Studie: Europa kann pestizidfrei ernährt werden

Vier größten europäischen Umweltschutzorganisationen fordern innerhalb des nächsten Mehrjährigen Finanzrahmens (MFR) mehr Mittel für Umwelt- und Klimaschutz bereit zu stellen.

Dank der Agroökologie könnten in Zukunft Pestizide abgeschafft, Umweltschutz verbessert und die Ernährungssicherheit dennoch garantiert werden. [Tim Lucas/Flickr]

Die europäische Landwirtschaft könnte demnächst in der Lage sein, auf Pestizide zu verzichten, ihre Auswirkungen auf Klima und biologische Vielfalt zu verringern und gleichzeitig die Ernährungssicherheit für alle Europäer zu gewährleisten, sagten die französischen Forscher Pierre-Marie Aubert und Xavier Poux auf einer Konferenz am 13. September in Paris.

„Wir präsentieren ein alternatives Szenario, welches zu einer groß angelegten Transformation des Agrarsektors führen kann – dank eines Wechsels hin zur Agroökologie,“ erklärte Pierre-Marie Aubert dem Publikum während der AgroParisTech.

Aubert und sein Kollege Xavier Poux sind Forscher des französischen Think-Tanks „Institut für Nachhaltige Entwicklung und Internationale Beziehungen“ (Iddri). Die beiden Forscher präsentierten ein Zehnjahresszenario mit dem Titel Tyfa (Ten Years for Agroecology in Europe).

Die Frage, die sie dabei stellen: Wie kann man Europa ernähren und gleichzeitig Umwelt und Klima schützen – vor allem vor dem Hintergrund eines Produktionsrückgangs, der derzeit in der ökologischen Landwirtschaft zu beobachten ist?

Agrarindustrie fordert: Mehr Digitalisierung in der Landwirtschaft

Wenn es um Präzisionslandwirtschaft geht, traut sich die EU-Kommission in ihren Vorschlägen für die GAP nach 2020 nicht genug, meinen Vertreter der Agrarindustrie.

„Die aktuelle Debatte über die Zukunft der Landwirtschaft ist ins Stocken geraten, weil es unmöglich scheint, den Anstieg der landwirtschaftlichen Produktion einerseits und die Verringerung der Auswirkungen auf Klima und Biodiversität andererseits zu vereinbaren,“ so Aubert.

Er erläuterte weiter: „Um diesen scheinbaren Widerspruch zu überwinden, haben wir uns entschieden, die Frage umzukehren. Deshalb haben wir gefragt: Welche Bedürfnisse haben die Europäer mit Blick auf eine gesunde und nachhaltige Ernährung, und welche landwirtschaftlichen Modelle gibt es dafür?“

Aus diesem Grund konzentriere sich der Ausgangspunkt ihres Berichts zunächst auf die gesundheitlichen Auswirkungen, die sich aus den derzeitigen Essgewohnheiten der Europäer ergeben.

„Im Hinblick auf die Gesundheit wachsen ernährungsbedingte Krankheiten (wie Diabetes, Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen) mit alarmierender Geschwindigkeit,“ heißt es in der Studie. „Obwohl wir in Europa divers produzieren, essen wir zu viel und unsere Ernährung ist im Vergleich zu den Ernährungsempfehlungen der Europäischen Lebensmittelsicherheitsorganisation (EFSA) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unausgewogen.“

Zeitgleich gebe es aber eine wachsende Nachfrage der Kunden nach Bioprodukten in ganz Europa, was wiederum zeige, dass sie sich verstärkt um den Zusammenhang zwischen ihrer Gesundheit und den konsumierten Lebensmitteln sorgen, merkte Aubert an.

Greenpeace: Weniger Milch und Fleisch für das Klima

Die Welt muss die Produktion und den Verbrauch von Fleisch bis 2050 halbieren, um die Klimaziele des Pariser Abkommens zu erreichen, heißt es in einem neuen Greenpeace-Bericht.

Das Szenario setzt daher auf eine Neugewichtung der europäischen Ernährung: mehr Getreide, Obst und Gemüse, Eiweißpflanzen und weniger Fleisch, Eier, Fisch und Milchprodukte.

Von diesem hypothetischen Startpunkt aus „zeigt unsere Studie, dass ein agroökologisches Europa in der Lage wäre, die Europäer im Jahr 2050 zu ernähren, gleichzeitig seine Treibhausgasemissionen um 40 Prozent zu reduzieren und die Biodiversität zu erhalten,“ sagte Aubert.

Keine Pestizide, weniger Emissionen – aber auch Produktivitätsverluste

Um dies in die tatsächliche Praxis umzusetzen müssten also der Gebrauch von Pestizide und anderen landwirtschaftlichen Betriebsmitteln gestoppt, und stattdessen grüne landwirtschaftliche Praktiken wie Fruchtfolge, die Verwendung von Gülle zur Düngung von Böden sowie ökologische Infrastrukturen wie Hecken, Teiche, Bäume oder niedrige Mauern eingeführt werden.

Dieses Szenario führe allerdings je nach Kulturpflanze auch zu einem Produktivitätsverlust von 10-50 Prozent, heißt es in der Studie. „Ja, das bedeutet also weniger Nutzen für die Landwirte, aber diese Verluste können durch das Geld ausgeglichen werden, das sie sparen, wenn sie viel weniger landwirtschaftliche Inputs kaufen müssen,“ glaubt Aubert.

Der französische Wissenschaftler betonte, dieses agroökologische Szenario würde es dem europäischen Agrarsektor nicht nur ermöglichen, die Verbraucher des Kontinents zu ernähren, sondern auch, seine aktuelle Exportkapazität für Getreide, Milchprodukte und Wein beizubehalten. Darüber hinaus würde die europäische Abhängigkeit von Agrarimporten stark reduziert.

„Heute importiert die Europäische Union Produkte im Gegenwert von 35 Millionen Hektar Ackerland – im Wesentlichen Soja aus Südamerika, das für die Viehzucht verwendet wird,“ erinnerte der Experte.

Hintergrund

Iddri beschreibt sich selbst als unabhängiges politisches Forschungsinstitut und eine "Multi-Stakeholder-Dialogplattform", deren Ziel es ist, Bedingungen zu identifizieren und Instrumente vorzuschlagen, um die nachhaltige Entwicklung in den Mittelpunkt der internationalen Beziehungen sowie der öffentlichen und privaten Politik zu stellen.

Die Generaldirektion Agri der Europäischen Kommission hat Iddri in den vergangenen Jahren mehrfach beauftragt, diverse Forschungsprojekte zur nachhaltigen Landwirtschaft zu leiten, darunter die oben genannte Studie, die am 13. September veröffentlicht wurde.

Das Institut wurde 2001 von einem der Erschaffer des Pariser Klimaabkommens, Laurence Tubiana, gegründet, der außerdem CEO der European Climate Foundation ist.

Ab 2014 leitete Teresa Ribera Rodríguez das Institut, bevor sie im Juni 2018 als Ministerin für den ökologischen Wandel in die spanische Regierung von Pedro Sánchez wechselte.

Weitere Informationen

Frankreich streicht ab 2018 Subventionen für die boomende Bio-Landwirtschaft

Trotz anhaltenden Wachstums will die französische Regierung die Subventionierung der Bio-Landwirtschaft ab 2018 beenden. Darunter könnte der Sektor leiden.

Steuervorschlag des Umweltbundesamts: Der Klimawandel und das liebe Vieh

Die Produktion von Fleisch und Milch schadet dem Klima mehr als Getreide, Obst oder Gemüse. Das Umweltbundesamt fordert darum, tierische Produkte höher zu besteuern. Doch der Vorschlag spaltet die Gemüter.

Umfrage: Landwirtschaft und Umweltschutz - ein ungleiches Paar Schuhe?

Die Landwirtschaft ist der zweitgrößte Verursacher von Treibhausgasen in Deutschland. Was muss geschehen? Eine Umfrage auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin.

Subscribe to our newsletters

Subscribe