Gehört die Zukunft dem Feld auf dem Dach?

Planzeichnung des Berliner Konsortiums "Dachfarm": In Zukunft könnten landwirtschaftliche Nutzpflanzen in Glashäusern auf Dächern angebaut werden. Genügend Fläche gibt es - doch das Baurecht steht oft im Weg, [© Dachfarm Berlin]

Großstädte bieten Millionen Quadratmeter ungenutzte Dachflächen. Warum werden sie nicht zum Anbau von Lebensmitteln umfunktioniert? Das Potential scheint gewaltig, aber noch steckt das „Urban Farming“ in den Kinderschuhen.

Salat vom Dach des Supermarkts oder Tomaten von der Hochhausfassade? Was fiktiv klingt, ist in manchen Städten schon Realität, wenn auch in kleinem Maßstab. Urban Farming ist kein neues, aber ein bislang kaum ausgeschöpftes Konzept.

Dabei könnte der Anbau von Obst und Gemüse in den kommenden Jahrzehnten einen Boom erleben. Schließlich wächst die menschliche Bevölkerung rasant an und siedelt sich zunehmend in Städten an. Schon jetzt sind es über die Hälfte, bis Mitte des Jahrhunderts dürften rund 66 Prozent der Menschen in Städten leben – bei einer Weltbevölkerung von 9,7 Milliarden.

Mehr Nahrungsmittel bedeutet auch entsprechend mehr Bedarf an landwirtschaftlicher Fläche. Doch bereits jetzt nimmt diese 42 Prozent der globalen Landfläche ein. Ein anderes Problem ist der Transport der Lebensmittel. Laut des Fraunhofer Instituts sind rund zwölf Prozent der landwirtschaftlichen Emissionen allein darauf zurückzuführen.

Nachhaltige Fischzucht erobert die Dächer von Brüssel

Auf dem größten städtischen Bauernhof Europas – auf den Dächern der belgischen Hauptstadt – werden Fische gezüchtet und Gemüse angebaut. Dabei werden strenge Vorgaben für eine Kreislaufwirtschaft erfüllt.

Schrebergärten für Krisenzeiten

Könnte Urban Farming Teil der Lösung sein? Sicher ist: Neu ist die Idee nicht. Bis ins 19. Jahrhundert war der Anbau von Feldfrüchten innerhalb von Städten üblich. Als sie verschwanden, breiteten sich die privaten Schrebergärten aus.

Interessanterweise bildet sich ein Trend ab: Vor allem in Krisenzeiten boomt die Selbstversorgung in der Stadt. Oft mit Erfolg, wie das Beispiel Großbritannien zeigt: Im zweiten Weltkrieg lancierte die Regierung die „Dig for Victory“ Kampagne, infolgedessen bis zu fünfzig Prozent des Obst und Gemüses von der Bevölkerung in Schrebergärten produziert wurde. In Spanien stieg während der Wirtschaftskrise der Anteil von Kleingartenparzellen und Gemeinschaftsgärten zwischen 2006 und 2014 um das Sechsfache.

Neben dem privaten Anbau finden sich aber kaum Orte, an denen Landwirtschaft in größerem Maßstab in Städten stattfindet. Globale Ausnahme ist Havanna. Zwei Drittel des in der kubanischen Hauptstadt konsumierten Gemüses stammen aus dem Stadtgebiet selber – ein Erbe aus dem Zusammenbruch der Sowjetunion, als die kubanische Regierung in Versorgungsschwierigkeiten geriet und den städtischen Anbau förderte.

Dachgärten der Zukunft nutzen Hauswärme und Regenwasser

In Europa steck das Urban Farming noch in den Kinderschuhen. „Ich frage mich jeden Morgen, warum nicht viel mehr Städte darin investieren“, sagt Jörg Finkbeiner, Architekt und Mitbegründer des Berliner Netzwerkes „Dachfarm“. Das Konsortium besteht aus GärtnerInnen, AgrarwissenschaftlerInnen und ArchitektInnen, die gemeinsam Gewächshäuser für den Anbau von Nutzpflanzen in der Stadt planen.

Urban Farming sei das allerdings nicht, meint Finkbeiner, denn die meisten Gebäude eignen sich statisch nicht dazu: „Wenn man Nutzpflanzen in Kübel auf ein Dach stellt und bewässert, kommt man schnell auf 300 Kilogramm pro Quadratmeter. Das können die meisten Gebäude nicht tragen.“ Dachfarm setze daher auf möglichst leichte Dachkonstruktionen, die auf bestehende Gebäude gebaut werden. Darin wachsen die Pflanzen entweder in Substraten wie Bims, Lava oder Kompost, da diese deutlich leichter als Erde sind, oder auf hydroponischen Anlagen, bei denen die Nährstoffversorgung direkt über eine Nährlösung erfolgt. Die gläsernen Gärten sollen möglichst effizient arbeiten, indem sie die Abwärme des Gebäudes nutzen, Regenwasser sammeln oder Grauwasser aus den Haushalten wiederverwerten.

Paris: Parkhäuser zu Bio-Plantagen

Die Zahl der Autos in Paris geht zurück. Dadurch werden auch die Parkhäuser immer weniger genutzt. Das Unternehmen Cycloponics will nun diese städtischen Räume zurückerobern und sie für den Anbau von Bio-Gemüse nutzen.

Mit Dachfarm wolle man zeigen, dass sich die zunehmende Versieglung in Städten und der Verlust von Ackerflächen nicht widersprechen, sagt Architekt Finkbeiner im Gespräch mit EURACTIV.de.

Vor allem gehe es darum, „dass die dringend benötigten Flächen auf dem Land für den weiteren Anbau von Nährpflanzen wie Getreide frei werden“. Weitere Vorteile sind, dass mithilfe der Dachgärten verbrauchernah und sozusagen „on demand“ produziert werden kann, lange Transportwege oder die Lagerung der Lebensmittel entfallen. Nur sei eben nicht jede Art von landwirtschaftlichem Anbau statisch möglich, erinnert Finkbeiner. Außerdem gebe es vor allem aus baurechtlicher Sicht viele offene Fragen.

Genügend Fläche gibt es aber theoretisch: Einer Studie zufolge stünden allein in Berlin zwei Millionen Quadratmeter Dachfläche zur Verfügung.

Bologna und Amsterdam mit großem Potenzial

Für Supermärkte oder Restaurants könnte der eigene Dachgarten durchaus ein attraktives Konzept sein. Es lohnt sich allerdings nicht für jeden, denn die Investitionskosten sind derzeit noch vergleichsweise hoch und die derart geernteten Lebensmittel teurer als konventionell produzierte.

Zu dem Ergebnis kommt auch eine Studie des Wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments (EPRS) von 2017: Städtische Landwirtschaft sei zwar „mit erheblichen ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Vorteilen verbunden“, könne die Artenvielfalt erhöhen und der Erhitzung von Städten entgegenwirken. Doch dies gehe auch mit hohen Betriebskosten, beispielsweise für Strom, einher, und stehe im Wettbewerb zu anderen Nutzungsarten, zum Beispiel für Solaranlagen. Außerdem, so der Bericht, drohten Spannungen zwischen „traditionellen und innovativen Landwirten“ und eine Erhöhung der Grundstückswerte.

Zur Frage, wie weit verbreitet Urban Farming in der EU ist, gibt es keine belastbaren Zahlen. Laut der ERPS-Auswertung könnte das Potenzial, je nach Stadt, aber gewaltig sein könnte. So könnten in Bologna mehr als drei Viertel des dort verbrauchten Gemüses in Dachgärten angebaut werden. In Amsterdam, wo derzeit nur 0,0018 Prozent der Lebensmittel vor Ort produziert werden, könnten bis zu 90 Prozent des konsumierten Obst und Gemüses angepflanzt werden.

Bio-Landwirtschaft: Der Süden produziert, der Norden konsumiert

Drei Länder Südeuropas stehen für einen Anteil von 44,9 Prozent der gesamten ökologisch bewirtschafteten Anbauflächen in der EU. Wenn es um den Verbrauch von Bioprodukten geht, sind jedoch die nördlichen Länder ganz oben auf der Liste.

Kommission plant keine eigene Förderung

Diese Zahlen muten optimistisch an, denn sie würden wohl starker politischer Förderung bedürfen. In der derzeitigen Gemeinsamen Agrarpolitik der EU sind Urban-Farming-Projekte zwar theoretisch mit Mitteln aus beiden Säulen sowie aus dem Europäischen Sozialfonds und dem Fonds für Regionale Entwicklung finanzierbar – doch das liegt am Ermessen der Mitgliedsstaaten.

Weitere Förderung ist nicht in Aussicht: Die Kommission „plant derzeit nicht, Strategien für urbane Landwirtschaft über verschiedenen Regierungsebenen hinaus zu koordinieren“, so die Antwort des EU-Landwirtschaftskommissars Janusz Wojciechowski im Mai an das EU-Parlament. Derzeit arbeite man aber an einer Planungs-Studie zu dem Thema. Diese soll diesen Herbst abgeschlossen werden.

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