablieren werden – sondern wann“, sagt der Sprecher des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft zu EURACTIV. Bisher gibt es aber noch Probleme mit der Technologie, denn die Maschinen sind teuer und noch deutlich zu langsam, um die Anzahl an Eiern zu überprüfen, die der Markt fordert. Um ihre Erfindung serienreif zu machen und die Maschinen an Geflügelbetriebe bundesweit verkaufen zu können, arbeitet Rewe an einem Geschäftsmodell für das Seleggt-Verfahren. Eine dauerhafte Lösung wird auch das aber nicht sein, gibt der Rewe-Konzern an. Die Geschlechtserkennung sollte längerfrsitig nur eine Brückentechnologie sein, bis Alternativen gefunden werden.

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Was tun mit dem Hahn?

Eine davon ist die Bruderhahn-Initiative. Dabei finanzieren die Legehennen die Aufzucht ihrer Brüder mit, indem die Eier sich um einige Cent verteuern. Doch bis die Hähne schlachtreif sind, dauert es deutlich länger als bei Masthähnen, außerdem setzen sie deutlich weniger Fleisch an. Das komme weniger gut auf dem Markt an, so Verbandssprecher Anthes: „Für viele Betriebe lohn sich das finanziell nicht, denn die Fleischmenge eines Bruderhahns reicht nicht für viel mehr als ein Brustfilet.“

Alternative zwei, auf die auch Rewe setzt, ist das Zweitnutzungshuhn. Diese Tiere werden sowohl zur Eier- als auch zu Fleischerzeugung gehalten. Allerdings versuchen Forscher noch immer, die Züchtung zu optimieren. Denn viel Muskelmasse und eine hohe Eierrate schließen sich eigentlich beim Huhn aus. Dementsprechend ist die Legeleistung der Hennen und die Fleischproduktion der männlichen Zweinutzungshühner geringer als bei den hochspezialisierten Hybridtieren. Auch das Zweitnutzungshuhn ist damit auf dem Markt weniger rentabel.

Abwanderung ins Ausland

Sollte das Bundesverwaltungsgericht am Donnerstag das Töten von Küken verbieten, würde das tiefgehende Folgen für die Geflügelwirtschaft haben. Es könnte sogar zu einer Verknappung von Eiern kommen, meint Anthes. Viele Brütereien, die damit konfrontiert wären, die männlichen Küken dann ausbrüten zu müssen, würden infolgedessen gar keine Eier mehr ausbrüten. „Es besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass viele Brütereien dann ins Ausland abwandern würden, weil sie in Deutschland nicht mehr arbeiten könnten“. Wenn dann entsprechend mehr Küken in den Nachbarländern getötet würden, um nach Deutschland importiert zu werden, wäre dem Tierwohl damit auch nicht geholfen.

Der Deutsche Geflügelverband erklärt in einer Pressemitteilung, man begrüße jegliche Technologie zur Beendung des Kükentötens. Doch solange diese noch nicht marktreif sind, hoffe man auf eine Absage des Gerichts zu den Forderungen der Tierschützer.

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