Verseuchte Lebensmittel: Fehler im System?

Die Kontrollen für Lebensmittel in der EU sind strikt - dennoch kommt es regelmäßig zu Versäumnissen. [Mark Agnor/ Shutterstock]

Drei Menschen sind gestorben, weil bakterienverseuchte Lebensmittel einer Fleischproduktion in den Handel gelangt und europaweit verkauft worden sind. Obwohl die Behörden vom Bakterienfund wussten, wurde der Betrieb erst nach zwei Wochen geschlossen. Wo liegen die Fehler im System?

Ein erneuter Lebensmittelskandal sorgt in Deutschland für Schlagzeilen. Drei Menschen sind in Folge von Listerien-verseuchten Fleischprodukten der Firma Wilke gestorben, 37 Menschen sollen im Zusammenhang mit den Bakterien erkrankt sein. Die Produktion des Unternehmens ist derzeit gestoppt, gegen den Geschäftsführer des Wurstherstellers wurde ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung eingeleitet.

Die Lebensmittel sind weit vertrieben worden: unter 13 verschiedenen Marken sollen Lebensmittel der Firma Wilke verkauft worden sein, die Produkte wurden in 21 europäische Mitgliedsstaaten sowie in mehrere Drittstaaten weltweit verkauft. Wieder kommen Fragen auf: Wie kann es trotz angeblich guter Lebensmittelkontrollen in Deutschland und der EU immer wieder zu so großflächigen Skandalen kommen?

Nach dem was bekannt ist, hat es im Ablauf der Aufklärung eine Reihe von Verfehlungen gegeben. Schon am 12. August meldete das Robert-Koch-Institut einen Verdacht auf Listerien bei Wilke. Doch nachdem der Bericht im hessischen Umweltministerium eingegangen war, blieb er dort acht Tage lang liegen. Im August und September leitete die Behörde zwei Kontrollen in der Wurstfabrik ein, bei der zweiten galten die hygienischen Mängel als größtenteils beseitigt. Doch kurz darauf, am 02. Oktober, wurde dann doch ein Rückruf aller betroffenen Produkte eingeleitet. Eine Liste mit 1.100 Produktnamen wurde veröffentlicht. Nach Angaben des Umweltministeriums seien jetzt keine gefährlichen Produkte mehr im Handel.

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Dass die Lebensmittel dann doch aus dem Handel zurückgezogen worden wirft weitere Fragen auf. Warum wurde der Betrieb kontrolliert, als sauber befunden, die Produkte kurz darauf aber doch zurückgerufen? Eine Sprecherin des Ministeriums gibt Probleme im Ablauf zu: Es seien Fehler gemacht worden, man werde nun hausinterne Prozesse optimieren. „Das hätte nicht liegen bleiben dürfen“ so die Sprecherin.

Landkreis ist überfordert

Die Verbraucherorganisation foodwatch übt schwere Kritik. Zum einen an den zuständigen Behörden, denen seit dem 15. September der endgültige Nachweis über die Listerien-Verseuchung bekannt war, die aber nur zwei Wochen später einen Produktionsstopp einberiefen. Zum anderen gebe es Lücken im Vorsorgeprinzip. Denn die Kontrolle von Lebensmittelproduzenten ist eine Verantwortung der Landkreise – und diese kommen den vorgegebenen Kontrollen oft nicht ausreichend nach, meint Dario Sarmadi, Pressesprecher von foodwatch gegenüber EURACTIV. Bei einer Anfrage beim Landkreis Waldeck-Frankenberg, der für die Firma Wilke verantwortlich ist, kam heraus: Im Jahr 2018 veranlasste der Landkreis nur etwa halb so viele Kontrollen in seinen Lebensmittelfirmen, wie nötig gewesen wäre.

Zum anderen mangele es an einer effizienten Aufarbeitung der Produktionsketten, die heutzutage komplex und international vernetzt sind: „Zuständig für die Aufarbeitung der Produktionskette ist theoretisch der Landkreis. Aber der ist in dem Fall Wilke, wo Waren in 29 Länder verkauft wurden, offenbar überfordert. Gleichzeitig ist es natürlich auch nicht immer im Interesse des Landkreises, wenn ein Betrieb schließen muss und Arbeitsplätze verloren gehen“, so Sarmadi.

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Lücken im europäischen Lebensmittelrecht?

Eigentlich, das sagt selbst foodwatch, ist Lebensmittelüberwachung ausreichend im europäischen Lebensmittelrecht geregelt. In gefährlichen Fällen wie dem bakterienbelasteten Fleisch von Wilke greift das europäische Schnellwarnsystem RASFF, das eine Warnung an alle nationalen Behörden ausgibt. Doch bei der Rückverfolgbarkeit der Produktionskette scheitere es oft, weil Unternehmen nicht ausreichend Buch über alle Zulieferer führen und die national zuständigen Behörden die Vorgaben nicht immer ausreichend umsetzen, so die Verbraucherschützer. Außerdem mangele es an Klagerechten für Verbraucher und an strengen Regelungen, wann Behörden verbraucherrelevante Informationen veröffentlichen müssen. Die Organisation foodwatch fordert daher, in diesen Punkten in der EU-Basisverordnung für Lebensmittel nachzubessern. Diese wird derzeit überarbeitet, erst im Juni verabschiedete der EU-Rat eine neue Richtlinie, die sich allerdings vor allem auf die Transparenz von Verfahren zur Risikobewertung von Lebensmitteln bezieht.

Wohin und an wen genau die Produkte von Wilke verkauft wurden, bleibt derzeit unter Verschluss. Einen Eil-Antrag beim Verwaltungsgericht Kassel, bei dem foodwatch alle Informationen angefragt hatte, lehnte das Gericht ab. „Bis wir alle Informationen über Abnehmer und Verkaufsstellen haben, könnten daher noch Monate vergehen“, so Sarmadi.  

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