Weg vom Land: Die GAP und die Landflucht

Immer mehr kleine Höfe schließen, da sie nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Das belastet strukturschwache Regionen. [Urban explorer/ Shutterstock]

This article is part of our special report Nachwuchs und Frauen für die EU-Landwirtschaft.

Kleine, landwirtschaftliche Betriebe können sich kaum noch halten. Es mangelt an jungen Farmern, die bestehende Höfe übernehmen, viele ziehen stattdessen in die Städte. Der Strukturwandel in ländlichen Regionen ist ein massives Problem, das bei der Reform der GAP vernachlässigt werden könnte.

Vom „Höfesterben“ liest man häufig in den Medien, auf Wikipedia hat das Phänomen einen eigenen Artikel. In fast allen EU-Mitgliedsstaaten wird die Schließung kleinerer Bauernhöfe zunehmend zum Problem. Auch der diese Woche von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebene „Agrar-Atlas“ lässt die Alarmglocken läuten und fordert die Abschaffung eines europäischen Landwirtschaftssytems, von dem derzeit vor allem große Höfe profitieren.

Beim Höfesterben geht es nicht nur um nachhaltige Landwirtschaft, sondern auch um Arbeitsplätze. Kleinere Farmbetriebe beschäftigen proportional deutlich mehr Angestellte. Besonders bemerkbar macht sich das in bereits wirtschaftsschwachen, ländlichen Regionen, aus denen Menschen aufgrund fehlender Arbeit wegziehen. Kathrin Muus, Bundesvorsitzende der Deutschen Landjugend, kann davon aus eigener Erfahrung berichten: „In einigen Regionen, zum Beispiel in meiner Heimat Schleswig-Holstein, ist das Arbeitsangebot sehr begrenzt. Oft haben die Leute keine Wahl als wegzuziehen. Und die Ansiedlung neuer Betriebe ist schwierig wenn es an Infrastruktur wie Breitband, Kitas oder Schulen mangelt.“

Das Höfesterben ist nicht alleine Schuld an der teils dramatischen Verwaisung ländlicher Regionen. Doch die Landwirtschaft ist ein wichtiger Faktor, der das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben im ländlichen Raum mitträgt.

Brauchen Kleinbauern eigene Rechte – und wenn ja, welche?

Es ist eine heikle Frage, mit der sich der UN-Menschenrechtsrat seit Jahren beschäftigt: Haben und brauchen Bauern weltweit andere Rechte als der Rest der Menschheit? In Genf wurde nun über eine Regelung beraten.

„Wenn von Arbeitsplatzverlusten gesprochen wird, denken die meisten an die Industrie oder den Dienstleistungssektor. Der Primärsektor wird gern übersehen. Man bekommt den Eindruck, als ob Arbeitsplatzverluste in der Landwirtschaft weniger signifikant und wertvoll wären“, so Hubert Weiger, Vorsitzender des deutschen Naturschutzbundes gegenüber EURACTIV.

Die Gründe, warum kleinere Betriebe ihre Tore schließen, sind vielfältig. Oft liegt es am Generationswechsel, denn immer weniger junge Menschen können oder wollen den familiengeführten Hof übernehmen. „Viele junge Leute entscheiden sich gegen die Landwirtschaft, da der Beruf Ungewissheit bringt. Die Rahmenbedingungen ändern sich andauernd, die Arbeitszeiten sind lang, es gibt kein festes Einkommen“, meint Landjugendvorsitzende Muus. Die Neugründung eines Betriebes ist teuer, oft mangelt es an finanzieller Starthilfe. Und die Grundstückspreise in der EU steigen – in Bulgarien etwa wuchsen die Preise für Land zwischen 2006 und 2012 um 175 Prozent. Dazu kommt ein Preiswettbewerb der so unerbittlicher ist, dass sich das Geschäft für viele Landwirte nicht lohnt.

Wie dramatisch das Problem ist, zeigt eine Antwort des Bundeslandwirtschaftsministerium auf eine kleine Anfrage der Grünen vom September: demnach sind seit 1999 rund 42 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland geschlossen worden. Die Zahl der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft sank um ein Drittel. Denn es sind vor allem flächenmäßig große Höfe, die Gelder aus der europäischen Argarpolitik (GAP) erhalten. Im Jahr 2013 wurden mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen in der Europäischen Union von nur 3,1 Prozent der Betriebe genutzt.

Rechnungshof kritisiert GAP-Reformpläne

Die EU-Rechnungsprüfer übendeutliche Kritik an den GAP-Reformplänen. Die Vorschläge der Kommission würden dem Anspruch eines „umweltfreundlicheren und stärker leistungsgestützten“ Ansatzes nicht gerecht.

Nur wenig Geld aus dem großen Topf fließt in die regionale Förderung 

Um dieser Entwicklung entgegenzutreten, soll die zweite Säule der GAP – neben dem Umweltschutz – der Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben und der Förderung von ländlichen Regionen dienen. Über 14 Milliarden Euro sind dafür jährlich im ELER (Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums) vorgesehen. Theoretisch können Landwirte durch den kommunal mitfinanzierten Fonds Mittel für Fortbildungen, betriebliche Umbauten oder Investitionsförderung erhalten.

Doch die Mitgliedsstaaten haben Freiräume, um ihre eigenen Förderschwerpunkte festzulegen. Schon bei der letzten GAP-Reform 2013 wurden zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt, um vor allem kleine Betriebe unterstützen. Doch viele Regierungen zahlten diese Mittel gar nicht aus, gibt die Heinrich-Böll-Stiftung an. Deutschland könnte so jährlich bis zu 30 Prozent der nationalen Direktzahlungen kleineren Betrieben zukommen lassen. Doch es sind laut Agrar-Atlas lediglich 7 Prozent, die diesem Zweck zugeordnet werden. Insgesamt werden von den 1,35 Milliarden Euro, welche die Bundesrepublik jährlich aus dem ELER erhält, etwa 16 Prozent der Gelder für die ländliche Entwicklung verwendet, so das Bundeslandwirtschaftsministerium. In der neuen GAP soll die Förderung von jungen Landwirten und nachhaltigen Betriebsmodellen verstärkt werden, gleichzeitig schlug die Kommission Kürzungen in der zweiten Säule vor. Bis zu 27 Prozent des Budgets könnten damit wegfallen.

GAP nach 2020: "Die EU lässt den Mitgliedsstaaten zu viel Spielraum"

Die Gemeinsame Agrarpolitik der EU soll im nächsten Finanzrahmen mit 365 Milliarden Euro gefördert werden. Aber wo genau soll das Geld hineinfließen, was ist nachhaltig? Ein Gespräch mit dem Landwirtschaftsminister von Baden-Württemberg.

Für den Vorsitzenden des BUND liegt bereits jetzt ein strukturelles Problem in der Förderung durch die zweite Säule vor. Viele Regionen scheitern bereits an der geforderten Ko-Finanzierung. „Einige Bundesländer tun sich damit schwer, Kommunen in Sachsen oder Brandenburg haben Probleme, die erforderlichen Mittel aufzubringen“, so Weiger. Um die ländlichen Räume zu revitalisieren brauche es daher die Solidarität der Gesellschaft und besser koordinierte Förderprogramme, speziell auch für kleine, landwirtschaftliche Betriebe. „Bisher fördern die EU, die Ministerium und die Länder alle nebeneinander her“.

Die nötigen Gelder und Instrumente zur Unterstützung der ländlicher Räume und ihrer Landwirte sind in der GAP vorhanden. Die Kommission zeigt den Willen, von einer Förderung auf Basis von Flächenprämien abzurücken. So sollen in der neuen GAP 15 Prozent der Gelder flexibel zwischen den Säulen verschoben werden. Ob sie am Ende zur Förderung ländlicher Räume und kleiner Betriebe verwendet werden, ist die Entscheidung der Mitgliedsstaaten.

Hintergrund

Bundeslandwirtschaftsministerium

Heinrich-Böll-Stiftung, CC BY 4.0

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