Tierisch schlechte Noten

Große Teile der Fleischindustrie haben keinerlei Konzepte, um die Umwelt zu schonen. [El Narit/ Shutterstock]

Eine Studie hat untersucht, wie nachhaltig die weltgrößten Mastbetriebe und Molkereien arbeiten. Die Ergebnisse sind erschreckend.

Umweltschutz ist wichtig wie nie und längst ein Marketinginstrument geworden. Immer mehr Unternehmen verpflichten sich dazu, nachhaltig zu produzieren. Nestlé plant zum Beispiel, die CO2-Emissionen seiner Lebensmittel in einem Jahrzehnt um 35 Prozent zu reduzieren. McDonalds möchte sämtliche Verpackungen bis 2025 recyceln. Für den Umweltschutz sind das gute Nachrichten. Aber wie steht es um die Zulieferer der Lebensmittelkonzerne, weiter vorne in der Produktionslinie?

Die Bedingungen, unter denen Fleisch, Eier und Milchprodukte für den weltweiten Markt produziert werden, sind teilweise noch immer katastrophal und stehen diametral zu den UN Nachhaltigkeitszielen. Zu dem Schluss kommt eine Studie der Investorennetzwerkes „Fairr“, welche die Geschäftspraktiken der 60 weltgrößten Zulieferer tierischer Produkte untersucht hat. Die Ergebnisse zeigen: Nur eine Handvoll Zulieferer arbeiten nachhaltig, der Großteil der Unternehmen ergreift keinerlei Maßnahmen, um Luft oder Wasser zu schützen, Abholzung zu verhindern oder auf das Tierwohl zu achten. Besonders schlecht schneiden dabei asiatische Konzerne ab, die wenigen europäischen Unternehmen – vorwiegend skandinavische Fischereien sowie der französische Konzern LDC – haben zumindest einige Nachhaltigkeits-Strategien vorzuweisen. Doch das heißt nicht viel, denn die Sojasprossen, deren Anbau ganze Landstriche verödet oder das Schweinefleisch, für das großen Mengen nitratbelastetes Wasser in die Umwelt gelassen wurde – sie landen trotzdem in den Produkten von Nestlé, McDonalds und Co. Und auf europäischen Tellern.

EU-Landwirte fordern Maßnahmen gegen unfaire Handelspraktiken

Landwirte haben die Kommission dazu aufgerufen, für mehr Transparenz in der Lebensmittelkette zu sorgen und unlautere Handelspraktiken zu unterbinden.

Der Schutz des Planeten beginnt also nicht mit dem Kauf von Bio-Produkten, sondern schon davor. „Investoren, Kunden und Händler sollten mehr darauf schauen, wie Zulieferer mit von ihnen verursachte Klimaschäden umgehen – und ob sie es überhaupt tun“, sagt Iman Effendi, eine der Autorinnen der Studie, gegenüber EURACTIV.

Treibhausgase und Abwässer werden nicht kontrolliert

Anhand von Unternehmensdaten, soweit sie denn herausgegeben wurden, fanden die Analysten heraus, dass besonders die Fleischproduktion bisher wenig auf Nachhaltigkeit setzt. Weniger als ein Viertel der Vieh- und Geflügelkonzerne messen ihre Treibhausgasemissionen, noch haben sie Ziele, diese zu reduzieren. In der Rinderzucht haben 86 Prozent der Konzerne keinerlei Strategie gegen die Wasserknappheit in vielen Regionen, in denen sie aktiv sind. Nur ein Unternehmen konnte einen nachvollziehbaren Plan zur Düngeentsorgung vorweisen. Auch das ist ein Problem, denn Tiermist kann das Grundwasser stark belasten, wenn er in großen Mengen in die Umwelt ausgebracht wird.

Wald und Wurst

Warum die Liebe der Deutschen zum Fleisch die Umwelt und sozialen Strukturen in Lateinamerika schädigt und wie ein Wandel weg von Zerstörung hin zum Schutz der Wälder aussehen kann.

Auch beim Tierwohl schneiden die Zulieferer fast durchweg sehr schlecht ab: Nicht einmal ein Drittel der Unternehmen hat Leitlinien zur komfortablen Unterbringung der Tiere, derselbe Anteil hat keinerlei Regulierung zur Verwendung von Antibiotika. Die Stoffe werden Tieren in der Massentierhaltung verabreicht, um ihr Wachstum anzuregen und Krankheiten präventiv einzudämmen. „Auch gesunden Tieren werden routinemäßig Antibiotika gegeben. Das muss auf Krankheitsfälle beschränkt werden“, so Effendi. Insgesamt erhielten drei Viertel der Viehzucht- und 60 Prozent der Fischerei-Unternehmen mit Blick auf das Tierwohl den Index-Wert „hohes Risiko“.

Indirekt mit der Fleischproduktion hängt die Rodung von Wäldern zusammen. Denn es muss Fläche geschaffen werden für Millionen Rinder und für den Futtermittelanbau – ein Thema, das durch die Waldbrände in Brasilien derzeit politisch besonders brisant ist. Und dennoch besitzt laut Studie kein einziger der Konzerne eine glaubwürdige Strategie, um die Abholzung von Wäldern zu verhindern.

Macron will europäische „Proteinsouveränität“

In der Vereinbarung zu den Pariser Klimazielen hat sich die Staatengemeinschaft darauf geeinigt, dass auch die Emissionen des internationalen Nahrungsmittelsektor eingedämmt werden muss. Allein die Tierhaltung trägt weltweit 14 Prozent der Treibhausgase bei. Und die Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen geht davon aus, dass der Fleischkonsum der Weltbevölkerung bis 2050 noch einmal um 85 Prozent wachsen wird.

Amazonas-Brände: Frankreich fordert weniger "Soja-Abhängigkeit"

Brände im Amazonas-Gebiet werden nicht selten von Bauern gelegt, die versuchen, die wachsende Nachfrage nach Sojabohnen zu decken. Auch deswegen sollte Europa weniger abhängig von Soja-Importen werden, fordert Paris.

Auch in der EU wird immer mehr Fleisch produziert. 2017 waren das laut Eurostat etwa 23 Millionen Tonnen Schweinefleisch, ein Viertel davon kam alleine aus Deutschland. Die Geflügelproduktion ist seit Anfang des Jahrzehnts um 25 Prozent angewachsen. Damit einher gehen nicht nur Treibhausgase und die hohe Nitratbelastung für das Grundwasser, sondern auch ein immenser Bedarf an Fläche. Allein um den deutschen Lebensmittelmarkt zu versorgen, wurden im Jahr 2015 über zwölf Millionen Hektar im Ausland in Anspruch genommen – das ist etwas kleiner als die Fläche Griechenlands. Angesichts der dramatischen Auswirkungen auf den Regenwald forderte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron diese Woche eine „Proteinsouveränität“ der EU, um weniger abhängig von ausländischen Futterlieferanten zu sein.

Die Fleischindustrie, das zeigt auch der Anfang August veröffentlichte Bericht des Weltklimarates IPCC, wird sich radikal ändern müssen, um das Pariser Klimaziel noch einzuhalten. Und davon ist niemand in der Lebensmittelproduktion ausgenommen, meint die Forscherin Iman Effendi: „Wenn Lebensmittelunternehmen sich eigene Klimaziele setzen, betrifft das auch ihre Zulieferer. Aber wenn die ihrerseits nicht handeln, können diese Ziele nicht erreicht werden. „

Greenpeace: Weniger Milch und Fleisch für das Klima

Die Welt muss die Produktion und den Verbrauch von Fleisch bis 2050 halbieren, um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen, heißt es in einem neuen Greenpeace-Bericht.

Subscribe to our newsletters

Subscribe

Wissen was in Europas Hauptstädten passiert - abonnieren Sie jetzt unseren neuen 10 Uhr Newsletter.