Versteckte Kosten in Deutschlands Lebensmitteln

Gesund und billig - das kostet. Was das deutsche Schnitzel im Discounter so schön preiswert macht, wird letztendlich von der Allgemeinheit bezahlt. [dpa (Archiv)]

This article is part of our special report EU-Landwirte unter Druck.

Dass die Lebensmittelpreise bei Discountern wie Lidl oder Aldi schon lange nichts mehr mit dem Wert ihrer Herstellung zu tun haben, ist nicht neu.

Im europäischen Vergleich kauft man laut Statistischen Bundesamtes nur noch in Krisenländern wie Griechenland seine Lebensmittel billiger als in Deutschland. Dafür sorgt der scharfe Wettbewerb im Einzelhandel und der wird zunehmend zum Problem für die deutsche Landwirtschaft.

Gesund, schön und billig

Die meisten Deutschen finden, wenn die Landwirtschaft gut funktioniert, dann funktioniert es auch mit der Lebensqualität im Land. Wie eine aktuelle KATAR Emnid-Studie zeigt, wird hierzulande die bäuerliche Produktionsweise von Lebensmitteln als fester Bestandteil der deutschen Kultur gesehen. Der Trend geht eindeutig zu ökologisch erzeugten Agrarprodukten. Nachhaltig soll die deutsche Landwirtschaft sein und ethisch im Umgang mit Nutztieren. Laut Studie finden vier Fünftel der Deutschen (79%), dass hierzulande mit zu viel Raubbau an Boden, Wasser und Luft produziert wird.

Minister beraten über Schwankungen der Lebensmittelpreise

Die meisten EU-Landwirtschaftsminister sind sich darin einig, dass neue Maßnahmen nötig sind, um Preisschwankungen für landwirtschaftliche Erzeugnisse zu reduzieren. Die Europäische Kommission will jegliche neue Initiative jedoch nur als Sicherheitsnetz nutzen, damit bereits unternommene Anstrengungen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit nicht geschwächt werden.

Dennoch, die höheren Preise von Bio-Produkten will oder kann der deutsche Verbraucher oft nicht bezahlen. Und so betrug der Umsatzanteil von Discountern im deutschen Lebensmitteleinzelhandel 2016 rund 159,8 Milliarden Euro. Anders ausgedrückt: Fast die Hälfte aller Deutschen griff im vergangenen Jahr zu den billigen Lebensmitteln von Aldi & Co.

Billig hat seinen Preis

Was im Portemonnaie des Einzelnen gespart wird, kostet die Gesellschaft einiges. Wie Wissenschaftler aus Augsburg im Auftrag des Aktionsbündnisses „Artgerechtes München“ herausgefunden haben, sind die versteckten Folgekosten der konventionellen Landwirtschaft, die sich nicht in den Lebensmittelpreisen der Discounter wiederfinden, enorm. Um das günstige Rindfleisch oder den billigen Frühstücksspeck zu produzieren, setzt die industrielle Landwirtschaft unter anderem auf Antibiotika und nitrathaltige Düngemittel. Vor allem Stickstoff und Phosphor wirken sich negativ auf die Qualität der deutschen Böden und Gewässer aus und die in die Luft abgesetzten Ammoniak- und Lachgasemissionen, haben Auswirkungen auf die Klimaerwärmung.

Nitrat: Gesundheitsrisiko in Deutschlands Grundwasser

Die Nitratwerte im Grundwasser sind in Deutschland vielerorts zu hoch. Umweltministerin Barbara Hendricks fordert darum „verschärfte Düngeregeln“.

Die Folgen dieser landwirtschaftlichen Erzeugung werden oft nicht sofort sichtbar. Die Kosten auch nicht. Wasserversorger müssen zum Beispiel teuer aufrüsten, um das im Trinkwasser enthaltene Nitrat wieder rauszufiltern. Diese Kosten finden sich dann nicht im Billig-Schnitzel des Discounters, sondern in der Wasserrechnung wieder. Würde man also die Kosten für Gesundheit, Ökosystem und Klima auf den Preis des Schniztels legen, dann müsste dieses laut Studie rund zehn Prozent teurer sein. Im Vergleich: Bei Bio-Fleisch wäre nur eine Steigerung um 4,1 Prozent nötig, um die externen Kosten zu decken.

„Die Preise, die Verbraucher für Lebensmittel bezahlen, spiegeln deren wahre Kosten häufig nur unzureichend wider. Denn viele, insbesondere soziale, gesundheitliche und ökologische (Folge-)Kosten der Nahrungsmittelproduktion sind in den aktuellen (Markt)Preisen nur unzureichend oder oftmals gar nicht enthalten“, fassen die Autoren zusammen.

Allein, wenn man den Nutzen des Stickstoffeinsatzes für zum Beispiel höhere Ernteerträge gegen diese Kosten aufrechnet, blieben laut Studie gut 10 Milliarden Euro Kosten, die letztendlich von der Allgemeinheit getragen werden.

Eine Aufgabe für Politik und Verbraucher 

Diese erhebliche Preis- und Marktverzerrung liegt eigentlich nicht im Sinne der deklarierten Nachhaltigkeit einer europäischen Agrarpolitik (GAP). Dennoch halten die deutschen Direktzahlungen und die europäische Marktorganisation die Lebensmittelpreise auf dem derzeit niedrigen Niveau.

Aus agrarpolitischer Sicht kein Schritt in die richtige Richtung, wie viele Umweltverbände und Vereine der bäuerliche Landwirtschaft feststellen. Vielmehr sollte es In Deutschland in den nächsten Jahren eine deutlich höhere Umschichtung der allgemeinen Direktzahlungen der EU hin zu Leistungen im Umwelt- und Tierschutz von Bauern geben. Der durch die EU-Agrarreform vorgesehene Spielraum von bis zu 15 % sei noch lange nicht ausgeschöpft.

Um umweltverträgliche Landbewirtschaftungsformen weiterzuentwickeln, finanziert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) unter anderem das von den Grünen ins Leben gerufene „Bundesprogramm Ökologischer Landbau und andere Formen nachhaltiger Landwirtschaft (BÖLN)“. Von den für 2017 für das BÖLN zur Verfügung stehenden 20 Millionen Euro sollen unter anderem Angebot und Nachfrage von ökologisch und nachhaltig erzeugten Produkten beeinflusst werden.

Dadurch den deutschen Verbraucher weg von den Billig-Lebensmitteln hin zu den Bio-Produkten mit geringeren Folgekosten zu lenken, mag  nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein sein. Notwendig ist es allemal.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.