UN warnt: Ernährungsunsicherheit „viel schlimmer“ als während Arabischem Frühling

Der Exekutivdirektor des WFP, David Beasley, warnte unterdessen vor den wahrscheinlichen sozialen Unruhen, die sich aus den aktuellen Umständen ergeben könnten. [SHUTTERTSTOCK]

Die kritische Ernährungslage dürfte sich in den kommenden Monaten in 20 Ländern – den sogenannten „Hunger-Hotspots“ – weiter verschlechtern. Dies geht aus einem neuen UN-Bericht hervor, der warnt, die derzeitige Situation sei bereits schlimmer als während des Arabischen Frühlings 2011.

Der Bericht, der am Montag (6. Juni) von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zusammen mit dem UN-Welternährungsprogramm (WFP) veröffentlicht wurde, zeichnet ein düsteres Bild für das nächste Quartal 2022 und warnt vor „multiplen, drohenden Nahrungsmittelkrisen.“

Die Krisen wurden durch eine Kombination aus Konflikten, Klimaschocks und der Corona-Pandemie ausgelöst und durch die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine verschärft, der weltweit zu steigenden Lebensmittel- und Kraftstoffpreisen geführt hat.

In dem Bericht werden 20 Länder als besonders gefährdet hervorgehoben, die in dem Bericht als „Hunger-Hotspots“ bezeichnet werden.

Es handelt sich dabei um Gebiete, die bereits vor Beginn des russischen Angriffskriegs mit einem Rückgang der Lebensmittelproduktion aufgrund von Klimaschocks wie wiederkehrenden Dürren oder Überschwemmungen zu kämpfen hatten und in denen die Preise für Lebensmittel und Energie deshalb besonders stark ansteigen.

An der Spitze der Liste stehen besonders ernährungsunsichere Länder wie Äthiopien, Nigeria, Südsudan und Jemen, für die weiterhin höchste Alarmstufe gilt.

Seit dem letzten Hotspot-Bericht, der im Januar veröffentlicht wurde, sind jedoch auch mehrere neue Länder hinzugekommen, darunter Afghanistan, Somalia und Kenia.

Der Generaldirektor der FAO, Qu Dongyu, erklärte anlässlich der Veröffentlichung des Berichts, die Organisationen seien „zutiefst besorgt über die kombinierten Auswirkungen sich überschneidender Krisen, die die Fähigkeit der Menschen gefährden, Nahrungsmittel zu produzieren und zu erhalten, und Millionen von Menschen in eine ernste Ernährungsunsicherheit stürzen.“

„Wir befinden uns in einem Wettlauf mit der Zeit, um den Landwirt:innen in den am stärksten betroffenen Ländern zu helfen, unter anderem durch eine rasche Steigerung der Nahrungsmittelproduktion und die Stärkung ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber den Herausforderungen“, warnte er.

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Maurizio Martina ist der stellvertretende Direktor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) und ehemaliger Landwirtschaftsminister Italiens. Er sprach mit EURACTIVs Agrarjournalisten Gerardo Fortuna.

Wirtschaftliche Instabilität

Der Exekutivdirektor des Welternährungsprogramms, David Beasley, warnte unterdessen vor wahrscheinlichen sozialen Unruhen, die sich aus den aktuellen Umständen ergeben könnten.

Laut Beasley sind die derzeitigen Bedingungen „viel schlimmer“ als während des Arabischen Frühlings 2011 und der Lebensmittelpreiskrise 2007 bis 2008, als 48 Länder „von politischen Unruhen, Aufständen und Protesten erschüttert wurden.“

„Wir haben bereits gesehen, was in Indonesien, Pakistan, Peru und Sri Lanka passiert – das ist nur die Spitze des Eisbergs“, warnte er.

Er fügte hinzu, dass dies ein „perfekter Sturm“ sei, der nicht nur die Ärmsten der Armen treffen werde, sondern auch „Millionen von Familien überfordert, die sich bisher gerade so über Wasser halten konnten.“

Seine Kommentare spiegeln die des stellvertretenden FAO-Direktors Maurizio Martina wider, der bereits im April gegenüber EURACTIV erklärte, dass es entscheidend sei, aus vergangenen Krisen zu lernen, um nicht die gleichen Fehler zu machen.

So kritisierte er beispielsweise die Tatsache, dass die Politik während der Nahrungsmittelkrise 2007 bis 2008 zu langsam war, um in Fragen der Lebensmittelsicherheit und der globalen Lieferkette einzugreifen.

„Die derzeitige Situation weist aber auch einige neue Elemente auf, da ein Krieg herrscht und die Auswirkungen des Klimawandels auf die landwirtschaftliche Produktion jetzt noch deutlicher sind“, warnte er.

Dringende humanitäre Maßnahmen erforderlich

Der Bericht enthält daher konkrete länderspezifische Empfehlungen zu den Prioritäten der humanitären Soforthilfe, die laut dem Bericht erforderlich ist, um „Leben zu retten, Hungersnöte zu verhindern und die Lebensgrundlagen zu schützen“.

Der Bericht fordert außerdem vorausschauende Maßnahmen im Rahmen der humanitären Hilfe und der Entwicklungshilfe, um sicherzustellen, dass „vorhersehbare Gefahren nicht zu ausgewachsenen humanitären Katastrophen werden“.

„Wir haben Lösungen. Aber wir müssen handeln, und zwar schnell“, forderte Beasley vom Welternährungsprogramm.

Afrikanische Union und EU verurteilen Russland für Ernährungskrise

Die EU und die Afrikanische Union (AU) haben sich auf eine gemeinsame Stellungnahme zur Ernährungssicherheit geeinigt. Darin machen sie den russischen Präsidenten Wladimir Putin für die Störungen der Lebensmittelversorgung verantwortlich und warnen vor einer „katastrophalen“ Hungersnot.

[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]

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