Vom Feld in die Stadt – Direktliefungen als tragbares Geschäftsmodell?

Wenn der Landwirt direkt nach Hause liefert, haben beide Seiten mehr davon. Doch kleinen Betrieben fehlen dazu die Kapazitäten. [HQuality/ Shutterstock]

Die meisten Landwirte verkaufen ihre Produkte an große Lebensmittelunternehmen. So verlieren sie große Teile ihres Einkommens an lange Lieferketten. Doch vereinzelte Landwirte schaffen es, direkt an den Kunden zu liefern. Ist das Modell tragbar?

Etwa eineinhalb Stunden dauert es von Berlin aus, bis man das kleine Dorf Brodowin in Brandenburg erreicht. Gerade einmal 400 Menschen leben hier, dennoch kommen Menschen für Wochenendausflüge aus der Hauptstadt, um den örtlichen Bauernhof zu besichtigen. Sie kennen ihn, denn die Brodowin-Produkte liegen auch in den Supermärkten der Großstadt aus. Sie schauen sich vor Ort die hofeigene Molkerei und die Ställe an, in denen 240 Kühe die Bio-Milch liefern, aus denen der Brodowin-Käse gemacht wird. Der Betrieb, in dem rund 110 Menschen angestellt sind, vertreibt aber auch ein eigenes Fleisch, Eier, Gemüse und Honig.

Der Bauernhof liefert nicht nur an Berliner Supermärkte, sondern auch direkt an Kunden. 2000 Haushalte bestellen pro Woche Körbe mit saisonalen und regionalen Produkten, die ihnen individuell zusammengestellt und an die Haustür gebracht werden. Damit erhält der Betrieb die vollen Einnahmen seiner Produkte, ohne Einzelhandel. Das lohnt sich, auch wenn für das strenge „Demeter“ Biosiegel Abgaben gezahlt werden müssen, meint Franziska Rutscher, die in Brodowin für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. „Unsere Kunden sind bereit, für Bioprodukte mehr zu zahlen. Damit bleiben wir konkurrenzfähig zu konventionellen Höfen“. Und sie ist sicher, dass in Zukunft auch immer mehr große Betriebe auf den Bio-Zug aufspringen werden.

Konzepte wie am Hof Brodowin, wo landwirtschaftliche Erzeugnisse direkt ihren Weg zum Verbraucher finden, bleiben allerdings die Ausnahme. Die allermeisten Landwirte befinden sich am Ende einer langen Wertschöpfungskette ihrer Grundprodukte, von deren Erlös sie meist nur Bruchteile erhalten. Im Durchschnitt erhalten Bauern in der EU nur 21 Prozent des Geldes, das der Kunde für seine Produkte zahlt. Am Rest verdienen die Mittelmänner, das sind im Schnitt 28 Prozent für den Verarbeiter und 51 Prozent für den Einzelhandel.

Aber es geht nicht nur um den Erlös. Der Mangel an alternativen Absatzmöglichkeiten bedeutet für die Landwirte eine starke Abhängigkeit von den großen Lebensmittelketten, die sie beliefern. Damit haben sie als Erzeuger eine ausgesprochen schwache Verhandlungsposition in der Ernährungsindustrie, welche Marktdynamiken auf ihrem Rücken austrägt. Es ist deshalb nicht selten, dass Preise gedrückt, Bestellungen kurzfristig storniert oder Waren einfach zurückgeschickt werden. Für den einzelnen Landwirt kann das eine finanzielle Katastrophe bedeuten.

Um die vier Millionen Liter Milch produziert der Hof Brodowin im Jahr. [Foto: Claudia Schmidt]

 

So kann es nicht weitergehen, meinen viele Verbraucher und Landwirte. Neben dem klassischen Wochenmarkt bilden sich daher immer mehr solidarische Zusammenschlüsse, die Zwischenhändler umgehen. In Deutschland existieren rund 190 sogenannten „Solidarische Landwirtschaftsbetriebe“, bei denen Verbraucher sich zusammenschließen, um Farmern eine Abnahmegarantie für ihre Produkte und manchmal auch ein Darlehen zu geben. Im Gegenzug können sie bei der Produktion der Erzeugnisse mitbestimmen. Direkte Lieferketten sind im Trend, Verbraucher werden sich der Bedeutung nachhaltiger, umweltfreundlicher und fairer Landwirtschaft immer bewusster. Denn wenn ein Produkt den Weg direkt vom Bauern zum Kunden findet, spart es Zeit, Verpackungsmaterial und Emissionen.

Kleine Betriebe können sich kein eigenes Liefersystem leisten

Die Realität sieht zu großen Teilen aber anders aus. 2015 betrug der Anteil direkt vermarkteter Lebensmittel gerade einmal fünf Prozent des Gesamtwertes landwirtschaftlicher Erzeugnisse, so eine Studie der Agrarmarkt Informationsgesellschaft. Im deutschen Lebensmittelhandel, der vorletztes Jahr 255 Milliarden Euro Umsatz machte, vereinen die vier größten Lebensmittelunternehmen Edeka, die Schwarz-Gruppe, Rewe und Aldi weiterhin deutlich mehr als die Hälfte des Marktanteils unter sich.

Um die europäischen Landwirte gegenüber solchen Großhändlern zu stärken, sieht die derzeitige GAP erstmals Konzepte zur Unterstützung kurzer Lieferketten vor. Landwirte können sich entsprechende Maßnahmen durch den Europäischen Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) kofinanzieren lassen.

Die Frage ist, ob das ausreicht. Denn Konzepte wie in Brodowin funktionieren vor allem regional und stellen keine Lösung für den steigenden Nahrungsmittelbedarf dar, meinen Kritiker. Ohnehin ist ein eigenes Liefersystem gerade für kleinere Höfe schwer umzusetzen. Es fehlt an Geld, Personal, logistischen Kapazitäten und Werbemöglichkeiten. Auch in Brodowin, erklärt Franziska Rutscher, war der Anfang schwer. „Die Besitzer haben jahrelang in den Hof investiert, bis er irgendwann schwarze Zahlen schrieb. Unser Lieferservice lief anfangs in ganz kleinem Maßstab und per Zettel oder Telefon.“

Ein Lieferfahrzeug des Ökodorfs Brodowin. [Foto: Ökodorf Brodowin]

 

EU-Richtlinie soll die Rechte der Landwirte stärken

Letzte Woche erst verabschiedete das EU-Parlament einen Gesetzesentwurf, der die Rechte von Landwirten in der Wertschöpfungskette schützen soll. Eine zentrale Behörde soll in jedem Mitgliedsstaat als Anlaufstelle für Beschwerden dienen und den „Angstfaktor“ in der Lebensmittelversorgungskette abbauen, so Landwirtschaftskommissar Phil Hogan. Am Centrum für Europäische Politik (cep) ist man vom Entwurf nicht angetan, denn unter anderem sollen Zusammenschlüsse von Einzel- und Großhandel zu Einkaufsgemeinschaften untersagt werden. „Das greift zu massiv in die Vertragsfreiheit des Handels ein“, heißt es am cep. Um unlautere Handelspraktiken gegen Landwirte zu vermeiden, sollten die wettbewerbsrechtlichen Regeln stattdessen effektiver kontrolliert werden.

Bis die neue EU-Richtlinie in nationales Recht übergeht, dürften noch Jahre vergehen. Und selbst dann werden die allermeisten Landwirte auf die Vermarktung ihrer Produkte durch den Einzelhandel angewiesen sein. Im kleinen Brodowin kann man es sich dagegen erlauben, auch mal am Bedarf vorbeizuproduzieren. Dazu ist die Produktion noch klein genug. Die eigenen Produkte werden teils in der Hofküche verwertet und verkauft. Und falls einmal zu viel Käse anfällt, erklärt Franziska Rutscher, kommt der eben spontan in eine Lauchsuppe.

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