Weg aus der Krise? Griechenlands Landwirtschaft digitalisiert sich

Die griechische Landwirtschaft soll modernisiert und digitalisiert werden. [Shutterstock]

In dem Bestreben, die Austeritäts-Ära hinter sich zu lassen und die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, stellt die griechische Regierung in Kürze ihre nationale Strategie zur Digitalisierung des Agrarsektors vor.

Nach dem Ausstieg aus dem achtjährigen Bailoutprogramm im August sucht die linksgerichtete Syriza-Regierung nach Möglichkeiten, die Wirtschaft zu stabilisieren und ihr einen nachhaltigen Wachstumsschub zu geben.

Eine kürzlich von der griechischen Nationalbank durchgeführte Studie ergab, dass eine Verbesserung der Standardisierung und der Geschäftstätigkeit im Agrar- und Lebensmittelsektor zusätzliche wirtschaftliche Gewinne in Höhe von 12,2 Milliarden Euro bringen würden. Darüber hinaus könnten bis zu 200.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden.

Das Projekt „Digitale Transformation der griechischen Landwirtschaft“ zielt daher darauf ab, die erste landesweite Infrastruktur für die Digitallandwirtschaft in Europa aufzubauen. Es wird vom Ministerium für Digitalpolitik, Telekommunikation und Medien in Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsministerium entwickelt. Grundlage für das Projekt ist die Präzisionslandwirtschaft.

Agrarindustrie fordert: Mehr Digitalisierung in der Landwirtschaft

Wenn es um Präzisionslandwirtschaft geht, traut sich die EU-Kommission in ihren Vorschlägen für die GAP nach 2020 nicht genug, meinen Vertreter der Agrarindustrie.

Nach dem neuen Modell der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) für die Zeit nach 2020 müssen die EU-Mitgliedstaaten ihre eigenen nationalen Strategien entwickeln. Damit soll die Landwirtschaftspolitik besser an die unterschiedlichen Bedürfnisse angepasst werden.

EU-Agrarkommissar Phil Hogan hatte kürzlich gegenüber EURACTIV Rumänien betont, demnächst seien die Mitgliedstaaten – und nicht mehr die Europäische Kommission – für die Unterstützung und Finanzierung von Innovationen sowie der Digitalisierung der Landwirtschaft zuständig.

Eine staatliche Digitalplattform für die Landwirtschaft

„Die digitale Transformation des Agrarsektors ist ein Pfad, an dem wir alle gemeinsam arbeiten müssen: der Staat, die Wissenschaft, Unternehmen in ländlichen Gebieten, Genossenschaften, landwirtschaftliche Berater und vor allem natürlich die Landwirte, jung und alt. Damit können wir landwirtschaftliche Wachstumsaussichten für die Zeit nach 2020 schaffen,“ erklärte Stelios Rallis, Generalsekretär im Ministerium für Digtalpolitik, gegenüber EURACTIV.

Das Internet der Dinge sowie die Weltraum- und Big-Data-Technologien werden im Mittelpunkt der Strategie stehen, unterstrich Rallis auf einer Konferenz in Athen, die von Gaia Epixeirein, einer Gruppe, die Landwirte, den IT- und Bankensektor zusammenbringt, organisiert wurde.

Weiter erklärte der Staatssekretär, die auf der Plattform erhobenen landwirtschaftlichen Daten blieben Eigentum des griechischen Staates und würden somit allen Beteiligten offen stehen: „Neben den Landwirten wird der Zugang zur Plattform und den Daten auch über Forschungs- und Wissenschaftszentren möglich sein. Auf diese Weise wird die Plattform die Grundlage für die Förderung von Innovationen und die Entwicklung neuer Anwendungen und Software in Bereichen wie Lebensmittelindustrie und Umwelt.“

Stelios Rallis während seiner Rede auf der Konferenz in Athen.

Das Projekt soll zunächst die Hälfte der Ackerfläche Griechenlands, etwa 15 Millionen Hektar Land, sowie 20 der am meisten exportierten Landwirtschaftsprodukte des Landes abdecken. Dazu zählen unter anderem Baumwolle, Getreide, Reis, Oliven, Wein und Zitrusfrüchte.

Auf der Plattform sollen Daten von bestehenden meteorologischen Stationen des nationalen Wetterdienstes, den Erdbeobachtungssatellitensystemen des europäischen Kopernikus-Programms sowie von den geplanten 6.500 Bodenstationen gesammelt werden. Diese Bodenstationen werden in drei Phasen in den 13 Regionen des Landes aufgebaut.

Rallis erläuterte: „Mit Hilfe von 6.500 Bodenstationen sowie von Datenerfassungs- und Mobilfunknetzen werden für die Landwirtschaft wichtige Daten übertragen – wie Temperatur, Luft, Bodenverhältnisse und Wasser. Diese Informationen werden gesammelt und auf der Plattform bereitgestellt.“

Die Daten würden dann in einer Cloud klassifiziert. Somit könnten auch maßgeschneiderte Dienstleistungen angeboten werden, die den Bedürfnissen der einzelnen Erzeuger entsprechen, so der griechische Beamte weiter. „Die Landwirte werden per SMS – sie brauchen also nicht unbedingt ein Smartphone – vor extremen Wetterereignissen gewarnt. Und im zweiten Nutzungsjahr können sie personalisierte Informationen über die notwendige Bewässerung, Düngung und Pflanzenschutz erhalten.“

Darüber hinaus sollen die Bauern auch Zugang zu elektronischen Anwendungen haben, die es ihnen ermöglichen, Pflanzen-Daten zu digitalisieren. Dadurch wüssten sie beispielsweise, wann und wie viel Wasser verbraucht wurde, sowie die Zeitpunkte und die Menge von Niederschlägen.

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Auch die Wissenschaft soll in die Digitalisierungsbemühungen einbezogen werden. So hat das Ministerium für Digitalpolitik eine Absichtserklärung mit der Landwirtschaftlichen Universität Athen unterzeichnet. Darin wird festgelegt, dass die Universität sich in Zukunft vor allem auf die Ausbildung von Agronomen in neuen Technologien und insbesondere in landwirtschaftlichen Datenerhebungs- und Verarbeitungsplattformen konzentrieren soll.

Unterstützung aus Brüssel

Die EU-Kommission scheint mit dem Plan der griechischen Regierung zufrieden zu sein. In Brüssel wurde der Ansatz bereits als „Win-Win“-Situation bezeichnet.

„Die Digitalisierung der Landwirtschaft und die Präzisionslandwirtschaft bergen enormes Potenzial zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und der ökologischen Nachhaltigkeit der europäischen Agrarproduktion und damit zur Schaffung von Mehrwert und Arbeitsplätzen im Agrar- und Ernährungssektor,“ erklärte auch Landwirtschaftskommissar Phil Hogan gegenüber EURACTIV.

„Die Entscheidung der griechischen Regierung, diese Möglichkeiten zu nutzen, ist sehr spannend. Ich begrüße insbesondere die Zusammenarbeit von Ministerien, Hochschulen und Landwirten in einem gemeinsamen Ansatz, der nur ein Win-Win-Ergebnis für alle Beteiligten bringen kann,“ fügte Hogan hinzu.

Der EU-Landwirtschaftsverband Copa-Cogeca erklärte auf Nachfrage von EURACTIV ebenfalls, man unterstütze alle Initiativen, die darauf abzielen, eine „Ausgangsbasis“ für die digitale Landwirtschaft zu schaffen. Diese Basis müsse allen Landwirten die Möglichkeit geben, aus den bestehenden sowie zukünftigen Präzisionstechnologien und -techniken diejenigen auszuwählen, die ihrem eigenen Geschäftsmodell am besten entsprechen.

„Die von der griechischen Regierung in Betracht gezogene Strategie steht im Einklang mit unserem allgemeinen Ansatz auf EU-Ebene, wo Copa-Cogeca sich für eine umfassendere EU-Strategie für die digitale Landwirtschaft eingesetzt hat. Diese Strategie sollte alle relevanten EU-Politiken zusammenfassen und die Landwirte in den Mittelpunkt aller Entscheidungen in Bezug auf Präzisionslandwirtschaft stellen,“ teilte Copa-Cogeca in einem E-Mail-Statement mit.

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